special:
ASP
"Aus der Tiefe" Prelistening
"... aber denken sie immer daran, nichts ist hier was es
auf den ersten Blick zu sein scheint...
Gehen sie niemals, niemals
schutzlos oder ohne Licht eine der Treppen hinunter! Es konnte
Jahrzehnte dauern bis man sie findet... oder schlimmer: Sie
könnten wiederkehren, verändert wiederkehren. Ein anderer sein!
Willkommen zurück im Dunklen Turm!"
Jedes Bauwerk hat ein Fundament. Architektonisch macht es sogar
Sinn, wenn z.B. ein Turm, der sich stolz und kühn in die Höhe reckt,
mindestens ein mächtiges, in die Tiefe gehendes Fundament hat, das ihm in
den Stürmen Halt gibt.
Nach der fulminanten
"Weltunter" auf der uns ASP zum ersten Mal den Dunklen Turm und
sein Innenleben vorstellten, lud mich Asp ein, einen ersten flüchtigen
Blick in den Keller, den Abyss, das Gewölbe unter dem Turm zu werfen.
"Aus der Tiefe" wird es heißen, das vierte ASP
Album und am 04.07.05 erscheinen. Und kaum ein Titel könnte treffender
sein! Nicht etwa weil sich der Hörer auf dieser Platte, zusammen mit dem
Schwarzen Schmetterling bildlich in die Tiefen begibt. Dies ist nur ein Aspekt
des Ganzen. Sondern weil Tiefe das Wort ist, was mir unabhängig vom Titel
beim ersten Hören des Albums in den Sinn kam. Sie haben an Tiefe gewonnen.
Textlich ist Asp noch poetischer, noch direkter, noch schärfer, noch
tiefsinniger geworden, erweist sich immer mehr als Barde im Stile
mittelalterlicher Minnesänger, der im klar definierten Reimschema bleibt,
aber ohne in Plattitüden abzurutschen Geschichten voller Tiefgang
erzählt.
Ebenso hat die Musik an Vielfalt, an Dichte,
Atmosphäre und damit eben, genau, an Tiefe gewonnen. Keine Angst! Es gibt
sie auch weiterhin noch, die ASP Knaller, die richtig losrocken und mit
Stadion-Kneipen-Schlachtgesang-Refrain aufwarten. Auf der anderen Seite gibt es
aber wunderbar epische Werke, wie sie sich am Ende von "Weltunter" schon
angekündigt haben und hier ihre kongeniale Fortsetzung finden. Kaum
vorstellbar diese beiden Gegenpole aus dem musikalischen Universum der
Frankfurter a la "Ich will brennen" und "Die Stille vor dem
Sturm" zu vereinen? Doch!
Und es kommt noch dicker, nein bleiben wir
beim Terminus: "Tiefer"! ASP schaffen es, auf dem neuen Album
einerseits als klassische Rock'n Roll Band aufzutreten, in dem erstmals
Gitarre, Bass und Schlagzeug der Live Besetzung auch im Studio aufgenommen
wurden; wodurch der Sound satter, erdiger, knackiger geworden ist. Andererseits
aber unter musikalischer Mithilfe Ingo Römlings, eine ausgefeiltere,
filigranere und verspieltere Elektronik hinzu zuzaubern. Sind wir ehrlich, die
Elektronik kam auf den ersten Alben schon etwas plakativ rüber, was die
Zuordnung der Band ASP so schwer machte, da man sie oft genug versuchte in die
Electroecke zu drängen.
Aktuell wird die Elektronik zu genau dem
was sie eigentlich sein sollte. Die Rock'nRoll Band bietet das
Grundgerüst, den druckvollen, ehrlichen, handwerklich perfekten, "tiefen"
Sound, die Elektronik sorgt für die Atmosphäre, die Verzierung, das
I-Tüpfelchen sozusagen. Daneben wagen sie es, in Asp typischer,
humoristischer Art und Weise, elegische Pophymnen und unvergleichliche
Hooklines, mit Brettgitarren zu verknüpfen, wavige Anleihen die schon NDW
Charakter haben, mit ausufernden Soundphantasien al a PINK FLOYD zu
kombinieren. Dann werden kleine Glöckchen und Sitar mit verspielter
Perkusssion vereint, um sich im nächsten Moment fast Traditional,
folkloristisch in getragenem Gesang wohlzufühlen, der aber gleich wieder
einem Punkriff weichen muss, bevor kammermusikalisch, eine klagenden Violine
auf Diskorhythmen und waghalsige Elektronik trifft...
Und so geht
das immer weiter. Respektlos bedienen sich ASP diverser musikalischer
Versatzstücke, was auch nur gut ist, da der Respekt davor oft genug falsch
und zu sehr in Normen gebunden ist. Und Normen oder Regeln galten für die
Frankfurter nie als bindend, was sie in einer immer mehr berechenbaren, weil
kommerziell orientierten Szene mehr als innovativ erscheinen lässt.
ASP mischen die unmöglichsten Fragmente in einem einzigen Song
zusammen und schaffen so ein völlig durchgedrehtes Universum, das aber
immer wieder eine Einheit bildet, geschlossen bleibt und einen dünnen
Faden legt, an dem man sich durch die Tiefe unter dem Turm hangeln kann. Der
Turm war noch relativ gradlinig, hochaufragend, jetzt ist es wirklich nicht
mehr einfach sich in den Tiefen nicht doch zu verlieren. Atmosphärisch
dicht verpackt, wird das ganze in eine Geschichte, Asp baut zum ersten Mal
gesprochene, gespielte Textpassagen ein, frönt so seiner Vorliebe für
Hörspiele und macht "Aus der Tiefe" zu einem noch dichteren, deutlicherem
Konzeptalbum als seinen Vorgänger.
Genialerweise aber mit genau
dem Qualitätsmerkmal dass ein Konzeptalbum in meinen Ohren ausmachen muss,
sonst hat es diesen Titel nicht verdient. Man kann es in einem Stück
hören um der Geschichte zu folgen, sich darin fallen lassen, man kann aber
auch die einzelnen Songs herausnehmen, um wieder fröhlich im Club
abzutanzen, auf dem Konzert mitzugrölen... ASP typisch eben.
Man darf also mehr als gespannt sein, auf Anfang Juli, wenn das Album
in zwei fulminanten Versionen erscheint, in der Musik und Artwork eine Einheit
bilden werden, und gerade bei letzterem sei versichert: Die Messlatte die Herr
Römling mit "Weltunter" verdammt hoch angelegt hatte, hat er selbst
noch einmal spielend übertrumpft. Ab jetzt dürften sich die guten
Artworks in der "Szene" an einer Hand abzählen lassen. Während
ASP mit ihrer musikalischen Mischung aus krachigem Rock'n Roll und
kunstvollen Sounds als Untermalung, Verstärkung von ausdrucksstarken
Lyrics neue Maßstäbe setzen.
Am Ende, wenn man gerade an
dem Punkt angekommen ist, dass man all die Veränderungen die ASP
auf "Aus der Tiefe" durchmachen, nicht mehr überraschend findet,
nicht mehr schmunzelt, oder eine Gänsehaut bekommt, in dem Moment also, wo
man sich ganz darauf ein gelassen hat, sich in den Tiefen verliert... Endet das
Album ohne Blende, ohne sanftes Ausklingen genau auf einem Punkt, und man hat
das Gefühl unsanft aus einem Traum erwacht zu sein.
Man steht nach
der langen Wanderung durch die an Eschers Bilder erinnernden Gewölbe unter
dem Schwarzen Turm, wieder an der Kellertür, draußen ist heller Tag,
die Sonne blendet so sehr dass es wehtut... man hat es geschafft, man ist
entkommen, man kneift die Augen zusammen, schlingt die Arme um den Körper,
weil man sich irgendwie klein und verloren im Licht des Tages vorkommt und...
Dreht sich langsam wieder um, und streckt zögernd erst, dann aber
sicherer, die Hand nach dem Knauf an der Tür aus...
Thomas Sabottka für
GOTHICWORLD
ASP / Advocatus Diaboli 15.04.05 - Rüsselsheim
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