special: 14. WGT 2005 - der Bericht Montag
16.05.2005
Später
Morgen und die Ersten machen sich schon wieder auf die Heimreise. Der
Wachmacher war der Kaffee an der Moritzbastei nicht gerade, die Spielleute von
WOLFENMOND mit ihrem "Flammenspiel" indes schon. Sämtliche Wolken
hatten sich verzogen und zum Abschied legt der Herrgott nochmal ein strahlendes
Lichtkleid über die Stadt.
Und doch
entpuppen sich die Gigs im Dunkel des Leipziger Schauspielhaus immer mehr zu
den heimlichen Highlights des WGTs. In gediegener Theateratmosphäre,
gepolsterten Sitzen und vergoldeten Emporen, konnte man dieses Jahr die
SWANS OF AVON erleben. Zählen sie sicher nicht gerade zu den
erfolgreichsten und bekanntesten Bands der "Szene", ist vor allem von der
Gründungsbesetzung grad mal der Sänger übrig geblieben, boten
sie einen Akustikauftritt per exellence. Zwei Gitarren, eine Violine und ein
wenig Drumcomputer, ein paar Keyboardsamples vom Band, und schon verbreiteten
die SWANS OF AVON melancholische, wunderschöne
Gänsehautstimmung mit ruhigen, getragenen Stücken voller
Schönheit, Schlichtheit und Sehnsucht. Davon möchte man mehr haben,
anstelle der fünfhundertsten Aufführung der "üblichen
Verdächtigen" wurde hier doch bewiesen, dass die "Szene" immer noch
innovative Bands hat. Für mich wirklich einer der Höhepunkte.
(TS)
Das Wetter meinte es am Montag gut mit den Besuchern der
Parkbühne. Schnell alle nassen Klamotten der letzten Tage angezogen und
zum Trocknen vor die Bühne gestellt. Eröffnungsband des Tages waren
WISSMUT aus Leipzig, früher Die Art. Im letzten Jahr gaben die
Mannen um Sänger Makarios eine EP mit hervorragend bearbeiteten
Cure-Coverversionen heraus, davon spielten sie allerdings nichts. Stattdessen -
schon aus Die Art-Tagen bekannt - deutschsprachige, sehr lyrische, intelligente
Songs mit ebensolchen Texten. (Bela)
Für den
nun wieder leuchtenden Himmelskörper aber war die Parkbühne doch die
idealere Location. Hier ging gerade die Runentänzerin Andrea "Nebel"
Haugen aka NEBELHEXE auf die Bühne. Ihr "Touch of Morpheus" wirkte
jedoch für Viele zu dieser frühen Stunde etwas zu meditativ.
Eingefleischte Fans waren wie verzaubert, der Rest wartete auf NFD.
(IK)
Die stimmten erstmal fast unerkannt im
Nebel ihre Instrumente und weckten mit ihrem "Omen" den Rest gehörig auf.
Dann endlich betrat die einzig legitime Fields of the Nephilim - Nachfolgeband
die Bühne. NFD (Noise for Destruction) vereint die
Ex-Fields-Mitglieder Tony Pettit am Bass und Simon Rippin an den Drums. Dazu
gesellt sich Bob White mit seiner Stimme, die der von Carl McCoy in nichts
nachsteht - eher noch rotziger und wütender klingt. Bestens aufgelegt
spielten sie sich durchs erprobte "Break the silence / No Love Lost"-Set. Viel
Applaus gabs dann auch für "So Let It Begin". Wo die Wurzeln liegen
spürt man in jedem Song. NFD beschränkten sich, anders als bei
ihrer jüngsten Tour durch Deutschland, allerdings diesmal
ausschließlich auf eigenes Material. Das ist zwar schade, aber wirklich
vermisst haben wir die Fields-Klassiker nicht. Ganz besonders sind "Darkness
Falls" und "Stronger" - kraftvoll, hart und direkt ins Gothrockherz.
(Bela/IK)
Berechtigtes Selbstbewußtsein oder
wieder mal Zeitdruck seitens der Veranstalter? Die Umbauphase für
QNTAL zog sich gehörig in die Länge und dann wabberte auch
hier die Nebelwand. Ebenso der Ton. Ernst Horn hätte der grausigen
Abmischung nichts abgewinnen können, wurde hier jedoch von Fil Groth sehr
wacker verteten. Auch Michael Popp spielte mit vollem Einsatz gegen diesen
Soundbrei, vergebens . Selbst die Percussions waren lediglich zu sehen
kein Vergleich zum Auftritt als Sideproject ESTAMPIE im Heidnischen Dorf
Tags zuvor. Syrah stellte den trotzdem applaudierenden dann als Höhepunkt
noch "Blac" vom neuen Album vor. (IK)
SKELETAL FAMILY mögen
mal Kult gewesen sein, spätestens nach diesem blamablen und
hundsmiserablen Auftritt ist selbst dieser recht zweifelhafte Ruf dahin. Da
waren selbst die Auftritte von Sanguis et Cinis aus den zurückliegen
Jahren eine musikalische Offenbarung. Obwohl die Reunion mit einer neuen,
jungen und attraktiven Sängerin - die diesen Namen sicher nicht verdient -
sicher clever eingefädelt wurde, so wünschte man sich während
dieses peinlichen Auftritts mehr als einmal, die Band würde ihrem Namen
gerecht werden und zu unbeweglichen Skeletten mutieren. Eine Zumutung und
absolut unverständlich, warum die Briten so hoch im Billing des Tages
angesiedelt waren. (MK)
Zum Glück hatte die
Verzögerung zu diesem Zeitpunkt keine weiteren Auswirkungen auf die Damen
und Herren des nachfolgenden hessischen Kammerorchesters mit wienerischem
Vortänzer. (Man lasse sich auf der Zunge zergehen, dass Tags zuvor DAS
ICH der Saft abgedreht wurde um Zeraphine die Bühne zu räumen
weil man so dermassen im Zeitverzug war!) CHAMBER boten in dem Sinne
eigentlich nichts Neues. Material von "Solitude" und ein paar ältere
Highlights, ein gut aufgelegter, wie immer sehr unterhaltsamer Marcus Testory.
Gewohnt gut wie immer, zeigten sie aber zumindest wie nah beieinander Tod und
Leben liegen. Wurde "Ceremony After A Fire Raid" ihrem kürzlich
tödlich verunglücktem Lichttechniker gewidmet, präsentierte Max
am Ende die stolz hochschwangere Violinistin Olga und den noch stolzeren Papa
Hübner. Ansonsten machte das schwarze Kammerorchester mal wieder klar, wie
sehr sie rocken können, und das sie als eine der wenige Bands ihren
Co-Headliner Status voll zu Recht hatten. (TS)
FRANK THE BAPTIST machte im Anschluss an Chamber den
Rausschmeisser auf der Parkbühne und das in gewohnt kauziger Art und
Weise. Irgendwo im Deathrock beheimatet erinnert die musizierende
Baptistenfamilie an Bands wie The Last Crack oder Jesters of Destiny, also an
Bands, Anfang bis Mitte der Achtiger Jahre Goth und Deathrock mit progressiven
Metaleinflüssen vermischt haben und ihrer Zeit damit um mindestens zehn
bis fünfzehn Jahre voraus waren. Auch jetzt leerte sich die Parkbühne
mit zunehmender Spieldauer zusehends, was sicherlich nicht an der Qualität
des Gebotenen gelegen hat, sondern der schon fortgeschrittenen Dauer des WGT,
wo so mancher Besucher muskailsch dann doch nicht mehr ganz aufnahmefähig
war. (MK)
Für uns gings hiernach zum Park am GeyserHaus, welcher
erstmals im Location-Ensemble des WGTs bespielt wurde. Versteckt zwischen
idyllischem Grün und Gründerzeit-Gebäuden mit einem
amphitheaterähnlichen Ambiente inklusive Spielplatz wartete die Bühne
auf. PAUL ROLAND eröffnete hier das Akustik-Finale und jetzt kamen
auch alle Liebhaber seiner märchenhaften Kurzgeschichten von
Seebären, Hexen, Rittern & Dämonen voll auf ihre Kosten. Mit
leichtfüssig verspielten Melodiebögen bezirzte er wie ein
Minnesänger, "Come Now, Sit By My Side, And Take A Magic Carpet Ride...".
(IK)
ANNE CLARK fackelte im Anschluß ihr
Bratislava-Akustik-Set wie ein Höhenfeuerwerk ab. Keine "Silent Forces",
die massive Spielwut ihrer Band (insbesondere Jeff Aug) steckte die Massen
sofort an und bildete schon einen harten Kontrast zur ergriffen rezitierenden
Grande Dame der Avantgarde. Neben Rilke-Adaptionen auch Evergreens wie "Elegy
For A Lost Summer". Natürlich durften als Highlight "Sleeper in
Metropolis" und "Our Darkness" nicht fehlen, selbige riss das Publikum von den
Bänken und liess sie Freudentänzchen im Grünen vollführen.
Eine Stimmung wie sie wohl kaum zu toppen war. (IK)
Doch der Headliner des Abends sollte noch folgen.
Ebenso akustisch und ohne all die bisher liebgewonnene Staffage. 18 SUMMERS
kamen als pure "Felix und sein Gitarrist" auf die Bühne,
erläuterten scherzhaft, dass dies seit Jahren ihrem eigentlichem
Songwriting entspricht und jeder sich wie bei ihnen Zuhause fühlen sollte.
Diese Entschlackungskur hat Songs von Silke und ihrer Sommerfrische recht gut
getan, man konnte fast glauben, hier wären 2000 beinharte Fans der Beiden
versammelt
so wie diese nach jedem Song abgefeiert wurden. Als Novum gabs
eine Police-Coverversion und "So Lonely" wurde dennoch nicht die Quintessenz
ihrers Auftritts. Dann schon eher "Marry Me"
hatte der Rest doch
Ähnlichkeit mit einer Kai Pflaume-Show aus dem TV. Eine Silvana wurde von
Felix auf die Bühne gebeten und die Kleine nahm ihren ganzen Mut zusammen.
Machte in feinstem sächsich vor versammelten Gemeinde ihrem Liebsten
Namens Tino einen Heiratsantrag! Frank untermalte mit ein paar Akkorden und
Felix bedauerte heute keinen Talar für den sofortigen Vollzug dabei zu
haben. Damit ging eins der wohl schönsten Konzerte dieses Jahres und das
WGT für uns zu Ende. (IK)
FAZIT:
Das 14.
Wave Gotik Treffen war trotz der Tatsache, dass wieder einmal der ganz grosse
Headliner fehlte, eine rundherum gelungene Veranstaltung mit vielen guten
Konzerten, mit den liebgewonnenen Eitelkeiten einer Schwarzen und dabei dennoch
sehr bunten und vielfältigen Szene und einer einmaligen Atmosphäre,
die Kulturinteressierte aus aller Herren Länder jedes Jahr zu Pfingsten
nach Leizpig treibt. Gedanken sollte man sich jedoch darüber machen, ob es
Sinn macht, alternde Szene-Stars wie Visage zu reanimieren, damit diese sich
der Lächerlichkeit Preis geben. Gebetsmühlenartig, hier sei auf die
Berichterstattung der letzten Jahre verwiesen, auch der erneute Hinweis, dass
die Bedingungen in der AGRA-Halle für Besucher wie für die
Künstler eine Zumutung darstellt und man als Besucher den Eindruck hat,
dass sich die Verantwortlichen hier auf beiden Ohren bewusst taub stellen.
Zumindest über eine Limitierung der Zugangs in die Halle sollte man hier
nachdenken, denn ein ungetrübter Konzertgenuss ist weder bei dem
unglaublichen Gedränge noch aufgrund der klimatischen Bedingungen in der
Halle gewährleistet. Wünschenswert auch, dass der in diesem Jahr
nicht stattgefundene Cold Meat-Abend im nächsten Jahr wieder ins Programm
aufgenommen wird. Der Eindruck einer zunehmenden Internationalisierung der
Besucher aus aller Herren Länder fand auch dieses Jahr seine
Bestätigung, wie auch der Eindruck einer zunehmenden Kommerzialisierung
der Szene, der sich unweigerlich beim Schlendern über den Treffenmarkt
einstellte.
Dass
Petrus der Schwarzen Gemeinde in diesem Jahr nicht sonderlich wohl gesonnen war
lässt sich nicht vermeiden, macht zumindest jedoch die Tatsache, dass man
mittlerweile zwei Open Air-Bühnen als Veranstaltungsorte gewählt
hatte, zumindest überdenkenswert. Bei aller Kritik ist jedoch eines
offensichtlich: das WGT hat nach wie vor nichts von seiner Faszination und
Anziehungskraft verloren und irgendwie freuen wir uns doch jetzt schon alle auf
das nächste Jahr, und sei nur, um Freunde zu treffen und sich der Illusion
hinzugeben, Leipzig wäre die Hauptstadt der Schwarzen Szene.
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Dieser Bericht ist ein Gemeinschaftsprojekt von
OBLIVEON und der
GOTHICWORLD
Redaktion: Michael Kuhlen (MK), Thomas
Sabottka (TS), Ivo Klassmann (IK), Daniel "Bela" Bartsch (Bela) Photos:
Michael Kuhlen, Ivo Klassmann Gestaltung: Sir Ritchie
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