special:
KMFDM / PANIC DHH WW III-TOUR 2004 06.07.2004 - Batschkapp,
Frankfurt/M.
Käpt'n K. hat den 3. Weltkrieg erklärt -
also zu den Waffen, Brüder & Schwestern! Ziemlich still ist es
um ihn geworden, im Heimatland des Sascha Konietzko. Vor 20 Jahren
gründete er die Künstlerkommune KMFDM in Paris, 6 Jahre später
darauf verschlug es ihn vom Ruhrpott in die neue Welt. Chicago & Seattle
sind bessere Orte für Industrial-Heads der ersten Stunde, einfach mehr
Potential & mehr Stoff für neue Feindbilder. So viel mehr, dass man
vor 2 Jahren den WGT-Auftritt mangels Sturm & Drang' im Land der
rotgrünen Besoffenheit cancelte. Ernüchterung herrscht inzwischen
allerorten & auch der Revoluzzer-Charme der Kult-Band vergilbte langsam.
Seit Ende September 2003 liegt aber nun die kraftvollste Doktrin seit dem
legendären Naive' im halbwegs politisch korrekten Plattenregal
WW III'. Kampfansage & 15te Wiederauferstehung einer immer wieder
umbesetzten, umbenannten & oft schon totgesagten Band - quasi als
Präventivkrieg!
Die durchaus ernst zu
nehmende prophetische Komponente des Käpt'n K. betrifft nicht nur so manch
politische Aussage, auch sein Gespür für Newcomer ist inzwischen
legendär. War's für den US-Teil der Tour noch die erst 9 Monate alte
Band Black:Japan, so tritt hier Punkt 21 Uhr PANIC DHH auf die Bretter
und will lautstark seinen Virus unters Volk bringen. Soundcheck in einer 30
Grad heißen, halbvollen Halle
der dann nach ca. 3 Minuten ins
reguläre Programm gleitet & sofort klar macht, wer hier der
Leader' ist. Robbie Furze, Live-Guitar-Terrorist von Alec Empire geht
mit dieser Band seiner eigenen soziologisch belasteten Extravaganz nach &
haut doch in die gleichen Kerben aus Industrial, Noise & Punk.
Kompromisslos, provokativ & weit ab von gewohnten Soundstrukturen drischt
die Kate-Moss-Version einer Gitarristin, Juliet Elliott das Ganze noch mit
fetten Metalriffs aus dem Cyber-Korsett.
Ruhig
beginnen die Songs wie Spare' & No More'
bleiben dies auch bis kurz vor Schluss. Dann streicht sich Juliet kurz die
Haare aus dem Gesicht, geht in die Hocke & jeder im Saal gäbe sonst
was dafür einmal selbst der Korpus ihrer Gitarre zu sein
auf dem sie
nun extasisch rumfingert, fast explodiert. Die Drums scheppern eine Salve nach
der anderen
Takt &
Hooklines sind was für Pensionäre!
Robbie
reißt sich das Shirt vom Leib, ob wegen der Hitze oder einfach weil der
Alec ja live auch immer diese empirische Pose gibt. Ja, auch im
Parolen-Schreien sind sich die beiden doch sehr ähnlich, hier kommt's nur
frischer & mit deftig mehr Rockappeal rüber. Dazwischen wabbern &
piepsen die Programming-Schnipsel von Antti Uusimaki, der ging zwar einst auch
bei Brian Eno in die Lehre. Doch heut & hier, brutale Beats deren
Attitüde nicht zu cool ist um wahr zu sein. Gemeinsam werfen sie sich,
nach einer dreiviertel Stunde satter digitaler Aggressivität, noch auf die
Coverversion eines Klassikers vom musikalischen Ziehvater. Nineteen
Ninty Five' der Atari Teenage Riots wurde hier auf Knien zelebriert &
gleichzeitig bis auf die Knochen geschält. Beide Gitarren wurden mit den
Hälsen über die Bühnenboxen geschleift & die
dazugehörigen Verstärker kurzerhand zur Schaltzentrale der
mörderischen Geräuschkulisse. Beachtlicher Applaus für eine
großartige Show & keinerlei Zugabe, riot sounds produce
riots!
Damit sich diese angestaute Aggressivität nicht zu
sehr gegen den Headliner des Abends richtete, gab's zum Umbau quasi als
Atempause mal Klassik vom Band. Fast eine halbe Stunde lang sorgte ein witziger
Rowdie mit rotem Mohawk akribisch für Perfektion auf der Bühne,
selbst die Drum-Sticks wurden gerade ausgerichtet. Licht aus, Country-Sample
an!
Einfach zu geil, der Intro-Trick der WW III'
funktionierte auch hier als Surprise-Opener. Danach gab's von Steve White nur
brutales Gitarrenstakkato & Sascha, entspannt wie Daddy Cool, röhrt "i
declare war on the world, war in outer space
"! Kurzes Hallo & gleich
weiter mit der apokalyptischen Botschaft From here on out'.
Ha, von wegen "never getting what you need
".Endlich war er
hier! Schon fast lebende Legende, die in den Staaten in einem Atemzug mit
Ministry & den Nine Inch Nails genannt wird & dort Stadien füllt.
Er hat Acts wie Korn, Pig & Lucia auf den Weg gebracht, Rammstein den Weg
zum Erfolg in Amerika geebnet, produzierte & remixte White Zombie,
Metallica, Megadeth
& sorgte letztendlich mit dem Ausscheiden seines
Ex-Kollaborateur Tim Skold endlich mal für ordentlich Dampf auf den
letzten Manson-Outputs. Im Gegensatz zu den vorab Genannten blieb er konsequent
& dem härtesten Industrial mit politischen & persönlichen
Statements, die an Klarheit nie zu wünschen übrig ließen stets
treu. Irgendwie gradlinig & trotzdem immer Avantgarde
instrumentelles
Äquivalent zur Grausamkeit, Konietzko reproduzierte nie Klischees, die er
sich woanders abgeguckt haben könnte. Soviel Parteilichkeit, Begeisterung
& eine inzwischen volle Halle sorgte wohl für die Erweiterung der
Setlist um Songs der Alben Angst', Symbols' &
Attak' zum quasi Best-Off-Rip-The-System-Konzert.
 Ist man dieser Ästhetik erst einmal
erlegen
ist geteiltes Leid, halbes Leid & Elend'.
Während Sasha immer wieder zum Kampf aufrief, knüppelte sich Andy
Selway durch seine Hautbespannten Mörser & Lucia Cifarelli gab nicht
erst zu Blackball' restlos alles. Mit beeindruckend schriller
Stimme unterlegte sie die High-Tech-Partisanen mit hörbar multiplen
Orgasmen, wand sich auf der Bühne & strich der ersten Reihe schon mal
über die Denkerstirn um ihnen richtig einzuheizen. Doch mit "machen wir
der gespenstischen Veranstaltung ein Ende
" waren nicht Lucias
Animier-Einlagen gemeint. Schon Gudrun Ensslin wusste "Auch Sex ist politisch"
& das war hier nicht Rock mit Herzschmerz.
Der Fuck-Finger ersetzt
inzwischen das Peace-Zeichen, der deutsche Gruß wird zur Anprangerung der
gegenwärtigen Machtelite
D. I. Y.' "destroy what
destroys you
" & gleich hinterher eine rasende Lucia mit dem Befehl
Attak & Reload'! Nach Staments wie "Sturm & Drang, Kunst
erleben
mein KMFDM" aus hunderten Kehlen kann hier keiner mehr
ernsthaft unabhängig bleiben.
Die Revolution ist längst
überfällig, "Kein Mitleid für die Mehrheit
, KMFDM
better than the rest, Megalomanical "! Noch zwei Knaller & dann ist erstmal
der Garderobenwechsel für Joolz Hodgeson fällig. Der Ventilator auf
der Bühne konnte die völlige Durchnässung seines
Fuck-Lenin-Shirts nicht verhinderten
& weil so was Kommandosache ist
ging der Rest der Band gleich mit. Jolen, toben ja betteln brachte sie dahin
zurück & 4 Zugaben obendrauf. Lucia unterstrich noch mal narzisstisch
mit Oberkörpereinsatz auf ihrem Synth "i'm the salt in your wound
"
& die Revelation bezog sich wieder mal nur auf
Juke-Joint-Jezebel'
Ein Käpt'n
verlässt stets als letzter sein Schiff, so auch Sascha der zum Abschluss
eine Solonummer in feinstem Synthie-Noise zum Besten gab. Kurz vorm Tinitus
riss er jedoch die geballte Faust empor & empfahl sich mit den warmen
Worten FUCK, FIST!
Ein Konzert ohne jegliche Kriegsbemalung &
Show-Brimborium, dafür aber erstklassige Musiker & jede Menge frisches
Adrenalin im Blut. Schwer zu sagen ob's tatsächlich noch zum Marsch auf's
Kanzleramt gekommen wäre wenn sie "These Boots are made for
walking" gespielt hätten, sie haben
nicht
..
Bericht & Fotos
Ivo Klassmann für
GOTHICWORLD
www.kmfdm.net
www.panicdhh.com
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