special:
LAST LAMENT Berlin-Kreuzberg, Arcanoa, 16. Oktober
2004
"Männerhand und Frauenfuß - Aufzeichnungen aus dem
Kellerloch"
Es sollen ja bekanntlich nicht immer die
großen Dinge sein, die einen glücklich machen. Oft ist eben auch was
Kleines was ganz Feines. So geschehen am vergangenen Wochenende in Berlin:
Eigentlich war der Samstag für die dritte Ausgabe des
Black-Elben-Festivals komplett reserviert. Nach der traurigen Absage war guter
Rat teuer - oder eben nicht. Meine musikalischen Helden der
hauptstädtischen Düsternis, LAST LAMENT, spielten für schlappe 2
Euro (Z-W-E-I) im gemütlichen, mittelalterlichen Kleinstclub "Arcanoa" und
machten vor fast 100 zahlenden Gästen jede Enttäuschung über den
ausgefallen Festivalabend locker wett und zeigten, dass die Band langsam aber
sicher ihre Fangemeinde vergrößert.
Das "Arcanoa" ist
eine dieser Locations von denen man glaubt, dass es sie gar nicht mehr gibt.
Nach dem Abstieg in ein Kellerloch erwartet einen ein kleines Flüsschen,
dass die Theke entlang fließt, ein so liebevoll wie dilletantisch selbst
mosaikter Boden und ein mit Holz zu befeuernder Ofen. Gut, dass es Strom gibt
und so bereitete eine Mischung aus Goth-Konserven den Abend perfekt vor. Die
Vorarbeit, das gerade in kleinen Clubs nervige Stimmen der Instrumente in
Anwesenheit des Publikums, war offensichtlich erledigt, als Torsten (Gitarre,
Backgroundgesang), André (Gesang) und Anne (Gitarre und Gesang) die
Bühne in dichtem Nebel betraten. Den Einstieg in den ersten und neuen
Titel "Deus Ignis" übernahm der Rechner, der ohne Übertreibung
als viertes und wichtiges Bandmitglied gelten kann. Aus den Schaltkreisen kam
eine düstere Sprechpassage, die augenblicklich eine beklemmende Stimmung
zauberte, die durch die Enge noch befördert wurde. Der Titel selbst
fügt sich hervorragend in den Kanon der Musik von LAST LAMENT ein,
eben beste Gothrock-Tradition.
Mit "Pharmadise" und "Age of
Light" langten die drei dann gleich weiter kräftig hin. Andrés
tiefer Gesang und der lieblich sanfte Widerpart von Anne - eine Mischung, die
unbestritten die Seele und Einzigartigkeit ausmacht. Der Wechsel zwischen
schnellen, rauen Stücken und langsam, wehmütig fließenden Songs
warf den Zuhörer von einer emotionalen Ecke in die nächste.
Zwischendrin immer die Chance, die Protagonisten zu betrachten: Torstens
Spielhand samt Lederarmband an der Gitarre für die Damen und Annes
Füße, die sich je nach Tonhöhe aufstellten und je nach Tonlage
schräg oder schief stellten für die Herren. Reize für alle
Sinne.
Nach dem krachenden "Burning", eigentlich ein Titel
für die Tanzflächen der Düstertempel folgte mit dem rein
akustischen "Autumn" der passende Titel zur Jahreszeit, der sich langsam
auf das Publikum senkte, wie ein fallendes Blatt. "Wer jetzt kein Haus hat,
baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird
wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.", LAST LAMENT bieten die
musikalische Entsprechung zu diesen Rilke-Zeilen. Da der Winter nicht fern ist,
war "Iceflowers" - einige Titel später - ein weiterer düsterer
Glanzpunkt, der sich absolut stimmig in das Set einpasste.
"Fallen Angel" in der 2003er Version
bestätigt einmal mehr die Kraft, die hinter Andrés Gesang steckt
und überaus mitreißend ist. Das folgende Lied ist ein Phänomen:
eigentlich fand ich "Nothing but living" immer ein wenig schwach auf der
Brust doch mit jedem Hören gewinnt es mehr und mehr an Qualität.
Aktuell ist es beinah eines meiner Lieblinge. Da Anne in diesem Fall den Text
schrieb, ist ihre gesangliche Interpretation extrem intensiv und ein Erlebnis.
Mit "Train to nowhere", "Phönix" und "Tears of
God" waren die letzten drei Titel bewährte Klassiker von ihrem ersten
Album und sind aus den Auftritten von LAST LAMENT nicht mehr
wegzudenken. Am Ende des Sets waren die drei dann doch geschafft - sehr
zurecht, denn mit diesem Gig haben sie ein Konzert abgeliefert, dass - siehe
oben - wirklich Hand und Fuß hatte und zu dem Wunsch verführt, sie
doch öfter zu sehen. Wenn ich jetzt nicht 20 Euro in die Wortspielkasse
tun muss, werde ich sie für die Fahrt nach Greifswald ausgeben, wo LAST
LAMENT im November mit den GOLDEN APES konzertieren, einer weiteren
geilen Berliner Gruftkapelle.
Daniel "Bela" Bartsch für
GOTHICWORLD
Playlist: 01. DEUS IGNIS
02. PHARMADISE 03. AGE OF LIGHT 04. POISON 05. LAMENT 06.
BURNING 07. AUTUMN 08. ALONE 09. PAIN 10. ICEFLOWERS 11.
FROZEN BODY 12. FALLEN ANGEL 13. NOTHING BUT LIVING 14. TRAIN TO
NOWHERE ------------- 15. PHOENIX 16. TEARS OF GOD
Review: "Private
Hell"
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