special:
SCHNEEWITTCHEN
25.02.2005 Zum Kühlen Grund, Reinheim "Ich
hatte Sex mit Rosa v. Praunheim"
Dies & manch
andere Absonderlichkeiten gibt eine schrill aufgelegte "living dead doll" im
prall gefüllten Saale einer Kleinstadtkneipe, draußen im winterlich
verklärten Odenwald von sich. Sie & ihr Begleiter an den Tasten
schwärmen nicht nur gerade heraus vom Austausch diverser
Flüssigkeiten mit Deutschlands unbeliebtesten schwulem Filmemacher. Ihr
Programm beinhaltete all die lieb gewordenen Klischees & Regeln ohne jene
ein respektabler Girlie-Grufti im Diesseits nicht mehr klarkommt. Extravagante
Schminke, gepfählter Skull als Bühnendeko & scheinbar
aufdringlichste Selbstdarstellung inmitten der tiefsten Provinz, vor über
hundert altersmäßig sehr gut abgehangenen Klein- &
Großbürgern!
Was veranlasste Marianne Iser nebst Keyboarder Thomas Duda
aus Hannover nun ausgerechnet hier das neue Programm "Das Messer in der
Brust" auf die bedeutungsvollen Bretter zu knallen? Schlicht die Tatsache,
dass sie schon so ziemlich jeden Kleinkunst/Kabarett-Preis den man in Teutonien
für saftigen Sarkasmus & unaufhörliches Spiegelvorhalten bekommen
kann... ohne Rücksicht auf Örtlichkeiten einsackten.
Wenn man
ihre Tourneeliste mal durchsieht, wundert es neben Auftritten auf dem WGT,
schwul-lesbisch-bunten Abenden & Altersheimen kaum, dass sie hier auch 2
glühende Verehrer in den Fünfzigern haben. Werner Niebel & Werner
Raiß organisierten mit viel Herz diesen Event der anderen Art &
mobilisierten wirklich alles was zwei Beine hat um den Saal voll zu bekommen.
Gothisches Outfit zierte eine verschwindent geringe Minderheit, die eigene
Toleranzschwelle löste sich bei Weißbier & Brezel
genüßlich schmatzend auf.
Die
beiden Werner moderierten gemeinsam das archaische Duo mit hochroten Wangen
liebenswert aufgeregt an & dann knallte schon eine Stimme durch den Saal,
welche Nina Hagen um keine Oktave nachsteht. Die märchenhafte Barbarella
krault, beißt & kratzt sich in die Gehörgänge.
Nebenbuhlerinnen um den Thron der schiefen Töne, wie z. B. Yvonne
Catterfeld, werden kolportiert & als letzlich bedingt tauglich fürs
tägliche Medienrauschen abgtean. Bereits jetzt verstörte Zuschauer
sollten in der Folge noch mehr zum Kopfschütteln (vielleicht auch
über sich selbst) angeregt werden. Der Eine nahm die Lieder über
Okkultismus, Tod, Ritzer & auf der ganzen Linie unbefriedigte Hausfrauen
als durchgeknallte Performance, der Andere als durchaus realistischere
Darstellung des Alltags.
'Der Tod hat sich verliebt' besang die
wechselnden Momente von prächtig blühend bis innerlich vertrocknet
& tot. Vergänglich- & Verletzlichkeit des Lebens wird in einem
makaber saftigem Potpouri aus Dresden Dolls, Juliett Greco, AnNa von Rosenstolz
& immer wieder korsagensprengende Einwürfe a la punky Nina
aufgetischt, ohne jedoch damit Ängste zu schüren oder Klischees zu
hätscheln. 'Non, je ne regrette rien' singt Marianne &
ergänzt "Ich bereue einfach alles was ich tat und was ich nicht tat, dass
ich nicht tat, was ich hätte tun müssen, dass ich nie war, wer ich
bin". Abrechnung pur & wie wirklich ist die gefühlte Wirklichkeit.
Provokativ auch die zweite Runde nach einer kurzen
Verschaufpause, welche ausgiebig zum Disput im Publikum genutzt wurde.
Hauptfrage war: Sind wir denn alle normal & nur dieses Duo im
Bühnennebel ist verrückt? Oder anders gefragt: Was ist denn normal,
und was verrückt? Wo sind die Grenzen? Träumen wir nicht alle
verrückte Träume in der Nacht? Oder schleicht sich
manchmal nicht ein Hauch von Verruchtheit in unsere Tagträume?
Marianne ging inzwischen auch etwas auf ihr Publikum zu... voll
frontal, die Strapse präsentierent zum Henkers-Gogo auf dem Kneipentisch!
Die Bälle der einsamen Herzen in Hannovers Vororten müssen
prägend für dieses 'Loch im Kopf' gewesen sein. ;) Thomas
klimperte dazu hemmungslos perfekt mit einem süffisantem Lächeln
& bekannten Samples.
Live wird eine scheinbar belanglose CD zum
gelungenen bärbeißig-infernalischen Circus der rotzenden
Befremdlichkeiten der einen nicht kalt lässt & ist doch egal was
Bäuerinnen & Groupieschlampen finnischer Bands davon halten. Das
einzigste Rezept lautet 'Du musst an dich glauben'..."weil kein anderer
weiß was wirklich in dir brennt, weil kein anderer Mensch deine Sterne
kennt".
Bericht + Fotos: Ivo
Klassmann für GOTHICWORLD
CD-Review -
"Schneewittchen"
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