special:
JANUS "Auferstehung" - Studio-Pre-Listening, 14.02.2004
Nachtschicht-Studio, Rödermark
In einem kleinen Nest, irgendwo hinter Frankfurt, nah bei
Darmstadt, da wo die Straßen "Tanneweg", "Hasenpfad" oder "Jagdweg"
heißen. Wo es nur ein einzige Ampel gibt, sich Reihenhaus an Reihenhaus
schmiegt und die Wege so sauber sind, dass man nicht zu rauchen wagt, weil man
ja die Asche nicht auf den Boden fallen lassen will... Dort also, befindet sich
im Keller eines solch gepflegten Häuschens das "Nachtschicht" Studio, dass
immerhin schon so illustre Gestalten wie SAMSAS TRAUM, SOPOR AETERNUS o.a.
gesehen hat. Oder eben JANUS. Diese, genauer Studioboss Tobias Hahn und
Stimmwunder Rig hatten zum nachmittäglichen Kaffeekränzchen geladen,
um einen ersten akustischen und optischen Eindruck auf das neue Album
"Auferstehung" zu gewähren.
Schnell wurde klar, dass das was uns da am 19.03.
erwartet nicht gerade ein Album ist, dass man mal eben so nebenbei hört.
Vier Jahre haben sie sich Zeit gelassen. Vier Jahre, insgesamt 40 Musiker, die
sich gelohnt haben und die man dem Werk anhört. Das erste was
auffällt ist, dass sich Janus durchaus weiterentwickelt haben. Neben den
schweren, brettharten Gitarrenwänden, martialischen Schlagzeugattacken,
sind es vor allem, die vielen, filigranen und akribischen Kleinigkeiten, die
dem Album eine musikalische Spannung verleihen, die es in sich hat. Neben
Glocken, Marimbas, Streichern und Bläsern, erklingen (echtes) Piano,
diverse Geräusche, elektronische Sounds, und experimentelle Strukturen,
die auch schon mal so ungewöhnliche Sounds wie Latinorhythmen andeuten.
Über allem thront die unvergleichliche Stimme Rig's, mal mächtig,
aggressiv, mal zärtlich, gebrochen. Immer wieder von Gastsängerinnen
und am Ende sogar von einem Chor begleitet. Daneben erklingen bekannte
Synchronsprecher im Intro und Outro. Ja, es handelt sich wieder um ein
Konzeptalbum! Auch wenn es nicht unbedingt so geplant war.
"Wir wollten nach 'Schlafende Hunde' eigentlich gar
kein Konzeptalbum mehr machen.", erklärt Rig. "Am Anfang war 'Paulas
Spiel', dass wir schon kurz nach 'Schlafende Hunde' geschrieben und
ins Liveprogramm aufgenommen haben. Nach und nach entstanden immer mehr
Stücke, die am Ende plötzlich wieder eine Geschichte erkennen
ließen."
Auch wenn diese nicht eindeutig zu greifen ist. Es
könnte sich um die Geschichte einer Frau handeln, die einst missbraucht
worden ist und jetzt daran zerbricht. Erzählt von dem der sich in sie
verliebt hat. Es könnte auch sein, dass sie einfach "nur" schizophren ist,
oder einer körperlichen Krankheit erliegt. Interpretationen sind dem
Hörer überlassen. JANUS bestehen darauf, dass es sich nicht um
eine Geschichte im klassischen Sinn handelt, weil ihnen dies im
Entstehungsprozess mehr Freiheit erlaubte. Eine Freiheit die man dem Endprodukt
anhört.
Hier
herrschte die Freude am Experiment, und der Wahnsinn zweier Künstler, die
immer wieder auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten sind. Selbst
Triangeln oder Xylophone wurden in akribischer Kleinarbeit in irgendwelchen
Konservatorien aufgenommen und stundenlang nachbearbeitet, statt sie einfach
aus dem Sampler zu holen. Das hört am Ende kaum jemand heraus und man
fragt sich fast verwundert, wie sie es geschafft haben, dieses Werk dann doch
noch, nach "schon" vier Jahren fertig zu stellen. Ein Werk bei dessen
Hören man die ganze Zeit, trotz aller schönen und leisen Momente,
trotzt aller musikalischen Spannung, zwischen Härte und Gefühl, vor
allem auf Grund der textlichen Wucht, sehnsüchtig auf die im Titel
angekündigte "Auferstehung" wartet. Die Erlösung. Die aber
nicht kommt. Sich zwar in einem brachialen, symphonischen Werk am Ende
ergießt, klassische, ja schon sakrale Ausmaße annimmt, den
Hörer aber ebenso verstört zurücklässt, durch die textliche
Aussage, dass jetzt sowieso alles wieder von vorn beginnt. Man kann dem
Wahnsinn hinter der Geschichte also nicht entrinnen. Musikalisch wird man aber
gerne wieder auf "Replay" drücken, denn es gibt viel Neues zu entdecken.
Daß Tobias und
Rig zwei Verrückte sind, die ohne Rücksicht auf Konventionen ihr Ding
durchziehen, wird nicht nur bei den Erzählungen über den langen
Entstehungsprozess von "Auferstehung" klar. Das Album erscheint auch in
einer limitierten Edition, was wahrscheinlich der beste Weg ist um den Brennern
zu entkommen. Hier hatten sie aber keine Lust auf irgendwelche Demos, Songs
also, die es ja aus gutem Grund nicht auf das Album geschafft haben, oder
irgendwelche "Name-Dropping-Remixe". Nein! Janus machen einfach noch mal zwei
komplette neue CDs dazu. Ausgehend von einer Idee des Verlags "Feder &
Schwert" vertonten sie die Rollenspielserie "Kleine Ängste". Eine
Geschichte irgendwo zwischen "Alice im Wunderland" und "Es" von Stephen King,
in dem sich kleine Kinder in einer Art "Welt hinter den Spiegeln" ihren
Kindheitsängsten stellen müssen. Das ist sehr makaber und
düster, denn all die Monster die unter dem Bett wohnen, sind uns allen nur
zu gut bekannt. Und um dieser Erinnerung an unsere eigene Kindheit noch einen
drauf zu setzen, schrieb Rig eine Geschichte, die von einem bekannten
Hörspielsprecher dann zu einem Hörbuch gemacht wurde. Einem Sprecher
den wir alle schon vor zwanzig Jahren in all den "Benjamin Blümchen" und
"Bibbi Blockberg" Kassetten gehört haben. Der Angriff auf das
Unterbewußtsein, auf unser Urängste. Gänsehaut pur. Und
irgendwie hat man dass Gefühl dass kaum jemand so eine Geschichten je
besser vertont wird, als eben JANUS.
Zwei besessene
Künstler, die seit Jahren konsequent an ihrem Traum arbeiten,
selbstkritisch auf der Suche nach der absoluten Perfektion sind, und dieser mit
Auferstehung verdächtig nahe gekommen sind. Obwohl sie natürlich
jetzt schon noch den einen oder anderen Kritikpunkt und Verbesserungsvorschlag
hätten. Aber dieses Album der Welt noch länger vorzuenthalten
wäre fast schon ein Verbrechen. Etwas Sorge hatten sie schon,
erzählen sie, ob die Welt sich überhaupt noch an JANUS
erinnert.
"Man hat uns ja immer erzählt dass das Musikbusiness ein
sehr schnelllebiges Geschäft sei.", meint Rig dazu. "Wir haben ja nicht
nur vier Jahre für das Album gebraucht, wir waren in der Zeit ja auch
nicht großartig live vertreten, oder mit irgendwelchen Singles. Also
streckten wir erst mal über unsere Homepage und ein befreundetes
Internetmagazin die Fühler aus. Wir waren überrascht über die
zahlreichen Reaktionen. Unsere Fans waren ja doch noch nicht ausgewandert oder
gar ausgestorben."
Vielleicht war dies auch der Punkt, der
die Beiden dazu brachte das Album dann doch endlich mal fertig zu machen. Das
ist Independent. Keinen Vertrag haben, der einen zwingt jedes Jahr ein neues
Album rauszubringen, auch wenn man eigentlich gar keine Ideen hat und es so
vielleicht zu einem belangslosen, flachen Konsumwerk verkommen zu lassen.
Nein! JANUS machen Kunst.
Mit der man sich auseinander setzen muss, die genügend Ecken und Kanten
zum dran reiben bietet. Hin und wieder eingängige Parallelen zu bekannten
Acts aufweist, insgesamt aber extrem eigenständig ist. Die
Detailverliebtheit hört man "Auferstehung" in jedem Ton an und das
Artwork, auf das wir dann auch noch einen Blick werfen konnten, setzt dem
Ganzen die Krone auf. Hier wird ein Gesamtkunstwerk auf den Markt gebracht,
dass fast alle Sinne anspricht, genug Beschäftigung für viele Tage
und verschiedene Stimmungen bietet. Ein Werk dass man immer wieder hören
kann, ja fast muss. Dessen zwei umfangreiche Booklets man immer wieder in die
Hand nehmen und anschauen, ja lesen möchte. Ein optischer und akustischer
(Alp)traum. Dunkel, schwer, faszinierend, komplex, verwirrend,
wunderschön, berührend und wahrscheinlich süchtig machend. Das
neue Album von JANUS wird ein Machwerk im positiven Sinne. Und vor allem
eines, auf das es sich gelohnt hat zu warten. Willkommen in der Welt hinter
den Spiegeln.
Thomas
Sabottka für GOTHICWORLD
Bilder:
Michael Kuhlen
(OBLIVEON)
"Auferstehung"-Trackliste: 01 Wenn du vor mir
stehst 02 Paulas Spiel 03 Ich will seinen Kopf 04 Scherbengesicht
05 Die Tage werden enger 06 Neunundachtzig 07 Überleben 08
Du siehst aus wie immer 09 Auferstehung 10 Paulas Traum [Bonus
Track]
"Kleine Ängste"
MCD (nicht einzeln erhältlich) 01 Kleine Ängste 02 Das
Land unter dem Bett 03 Lemuren 04 Die Welt steht Kopf 05
Kinderaugen 06 Ein sicherer Ort 07 Die letzte
Tür
"Kleine Ängste" Das Hörbuch.
Eine Geschichte von Dirk Riegert nach Motiven des Erzählspiels
Kleine Ängste.
Das Hörbuch zu "Kleine Ängste" ist
ebenso wie die CD in 7 Kapitel unterteilt, allerdings findet man hier nur wenig
Musik. Stattdessen wird RIGs Erzählung von Reinhard Schulat meisterlich
vorgetragen und ist mit einigen dezenten Soundspielereien stimmungsvoll
unterlegt.
JANUS-Homepage:
www.knochenhaus.de |