special:
WOLFSHEIM 14.08.2004 - Berlin, Museumsinselfestival
"Happy Hippo
Heppner ..."
Vorweg gleich eins
zur Klarstellung: Peter Heppners Stimme ist eine der schönsten des
Musikgeschäfts, in ihrer Einzigartigkeit faszinierend. Für die
jahrelange, aufopfernde und sicher oft entbehrungsreiche Zeit vor dem
Mega-Erfolg, ist ihm jetzt jeder Erfolg zu wünschen. Bis zu "Wir sind wir"
zeichneten sich seine Texte durch sentimentalen, melancholischen Tiefgang aus -
auch das etwas, was ihn und sein Hauptprojekt WOLFSHEIM positiv von anderen
abhob. Ich neide ihm also auf gar keinen Fall den Erfolg, die Lorbeeren oder
die massenhafte Marie, die er jetzt macht. Die VIVAMTVCHART-Kompatibilität
samt Jamba-Klingelton jedoch hat ihren Preis
und der
bedingt noch ein schnelles Vorneweg: Als ich eines der vielen Frustbiere dem
Wasserkreislauf zurückgeben wollte und schön ins Becken strullte
spielten WOLFSHEIM gerade jenes unsägliche "Wir sind wir"
und neben mir hing ein Kerl Marke Sonnen-, Hantel- und Deutsche Bank seinen
Wurm in den Ausguss. "Och nö", entrangen sich mühsam Worte seiner
Mundhöhle: "Iss ja klar, wenn ick pissen muss, spielen die das beste
Lied!" Mein sanfter Hinweis darauf, dass sie ihre besten Lieder vor zehn Jahren
gehabt hätten, ließ mich fast Bekanntschaft mit dem Roten Kreuz
schließen. Und auch deshalb will ich jetzt so intolerant wie nur irgend
möglich sein.
Das Museumsinselfestival ist eine kulturelle
Institution in Berlin, über die Sommermonate hinweg wird auf der
Spreeumflossenen Hochburg Staatlicher Museen das wohl längste
Open-Air-Festival gegeben, mit Lesungen, Konzerten und Theater. Am lauen
Sommerabend des 14. August lud man nun zu WOLFSHEIM und der Vorgruppe
MOHNBLAU. Tja, MOHNBLAU - äh: Wir sind Helden waren wohl
zu teuer und Mia zu hässlich. Jedenfalls war das Deutschrock der Marke
Jungs mit Instrumenten bestärken Mädchen darin, singen zu
können. Das Ganze war äußerst belanglose musikalische Kost mit
Texten vom Rand des Vokabelheftchens. Das Fräulein am Mikro sang dann auch
im letzten Titel (übrigens bei der Ankündigung letzter Titel als
einziger mit Applaus bedacht): "Ich versteh deine Lieder nicht!" Ging
mir auch so!
Mit einsetzender Dämmerung und in Erwartung von
WOLFSHEIM rutschte das Publikum etwas zusammen und klumpte sich vor der
Bühne. Die kleine Handvoll anwesender schwarz gekleideter Personen (manche
tapfer protestierend mit Wolfsheimshirts von 1993) sammelte sich irgendwo am
Rand oder lief kopfschüttelnd durch die Botanik. Hatten doch Max
Mustermann und seine schlachtreife Schnitte das Terrain unter sich aufgeteilt.
Zwar bissen sich schweinchenrosa Blusen mit terrorgrünen Jeans aber, als
sei die Mode direkt aus Paris eingeflogen, echauffierte sich Otto
Musiknormalverbraucher über schwarze Kleider und grunzte was von
"Schaulaufen". Tja, die Spackos und die Nachtigallen.
Dann war es
endgültig soweit, Peter Heppner und Kollege Markus Reinhardt inklusive
Verstärkung an den Drums huschten gewohnt bescheiden auf die Bühne.
Mit dem Intro "In Time" zeigten sich gleich die ersten
Soundschwächen. Tiefe Töne kamen so verknartzt, dass man meinte,
gleich platzt die Bassbox. Da half wohl kein austarieren, nö, der Mann am
Regler zog die Lautstärke schlicht runter. So kamen die nichtzahlenden
Besucher am gegenüberliegenden Spreeufer kaum noch in den zweifelhaften
Genuss der Darbietung und waren, ganz allgemein, die klügeren Menschen an
diesem Abend. Es folgten "Care for you" und "Wundervoll" - die
Seelen der Besitzer der aktuellen Scheibe "Casting Shadows" wurden
gekuschelt und spärlicher Applaus war die Folge.
An dieser Stelle
sei auf das 1993er Werk der Wolfsheimer verwiesen, dass den schönen Titel
"Popkiller" trägt. Ja, damals trat man ja auch noch beim
Zillofestival und dem WGT auf und die Zahl der verkauften Platten erreichte
noch nicht die kritische Masse, ab der es unweigerlich in Schwachsinn ausartet.
Und ist es erst einmal soweit, kann der Künstler wohl kaum noch
gegensteuern. Es sei, er hat Charakter. Darum bemühten sich
WOLFSHEIM wenigstens, mit "Lovesong" gingen sie immerhin bis 1994
zurück. Der Titel "A million miles" von der "Dreaming Apes",
1996, wurde vor solchen zelebriert und war eine weitere Perle vors
Borstenviech.
Hauptsächlich boten sie aber ihre neue CD feil,
typisch zurückhaltend - um nicht zu sagen erschreckt vom Mitgesinge -
bieder, fast linkisch vorgetragen von Peter Heppner. Das Unvermeidliche rollte
jedoch unaufhaltsam heran: Bejubelter Höhepunkt zunächst "The
Sparrows and the Nightingales" in einer Version, die mit dem
ursprünglichen Klangbild von 1991 wenig gemein hatte. "Dividing deaf men
from the listening ones" war als Parole für die Hörenden ausgegeben
und so schnürten wir langsam den Bundschuh. Dankenswerter Weise stand ich
beim folgenden "Wir sind wir" vor der Schüssel und hatte obiges
Erlebnis, welches mir den Rest gab. Und so lautete der Beschluss, dass man sich
entfernen muss - wenn es zu doof wird.
Der Tag danach vorm
Wohnquartier: Über den Gehweg gespannt ein Kabel, das eine Ende in der
Steckdose der Mietkombüse, das andere Ende im Fön. Ein neugewonnener
Wolfsheimfan löste vorsichtig den Rammstein-Autoaufkleber aus der
Heckscheibe und tauschte ihn gegen Wolfsheim aus. Ich glaub, ich zieh hier weg.
Daniel "Bela" Bartsch
für GOTHICWORLD
Review:
"Wir Sind Wir"
www.wolfsheim.de
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