CD-REVIEWS:
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NICK CAVE
& THE BAD SEEDS "B-Sides & Rarities" 3-CD-Box (Mute
Records)
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"Oh happy day, oh happy day" - so klingt es im
Refrain der Akustikversion von "Deanna", dem ersten Titel auf der ersten CD
jener grandiosen B-Seiten- und Raritätensammlung von NICK CAVE &
THE BAD SEEDS. Und wahrlich es ist ein glücklicher Tag: 56 Titel, mehr
als dreieinhalb Stunden Musik vom Meister selbst, die man sich
zurückgelehnt in die Ohren geben kann. Es gibt eine Menge zu entdecken, so
dass der glücklichen Tage so schnell kein Ende sein wird
Die
schwarze schmucklose - besser edel-schlichte - Pappbox mit dem silbernen
Aufdruck enthält drei CDs in weißen Papierhüllen, die das
B-seitige Schaffen und die Seitenwege der musikalischen Arbeit von Nick Cave
beinhalten.
CD 1 umfasst die Jahre von 1984 bis 1994. Auf ihr sind
Perlen wie die Akustikversion von "Mercy Seat" oder die sehr schräge
Leonard Cohen-Coverversion von "Tower of Song" vereint. Krachende Beigaben aus
der wilden Zeit mit den BAD SEEDS fehlen fast vollständig. Es
überwiegen Titel, in denen die Instrumentierung klar und sparsam ist, der
späte Cave schimmert durch, an allen Ecken und Enden. Seine Stimme bei
allen Songs eindringlich und kraftvoll. Cave, der seine musikalischen Outputs
seit jüngstem in den Rahmen eines normalen Büroalltags presst, hat
die Auswahl mit großer Bedächtigkeit und Bedacht vorgenommen. Gerade
Fans der Nach-Vinyl-Ära kommen in den Genuss seltener
Früh-Stücke. Ganz groß die B-Seite von "In the Ghetto"- "The
moon is in the gutter". Oder Beiträge die vormals nur auf
Flexidisc-Beigaben auf Konzerten verteilt wurden oder in Magazinen erschienen,
wie "Rye Whiskey" (1989) oder "Scum" (1986). Die Titel passen in der Regel zu
den regulären Alben jener Zeit - experimentieren ist nicht.
Wunderschön ebenfalls das langsam gleitende "Helpless", die Coverversion
eines Neil Young-Titels. Einziger Ausfall auf der ersten CD:
"Cocks´n´Asses" von 1990, ein Instrumentalwerk mit Drum Machine -
es sei verziehen.
Auf der zweiten CD spiegeln sich die Jahre 1992 bis
1999. Beginnend mit dem Cave/MacGowan-Duett von Louis Armstrongs "Wunderbar
vollen Welt" ist dies die gelungenste der drei Silberscheiben. Aufeinander
folgen eben "What a wonderful world", dann singt Cave einen Pouges-Titel und
Shane MacGowan revanchiert sich mit einer schönen Version von Caves
"Lucy". "Jack the Ripper" vom 1992er Album "Henry´s Dream" gewinnt enorm
in der Akustikversion - unglaublich die Heftigkeit der Drums. In den
nächsten Stücken dominieren Piano und Hammondorgel, Ruhe und
Melancholie überwiegen. Grandios "The willow Garden", ein
bittersüßes Geigenstück. Nicht fehlen darf aus dieser Epoche
"Where the wild roses grow" - natürlich im Duett mit Herrn Bargeld, dem
verlorenen Sohn der Bad Seeds. Das Sahnehäubchen jedoch auf dieser zweiten
Scheibe ist die fast 18minütige (!) Version der Amokballade
"O´Malleys Bar" aus dem Verbrechenskonzeptalbum "Murder Ballads". Geteilt
in drei Teile plus Reprise ist diese Radio-Session aus dem Jahr 1996 an
Eindringlichkeit kaum zu übertreffen: Wuchtig, gewaltig, stark
Die
zweite CD endet mit der Hollywood-gerechten Version von "Red right hand" aus
dem Soundtrack zu "Scream 3". Hätte man sich schenken können, aber
der Vollständigkeit halber geht's schon.
Bleibt noch die dritte CD
im Reigen. Sie umfasst die Zeit von 1997 bis 2004 und leidet unter der
schlechten "Nocturama" und der etwas ins Langweilige abgleitenden
Kontinuität Cave´scher Songs jener Zeit. Der Opener "Little empty
boat" ist eine seichte, aber gefällige Nummer, etwas müde und
schlaff. Intensiver ist da schon "Right now I´m a-roaming", hier schleppt
es sich nicht irgendwie, sondern mit Sinn und Ziel. Die "Black
hair"-Bandversion unterscheidet sich kaum vom Original auf der Platte, ebenso
sparsam instrumentiert und ebenso sanft. Wohl das alte "Finde sieben
Unterschiede"-Spiel. Schneller, frischer dagegen ist "Baby, I got you bad", die
Akustikgitarre tobt sich tanzbar schnell aus - ein Lichtblick in der
musikalischen Eintönigkeit jener Jahre im Schaffen von Nick Cave. "Opium
Tea" ist eine swingende Nummer und wohl nur deshalb ein Studio-Outtake, weil es
am schwarzen Lack des Düstermeisters gekratzt hätte. In der
Instrumentierung liegt das Stück dicht an typischen Nummern der singenden
Herrentorte.
Wenn die Ideen ausbleiben, bezieht man sich gern auf
Großes und so auch Nick Cave. Er ist ein tiefgläubiger Mensch und
greift auf der dritten CD öfter als auf anderen auf göttliche Motive
zurück. Das will ich ihm aber - um Gottes Willen - nicht zum Vorwurf
machen. Aber thematisch und musikalisch festgefahren, reicht es nicht zu
qualitativ hochwertigen Reißern. Ein Lichtblick dann erst wieder "Little
Janey´s gone" - herzzerreißend traurig und instrumental
hervorragend ausgeleuchtet. Als würde er aus dem engen Korsett ausbrechen
wollen, schwingt sich "I feel so good" aus einem Wim Wenders Film zu rasendem
Tempo auf
nur um im Anschluss bei "Shoot me down" wieder in zäher
Traurigkeit zu versinken. Erst als Nick Cave zu den B-Seiten seiner
letztjährigen Auskopplungen kommt, lebt das Werk wieder: "She´s
leaving you" ist rasant, temperamentvoll und wohltuend nach der bleiernen
Schwere. Das Abgleiten ins Brachiale nehme ich dankend auf. "Under this moon"
beschließt die insgesamt sehr eindrucksvolle 3-CD-Sammlung. Das
Stück in mittlerem Tempo, klarer Struktur und gewissem Optimismus
versöhnt mit der nicht ganz perfekten dritten Scheibe.
Das
regelmäßige Erscheinen vollwertiger NICK CAVE-Alben enthebt ihn des
Vorwurfs, mit schnell zusammengefrickelten B-Seiten-Sammlungen den Sommerurlaub
finanzieren zu wollen. Vielmehr ist diese Zusammenstellung etwas, was Fans
wirklich gebrauchen können: Nie wieder die alten Pappplattencover aus den
Schränken zerren und dabei beschädigen, endlich Ordnung, da wunderbar
komprimiert und chronologisch geordnet, keine öden Soundtrackalben wegen
eines guten Songs kaufen und zu guter Letzt noch eine schöne Reise durch
weniger bekannte Werke des wahren Lord of Darkness oder einfach schöne
Versionen bekannter Songs. Nun muss nur noch Blixa Bargeld
zurückkommen
Daniel "Bela" Bartsch für
GOTHICWORLD
Tracklist: Disc 1:
01.Deanna (Acoustic Version) 02.The Mercy Seat (Acoustic Version)
03.City Of Refuge (Acoustic Version) 04.The Moon Is In The Gutter
05.The Six Strings That Drew Blood 06.Rye Whisky 07.Running Scared
08.Black Betty 09.Scum 10.The Girl At The Bottom Of My Glass
11.The Train Song 12.Cocks 'N' Asses 13.Blue Bird 14.Helpless
15.God's Hotel 16.(I'll Love You) Till The End Of The World
17.Cassiel's Song 18.Tower Of Song 19.What Can I Give You?
Disc 2: 01.What A Wonderful World (feat. Shane MacGowan)
02.Rainy Night In Soho 03.Lucy (Version #2) 04.Jack The Ripper
(Acoustic Version) 05.Sail Away 06.There's No Night Out At The Jail
07.That's What Jazz Is To Me 08.The Willow Garden 09.The Ballad Of
Robert Moore And Betty Coltrane 10.King Kong Kitchee Kitchee Ki-Mi-O
11.Knoxville Girl 12.Where The Wild Roses Grow (unreleased Version
feat. Blixa Bargeld) 13.O'Malley's Bar Pt.1 14.O' Malley's Bar Pt.2
15.O' Malley's bar Pt. 3 16.Time Jesum Transeuntum Et Non Riverentum
17.O'Malley's Bar Reprise 18.Red Right Hand (Scream 3 Version)
Disc 3: 01.Little Empty Boat 02.Right Now I'm A-Roaming
03.Come into My Sleep 04.Black Hair (Band Version) 05.Babe, I've
Got You Bad 06.Sheep May Safely Graze 07.Opium Tea 08.Grief Came
Riding 09.Bless His Ever Loving Heart 10.Good Good Day 11.Little
Janey's Gone 12.I Feel So Good 13.Shoot Me Down 14.Swing Low
15.Little Ghost Song 16.Everything Must Converge 17.Nocturama
18.She's Leaving You 19.Under This Moon
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