special:
18
SUMMERS "Ungeschminkte Emotionen sind
das Herzblut" Leipzig, 15./16.05.2005
Eine Email
reißt uns aus den Tagträumen "Felix Flaucher
und Frank Schwer werden auf dem 14. Wave Gotik Treffen in Leipzig zu sehen
sein". Die fast schon eremitische Klausur in Silkes Diaspora schien erst
vor ein paar Monaten durch den erfolgreichen Foto-Bildband ein Ende gefunden zu
haben & just schon wieder nach vorn ins Rampenlicht?
Imagebildende Wanderpredigten lagen noch nie im direkten Focus des
charismatischen Masterminds & seines Gitarrenvirtuosen. Ein musikalischer
Durchbruch ist längst schon nicht mehr von Nöten. Die Band hatte
bereits unter ihrem Mädchennamen eine Art von Unsterblichkeit erreicht,
war letztlich gar auf dem Filmsoundtrack zu "Führer Ex" vertreten
jedoch die Triebtäter unter den Musikern hören nicht auf nach
persönlichem Feedback zu hungern, auch nachdem sie alle Welt bereits von
sich überzeugt haben. "Es ist ein Akustik-Set zu
erwarten. Am liebsten wären uns auf der Bühne Sofas, Sessel und ein
paar Stehlampen. Die Leute sollen das Gefühl haben, sie sind ganz
entspannt bei uns zu Hause zu Besuch." Sie wollen ihr Vita
consecrata mit Tausenden teilen?
Und wieder ein unblutiger
WGT-Sonntag. Wir treffen Agentin Iris & die gesamte Band abends am
ZILLO-Stand. Selbstredend darf auch der Schlachter nicht fehlen, welcher mit
seinem Projekt "Eisenlager" gerade das vierte Release am Start hat. Es gibt
keine Zeit für eine Verschnaufpause, kurze Begrüßung &
schon geht's weiter ins Pressezentrum. Hier scannt der Wachmann alle Unterarme
mit geschulten Argusaugen. Nicht verräterische Spuren in der Haut sucht er
im Halbdunkel. Bändchen der "richtigen" Form & Farbe verlangt er als
Legitimation. Felix & seine Messdiener sind auf die Schnelle mit dem
Gleichen ausgerüstet worden wie knapp 20.000 andere Besucher auch. Grund
genug Ihnen den Zutritt zu verwehren. Erst ein dezenter Hinweis, dass Sie der
Grund für den Journaille-Auflauf sind
öffnet Tür &
Tor. Felix ist sichtlich peinlich berührt: "Ich
kann ja diesem Starrummel überhaupt nichts
abgewinnen.".
Bereits im Vorfeld frotzelte er mit Wortspielen wie
"Iris-Scan" über jenes Bändchen-Procedere für Akteure &
deklassiert anekdotisch die unausgelebten Süchte des J. Edgar
Hoover-Enkels Otto Schilly. Aus zwei geplanten Interviews werden Drei.
Videoaufnahmen werden jäh vom schrägen Klingelton des Kameramanns
unterbrochen. Noch mal
ein Fototermin kommt im Anschluss noch obendrauf.
Die Cateringkrippe ist bereits geschlossen. Der Schlachter geht Zigaretten
holen & kommt mit der Walter-Ulbricht-Gedächtnis-Marke "F6" wieder.
Egal, diese ist dank dem injizierten Menthol halbwegs frauenkompatibel. Felix
& Frank lassen den ganzen Rummel relaxt über sich ergehen, weil ja
schließlich jeder wissen wollte, ob es da wieder was zum Mögen oder
Brüskieren gibt. Harmonisch ist auch die eigens für diesen einen Gig
entworfene Autogrammkarte. Mineralisches Farbspiel im optisch minimalisierten
Quaderlook der frühen 80er, zwei toughe Kerle in Stalinjoppe. Plus der
runderneuerten Ikonographie ohne liturgische Fraktur &
rechts-liberal-verständlicher Numerik im Namenszug. Alles gnadenlos
frischer, etwa alles ein bissel zahm geworden?
Es ist längst
Pfingstmontag, die Kirche hat ein verbrieftes Anrecht zum feiern. Zielstrebig
geht es vorbei an schönen Menschen & grellbunten Marketendern. Einen
Happen zwischendurch. Knapp jeder Zehnte betet heutzutage noch vor der
Mahlzeit. Alles Wurst! Etwas Hektik liegt in der Luft & zwischendurch
fühlen wir Frank ein bisschen auf den Zahn der Zeit. Was beschäftigte
ihn in jüngster Vergangenheit? "Mein Studio
wächst & ich produziere ja nicht nur für 18 Summers. Da
fällt neben dem eigentlichen Job eine Menge Arbeit an. Auch haben wir
für das Akustik-Set seit Monaten aufs heftigste geprobt &
arrangiert."
Seine Vorliebe für
deutschsprachige Musik fand ja bereits auf dem letzten Album ein Zuhause, was
hält er denn so von der allgegenwärtigen "neuen" deutschen Welle?
"Musik findet für mich persönlich in Deutsch
statt. Unsere Texte kommen aber genau wie das Artwork vom Felix, von mir gibt's
Akkorde. Wir assimilieren unsere Parts & etwas Gemeinsames
entsteht." Das klingt zu schön nach formvollendeter
Basisdemokratie! "Natürlich gefällt nicht
alles, erst recht nicht auf Anhieb. Jeder hat seine sehr eigene Sicht der
Dinge. Aber irgendwie gibt's immer wieder einen entwicklerischen Konsens &
all meine anderen Ideen verwirkliche ich außerhalb von 18
Summers." Wo kann man derer habhaft werden? "Momentan arbeite ich an einem Projekt mit Nicole. Auch hier
gibt's deutsche Lyrics, aber das Ganze bedarf noch etlichen Aufwands bevor wir
detaillierter darüber reden können." Schwaben können
charmant sparsam sein, auch mit Auskünften. Na, noch ein Versuch
Wie
ernst kann man den angekündigten Purismus nehmen, kommt heut Abend nicht
doch plötzlich Roman um die Ecke & haut sphärisch in die
Tasten? "Glaub's endlich, es wird rein akustisch.
Roman ist zur Zeit mit seinen eigenen Projekten & Belangen mehr als
ausgelastet."
Die Odyssee im Taxi endete nach all dem
immensen Interesse an den Akteuren & Zuschauern in der Innenstadt, ohne
anschließendes Feuergefecht & Polizei. Wir halten vor einem
postmodernen Bettenbunker der direkt an den Johannisfriedhof grenzt. Also doch
noch morbide Anmut. Gebeine, Kruzifixe & Palmzweige! Seit dem Anfang des
13. Jahrhunderts bot dieser Gottesacker Leprakranken & anderen
Honoritäten, wie Goethes Jugendliebe Käthchen & Richard Wagners
Mutter, die letzte Ruhestätte. Auch Meister der schwarzen Kunst, wie Karl
Tauchnitz & F. A. Brockhaus, wurden hier versenkt
bis am 24. Dezember
1883 damit Schluss war. Der WW II zermalmte bombig fast restlos die verbliebene
steinerne & knöcherne Substanz. Nach der symbolträchtigen 1950er
Umbettung von J. S. Bach in die Thomaskirche wurde er zum Park planiert... Es
ist saukalt hier draußen & wer weiß ob spielende Kinder noch
verblichenes im Buddelkasten finden könnten, ergo kann man sich auch
getrost nach oben begeben.
"An other night in a hotel room. Frank is
playing his broken guitar. Forgotten songs of a lost generation. My heart is
burning...". Na, kaputt ist keine der 4 Gitarren, ein Sticker auf der
Rückseite kündet noch vom vorherigen Leben der Band. Frank hat neue
Saiten aufgespannt, will er doch dem Stagemanager ein Grinsen abluchsen &
dem Publikum reinen Messwein einschenken. E-Moll, d-Moll. Er schlägt sich
durch die chromatische Skala. Frank versichert glaubhaft erst seit 25 Jahren
Gitarre zu spielen & hat sich scheinbar auch früh für den
Klassiker unter den Star-Neurosen entschieden: Er wollte nie einer sein.
"Statt über ihn & Felix sollte man mal
über Iris & ihren aufreibenden Promoter-Job schreiben. Bei all dem
Stress hinter den Kulissen, den Terminen." Exakt, Mama könnte
nicht halb so umsorgend sein & dabei stets lächeln. Auf die Idee
hätte ja schon längst mal ein MAG kommen können.
Der Blick schweift durch das in türkis-blau gehaltene anonyme
Zimmer, vorbei an der millionsten Monet-Repro & bleibt am mondänen
Look von Mirjam & Nicole hängen. Frank wirft noch einen Scheit
Understatement mehr in den Kamin der Eitelkeiten.
"Keine Ahnung warum, aber manchmal sprechen mir die Leute eine angeblich
äußerliche Ähnlichkeit mit Peter Heppner zu.
Wolfsheim
!?" Wenige in seinem beruflichen Netzwerk wissen von
Silke & ihrer Sommerfrische. Bei Felix läuft es ähnlich.
"Im Job gibt es natürlich ein paar Leute die
Bescheid wissen. Aber es gibt auch genauso Viele denen das alles rein gar
nichts sagt. So bleibt man auf dem Boden. Ich dreh ja auch nicht durch, wenn
ich alle respektablen Produkte in Schaufenstern sehe, für die ich im
normalen Leben den Anreiz schaffe. Obwohl ein Kunde der für opulente
Architektur- & Bildbände steht, kommt mir oft mit - sie haben doch eh
nur ihre Musik im Kopf.". Ein Disput über die Macht des
Glamourösen, Images & Mode im Allgemeinen beginnt. Mirjam hat ja mal
in Modedesign gemacht, bevor sie in die Layout-Design-Welt eingestiegen ist.
Bei Entwürfen für Schuhe ist sie dennoch geblieben. Frauen halt
ein Kleid, vom wohl bekanntesten schwedischen Label, fand auch Anklang in der
bandeigenen Kleiderkammer. Nicole stellt fest, dass auch wir nicht
bedingungslos einem orthodoxen Szene-Styleguide folgen. Ist man(n) ohne
Chormantel & Latex gleich ein Verräter? Von widerspenstigen
Ich-bin-H&M-Gruftie-Shirts über Pink-ist-das-neue-Schwarz wird
extrahiert, re-codiert & zur eigenen Identität collagiert. Nicht
anders läuft's ja in der Musik & in Beziehungen. "Zusammenhalt ist wichtig.". Wir einigen uns
letztlich auf Goth is not a fashion, it's an atittude for live! Der Schlachter
eröffnet das Dauerfeuer mit seiner Kamera aus allen (un)möglichen
Positionen.
Generalprobe. Felix thront bequem im Sessel & stimmt
"The Letter" an
die Stimme fräst sich vom Ohr direkt ins Herz!
Reflektionen ihres songorientierten Handlings, weg von der jüngsten
Vergangenheit der fetten Produktionen. Angekündigt wurde dergleichen ja
schon öfters. Die Findungsphase bis der Song perfekt wie im heimischen
Studio sitzt, drängt sich hier überdeutlich auf. Totaler
Perfektionismus! Auf die Frage ob nach dieser langen Bühneabstinenz nicht
doch Lampenfieber hochkommt, antwortet Frank: "Vor ein
paar Wochen gab's schon mal nen Moment wo ich wie total gelähmt war, jetzt
geht's nur noch vorwärts.". Wer zum Teufel hat Euch eigentlich
zu diesem Gig ohne neuerliches Album etc. im Rücken überreden
können? Der letzte, vor 3 Jahren, war doch eine technische Pleite
ein Blitzen schlägt mir aus den Augen von Felix entgegen, 200er Puls &
ein donnerndes "A-Wort". Oops, erst der Hinweis auf die damals bewiesene
Standup-Comedian-Qualität rettet kurzerhand den Hals aus der Schlinge.
Frank stimmt inzwischen eine 12-saitige Gitarre ein. Die hat zwar richtig
Volumen, aber er bleibt unentschlossen. "Ich
entscheide kurz vor dem Konzert mit welcher ich antrete. Das passiert dann
absolut spontan". Kopf oder Zahl! Unsere Rezeptoren brennen beim
melanchohymnischen "Daddy´s Coming Home" fast durch. Felix ergänzt
die unübersehbare Begeisterung mit: "Vor Jahren
hab ich das mal in einem kleinen Club gespielt, ein Mädel brach
unmittelbar in Tränen aus. Sie hat die ganze Scheisse genau so erlitten,
alles kam in ihr auf. Solch ungeschminkte Emotionen sind das Herzblut.
Ehrliches Feedback bedeut mir unendlich mehr als jede verkloppte
CD!".
Hier & da flicht Frank zeitlos
schöne Seventies-Reminiszenzen in sein Spiel ein. Wir kommen auf den
gestrigen Auftritt von Steve Strange zu sprechen. Der Einzige jedoch der "Fade
to grey" klanglich optimal, ohne jegliche Anbiederung an mediengesteuerte
Revivals wiederauferstehen lassen kann, ist Midge Ure. Auf dessen aktueller DVD
agiert er ja ab & zu auch vollends akustisch. Felix meint zur darauf
folgenden Akustik-Tour sofort: "Kann ihm mal jemand
sagen dass ich da die zweite Stimme singen will!".
Sie haben
für dieses Set keine neuen Stücke am Start, die man dem Publikum
präsentieren wolle. Die vergangenen Probenmonate verbrachte man u. A. mit
etwas, vor dem sie bis auf eine Ausnahme sonst immer respektvoll halt machten.
Sie studierten ein paar Stücke anderer Musiker ein. Felix, wie seit ihr
denn eigentlich auf Marc Bolan gekommen? Etwa weil im Song auch die Liebe zu
sakralen Gebäuden thematisiert wird? "Ach, wir
covern eh immer nur Sachen die nie der Revivalbrenner sind. Die
Beatles-Geschichte kennt kaum jemand & Marc ist runter von der Liste. Aber
hört mal das hier
" Er zündet sich eine weitere "Zet"
an, Frank macht Sprünge über das ganze Griffbrett. "Just take a seat
they're always free. No surprise no mystery". The Police. Auch so ein Fall an
dem sich stets die Geister spalteten. Punk, Wave oder Pop? Hier kommt's
energetisch, druckvoller im Refrain & Nicole singt mit geschlossenen Augen
beseelt mit. Da bleibt man doch gern allein. Eine überaus gelungene
Neu-Interpretation. Chapeaux!
All die Songs des Sets sind keine
ausgeweidete Best-Off-Ansammlung. Es klingt knackiger, wärmer &
songorientierter arrangiert. Leichter Neo-Folk-Touch blinzelt hellwach aus
vertrauten Melodien. "Here and everywhere... things have changed and i've
changed myself". Ein sichtlich stolzer Felix sagt: "Wir machen ja ständig an unseren Songs rum. Nehmen die
im Studio auf, hören sie im Autoradio & finden neue Optionen. Man
entwickelt sich doch stetig weiter & frischt auf. So wie es ja zuletzt auch
um AJ:NA geschehen ist." Weiter geht's mit sanfter verstörender
Eindringlichkeit. Gänsehaut pur, als Felix die "We can find the answers to
never asked questions"-Passage deklamiert! Er hätte von jetzt ab seinen
sofortigen Umzug nach Disneyland verkünden können, dennoch hätte
jeder hier im Raum geschworen dass einzig er der illuminierte Messias einer
Exvirgo-Sekte ist.
Wer Perlen wie diese erschafft,
wird heroische Vergleiche schon verkraften können. Die Frage nach weiteren
musikalischen Wünschen, beantwortet der Schlachter kurz &
prägnant: "Noch irgendwas von der Protect.". Aber halt, "Man kann nicht jeden Song von uns einer radikalen
Reduktion unterziehen." Tja, auch "On The Other Side" sollte man
wohl besser im gewohnten Büßerhemd weiterleben lassen &
beispielsweise bei "Silkes Calling" finden wir es auch fast unmöglich.
Doch Felix meint: "Gerade den könnte ich mir gut
akustisch vorstellen. Düsteres Gewummer auf der Gitarre, dass Klacken
eines Zippo!". Die Zugabe wird "The Crystal Lake". He, was ist
eigentlich aus dem gleichnamigen Projekt geworden, eine Platte & dann
Schluss mit Sendebewusstsein? "Das müsste ja
eigentlich Frank beantworten. Es gab da mal den Plan mit Silke die
elektronischen Sachen zu releasen & mit Crystal Lake die akustischen. Wir
haben es dann aber ziemlich schnell verworfen.".
Keine
Uniformen, no Skull, auch kein Talar. Dafür aber eine Couch & die
besagte Stehlampe vor Ort. "Eigentlich hätten wir
jetzt alles filmen sollen & bräuchten es dann später nur noch
abzuspulen. Auf der Bühne wird eh nichts anderes passieren.".
Sicher? Das Einzige was in dieser nächtlichen Orgie rumgespritzt wurde,
waren ein paar Tropfen Rotwein. Sie wollen sich also partout nicht am
Image-Wettrüsten beteiligen. Lediglich die Medien fordern & erschaffen
ja Personen, die konsistenter sein müssen, als ein normaler je Mensch sein
wird. Das eigentlich Hinterfotzige, die wahrhaftige Provokation von 18 Summers
ist jenes wild entschlossene herausbrechen der Lyrics auf die sanfte Tour &
die damit verbundene, explodierende, Imagination im Hirn des Zuhörers!
Inzwischen ist 3 Uhr in der Früh. Alle sind geschlaucht. Plötzlich
draußen, ein paar Worte, Abschied. Der Lift bringt uns doppeldeutig
wieder runter. "Rain is falling down. Can you hear the silence?".
Der
wohl grausamste Zeitraum für jeden Musiker ist jener zwischen Generalprobe
& Auftritt. Ab dem frühen Nachmittag lenken sie sich erneut mit
Autogrammstunden, Interviews & einem Abstecher ins "Dark Flower" ab. Marko
der den Laden schmeißt, reißt sich bekanntermaßen für
jeden Act mehr als nur dass eine sprichwörtliche Bein raus. Vor kurzem
erst hat er eine leckere Postkarten-Aktion, mit Felix hinter der Optik,
gestartet. Im CineStar kommt Silvana mit einem immens properen Wunsch auf sie
zu, doch davon später mehr.
Die neu zum WGT gekommene
Parkbühne am GeyserHaus liegt versteckt zwischen idyllischem Grün
& Gründerzeit-Gebäuden. Es ist ein in Eigeninitiative wieder
auferstandener offener Jugendtreff. Ein Amphitheaterähnliches Ambiente
inklusive Spielplatz & CVJM-Sommerlager-Flair. Gelb-Rote
Bühnenausleuchtung macht Lust auf Lagerfeuer. Gerade ankommen, fackelt
Avantgarde-Ikone Anne Clark bereits ihr akustisches Feuerwerk ab.
Mörderisches Unterfangen hieran nahtlos anzuschließen! Die
Flügeltür der Bühne geht auf, Felix & Frank stecken nur kurz
die Häupter raus. Wie wirken wohl zwei simple Mikrofon-Galgen & ein
Stuhl, auf dieser 12 Meter langen Bühne? Dann erste Pressemitteilung der
WGT-Veranstalter, ausführliche Verneigung vor Beiden in der Ansage
Raus!
Volles Haus, dass Publikum applaudiert wohlwollend
& brennt vor Neugierde. Felix gibt noch mal Entwarnung. Tanzende Nackedeis,
Glockengeläut oder filmische Luftschlachtsamples werden uns nicht
erheitern
Getreu dem Iggy-Pop-Konzept von der Einheit zwischen Publikum
& Künstler flirtet er jovial. Der Opener "The Letter" wird bereits mit
sehr viel Beifall bedacht. Kein "Huch, die sind ja auch noch da" oder sonstiges
vergleichen, einordnen. Nach "Here and everywhere" steigert sich der Applaus
weiter. Die Beiden nehmen sichtlich gelöst die rhythmische Woge der
Sympathie auf, haben Spaß am Verschmelzen mit zweitausend Menschen in
feinstofflichem Wirken & Musik. Die ersten Akkorde von "Dr. Leyland"
erklingen. Mehrfach. Franks Spontaneität der Instrumentwahl resultiert im
neuerlichen stimmen der Gitarre. Der Perfektionist gibt sich halt nicht mit
annehmbaren Klängen zufrieden & Felix kommentiert: "Das haben wir jetzt extra eingebaut, damit es auch
authentisch rüberkommt.". Die Lacher sind auf seiner Seite.
"Turn off the radio" bringt das Auditorium zum kreischen & pfeifen.
" Freut uns sehr, dass ihr noch wach seid."
Er hat nicht verlernt zu kokettieren. "She's running"
"Gab's bisher auch nur in so ner
Bretzel-E-Gitarren-Version. Hier ist die pure!". Eine laue
Frühlingsnacht & man nimmt Jedermann mit ins Armenhaus, ins Irrenhaus,
ins Freudenhaus. In die Kirche. All die sichtbaren Hinweise auf physische
Verausgabung & völlige Versenkung ins Spiel, ziehen neben alten
Freunden & Fans selbst den völligen Neuling in ihren Bann.
Erleichtert wird auch die Begeisterung für "So lonely" entgegen
genommen. Gut ist, was gefällt und was man so noch nie zu Ohren bekam.
Immerhin reflektieren sie seit Jahr & Tag nicht einzig ungeschminkt die
Szene & Klischees, der Hauptinhalt ist immer noch was sie selbst erleben
& auf jeden Fall was sie gerade, auch über den Tellerrand hinaus,
bewegt. "Golden Days". "Wir halten die Songs bewusst
ganz kurz. So akustisch entfällt ja der ganze Schnickschnack der sonst
dazwischen kommt & jetzt muss auch ich noch Gitarre spielen. Hold
me." Allein für diese Ankündigung gab's die ganze Energie
in großen Schüben & verklärte Freude zurück. Nach
"Daddy´s Coming Home" muss selbst Felix kurz überlegen, welcher wohl
der nächste Song ist. Jetzt ist "Frank" an der Reihe & jener nutzt die
Gelegenheit um auch seinem Affen mal so richtig Zucker zu geben "Da geht's um seinen schwulen Freund, dafür
schämt er sich immer.". So könnte man jetzt hier die
komplette Setlist runterkommentieren. Jeder Song wird fast schon hysterisch
abgefeiert
wer bereits einmal solch knisternde Atmosphäre erlebt
habt, weiß wovon die Rede ist. Vielleicht wird es ja irgendwann einen
Mitschnitt auf reflektierendem Polycarbonat geben, angesichts der vielen
Kameras.
Was dann folgt, war bisher nur vor Kameras einer
Pflaume-Show üblich. Besagte Silvana wurde auf die Bühne gebeten. Die
Kleine nahm ihren ganzen Mut zusammen & machte vor versammelter Gemeinde
ihrem Tino einen Heiratsantrag! Der musste erst mal der Herr der Situation
werden & beweißen das Liebeschwüre nicht nur Lippenbekenntnisse
sind. Sein Wunsch, das Ja-Wort auf einem 18 Summers-Konzert zu überdenken
wurde somit spät aber nicht zu spät erfüllt. Die Hintertür
"die spielen doch sowie so nie mehr live" war jetzt im Spotlight zu gefallen.
Frank untermalte mit ein paar Akkorden & Felix foppte:
"Wenn Du es dir anders überlegt hättest,
wäre ich doch gern in die Bresche gesprungen". Keine Spur von
Verlegenheit, nichts was peinlich berühren könnte oder nach
schmalzigem TV-Format wirkte. Zugabe, Höhepunkt des wohl
schönsten One-Night-Stands des WGT & Schluss. Post coitum omne
animal triste est!
Ivo
Klassmann für GOTHICWORLD
UNDER YOUR SKIN - The Church of 18
SUMMERS
www.18summers.com
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