interview:
CORVUS CORAX "Die
Carmina Burana gehört zu Corvus Corax wie das Amen in der
Kirche"
Große
Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, sagt man. Wenn am 8. August dieses
Jahres die Neubearbeitung der mittelalterlichen Liedersammlung "Carmina Burana"
von CORVUS CORAX erscheint, wird dies sicherlich ein musikalisches
Großereignis. GOTHICWORLD und OBLIVION sprachen vorab mit Castus
Rabensang über Idee und Umsetzung des Projektes. Nachdem ich im hauseignen
Studio zwischen Mischpult, Schlagwerk und aufgereihten BHs drei Stücke in
einer unglaublichen Tonqualität (Dolby Sourround 5.1) genießen
durfte, ging es in entspannter Atmosphäre ans Fragen fragen.
GW: CORVUS CORAX werden die
"Könige der Spielleute" genannt, euch gibt es seit mehr als 15 Jahren.
Bisher funktionierte das Bandkonzept auch ohne den Liederschatz aus der Carmina
Burana: woher die Idee, wie sich ihr nähern?
CASTUS: Das stimmt so nicht. Wir spielen seit
etwa 20 Jahren schon Stücke aus der Carmina Burana, einige Stücke in
der Originalmelodie. Man muss es vielleicht erklären: Die Carmina Burana
ist etwa 1220 geschrieben, 1803 wieder entdeckt worden und ist eine Sammlung
von weltlichen Texten, die durch Mönche aufgeschrieben wurde. Die haben
die Texte ernst genommen: die haben getrunken und auch nicht nach dem
Zölibat gelebt. Das ist das, was uns an der Carmina Burana interessiert
hat, der große Fundus an weltlichen Texten. Schon immer haben wir zum
Beispiel "In Taberna" gespielt, in der Originalmelodie. Auf fast jeder CD von
uns ist ein Lied aus der Carmina Burana drauf. Irgendwann war es so, dass wir
einen größeren Klangkörper brauchten. Corvus Corax war uns
nicht groß genug. Wir haben dann überlegt, was ist das
größte akustische Instrument? Und was ist größer als ein
symphonisches Orchester - oder auch zwei. Wir haben dann angefangen Demos zu
machen und so hat sich das entwickelt. Die Carmina Burana gehört zu Corvus
Corax wie das Amen in der Kirche (lacht). Für die "Kaltenberger
Ritterspiele" sind wir gebeten worden, eine Hymne zu schreiben und haben dann
mit einem Orchester und einem Chor die "Hymnus Cantica" aufgenommen - das erste
Stück unserer Carmina Burana. Dann wollten wir auch ein ganzes Werk daraus
machen. Das ist jetzt drei Jahre her.
GW:Wie stark saß euch Carl Orff im Rücken -
ist es möglich gewesen, sich völlig von ihm zu emanzipieren? Auch vor
dem Hintergrund, dass sein "O Fortuna" bis zum Abwinken bekannt
ist.
CASTUS: Orffs Carmina
Burana ist ja ein Singspiel, ganz ruhig. Was die Leute kennen ist eben das "O
Fortuna". Unsere Carmina Burana ist allgegenwärtig. Deshalb kann man diese
beiden Sachen gar nicht miteinander vergleichen. Er saß uns also gar
nicht im Rücken. Wir kennen sein Werk und achten es auch - aber er hatte
andere Ansätze und Voraussetzungen. Er hatte nur eine schlechte
Übersetzung, wir haben uns rangesetzt und Leute dazugeholt, die das
studiert haben, einfach damit wir wissen, was wir da singen. Corvus Corax
werden immer wissen was sie singen und was sie spielen. Alles was wir tun
machen wir sehr bewusst.
GW: Wie
wählt man aus 240 Musikstücken DIE 12 richtigen aus???
CASTUS: Die Carmina Burana besteht
aus mehreren größeren Teilen. Es gibt 28 geistliche Dramen, die
haben wir natürlich vollkommen vernachlässigt (lacht), da wir mit
solchen Sachen nichts am Hut haben. Dann haben wir uns hingesetzt und haben
überlegt: Was passt zu Corvus Corax? Das Leben! Da geht es um Liebe, Lust,
den Frühling, Glück, Lügen und auch Geld. Also alles, was einen
mittelalterlichen Spielmann eben ausmacht - auch Kneipen, natürlich.
GW: Orff musste in den 30ern neu
komponieren, da noch keine Melodie zu den Liedern rekonstruiert war - das ist
heute teilweise geschehen. Habt ihr auf Rekonstruktionen zurückgegriffen
oder selbst komponiert?
CASTUS:
Doch, es waren schon Noten bekannt. Zum Beispiel aus der
"Heidelberger Liederhandschrift". Aber er wollte nicht darauf
zurückgreifen. Wir hätten uns auf vorhandene Melodien stützen
können - haben wir aber nicht. Es sind alles Neukompositionen für
großes symphonisches Orchester, Chor und mittelalterliches Ensemble,
sprich Corvus Corax.
GW: Lohnt der
gigantische technische Aufwand den Nutzen?
CASTUS: Es ist eine sehr moderne Produktion.
Vielleicht die modernste Musikproduktion zurzeit. Wir haben im
Overdub-Verfahren gearbeitet, jedes Instrument des Orchesters einzeln
aufgenommen. Am Ende hatten wir zwischen 350 und 400 Spuren pro Titel. Allein
das Einspielen in zwei Studios, unserem und dem Thommy Hein-Studio hat drei
Monate gedauert und noch einmal drei Wochen, bis wir es gemischt hatten. Dann
hatten wir die Stereoversion und das klingt ganz schön kompakt aus den
zwei Boxen. Und da war uns klar, in der heutigen Zeit muss es eine
Dolby-Sourround-Version geben. Ich kann nur empfehlen sich so eine Anlage zu
kaufen, sich am 8. August die Special-Edition zu besorgen und sich in die Mitte
zu setzen. Man wird eine ganz andere Welt erleben. Man muss nur aufpassen, dass
man wieder zurückkommt.
GW: Wird die "bombastische" Aufführung dem gerecht,
was die Carmina Burana ist: eine Liedersammlung einfacher Lieder von fahrendem
Volk?
CASTUS: Ja. Sicher
ist ein wenig Größenwahn dabei, aber das liegt an den
Möglichkeiten, die man mit einem Orchester und Chören hat. Nehmen wir
"Dulcissima", das Leben und die Lust, das muss schnell sein, dass muss laut
sein - da kann man sich in dieser Form austoben. Das ist der Wahnsinn, den wir
haben.
GW: Bei dem riesigen Werk seid
ihr quasi Nebendarsteller. Ist das OK für euch? Habt ihr Angst, eure Fans
zu überfordern?
CASTUS:
Nebendarsteller trifft es nicht ganz: Wir sind ein Teil vom Ganzen. Wenn man
uns herausnimmt, würde es nicht mehr funktionieren, wenn man das Orchester
weglässt, ebenso. Alles ist statisch miteinander verbunden. Nein, wir
werden unsere Fans nicht überfordern. Corvus Corax wird ja trotzdem
weiterspielen. Wir machen unsere Tour, auch Tanzwut wird es weiter geben. Ich
glaube, wir verprellen mit der Carmina Burana niemanden. Unsere Hardcore-Fans
sind begeistert, das hat sich bei der Vorabpremiere in Cottbus gezeigt. Manche
denken vielleicht, dass wir abgehoben sind - aber wir ziehen unser Ding weiter
durch. Wir machen unsere Musik, weil wir Spaß dran haben. Wir haben die
Carmina Burana geschaffen, weil wir etwas Großes schaffen wollten.
GW: Soll die Fanbasis sich erweitern
durch diesen qualitativen Sprung?
CASTUS:
Wir wollen auch anderes Publikum. Ich mag diese Mischung bei unseren
Konzerten. Da gibt es die Mutter mit dem kleinen Kind in der ersten Reihe,
hinten winkt eine Oma mit dem Krückstock und mittendrin einer aus der
schwarzen Szene. Da gibt es Metaltypen, die vor der Bühne stehen und
moshen, Luftgitarre spielen - obwohl wir keine Gitarre dabei haben (lacht). Und
das wird uns mit der Carmina Burana sicher auch passieren. Die Leute sollen
sich bei unseren Konzerten wohlfühlen und sich kennen lernen. Wir wollen,
dass die Leute zueinander finden. Man wird toleranter dadurch. Wenn man sich
die Carmina Burana von uns anhört findet man ja auch die ganzen
Einflüsse aus Osteuropa, aus dem Orient und unsere eigenen Erfahrungen.
Das ist nicht das Mittelalter, das sind wir!
GW: Würdest du der These folgen: Je schlechter die
Zeiten, desto stärker der Hang zum "romantischen Mittelalter"?
CASTUS: Schlechte Zeiten machen
sich heute ja eigentlich immer am "Numus", dem Geld fest. Im Mittelalter, als
die Pest nach Italien kam, das waren wirklich finstere Zeiten. Da haben sich
die Spielleute gedacht: Sterben muss ich sowieso, als verkauf ich Haus und Hof,
ziehe durch die Lande und feiere noch mal richtig ab. Mit Dudelsack und
Trommeln haben sie die Leute zur Ekstase gebracht - zur Tanzwut. Zu der Zeit
als die Carmina Burana aufgeschrieben wurde, etwa 150 Jahre vorher, waren es
aber schöne Zeiten. Und in der heutigen technischen Welt bieten wir den
Menschen eine Flucht in diese schöne Zeit. Wenn uns Menschen nach einem
Konzert schreiben: Danke, jetzt haben wir wieder für eine Woche Kraft -
macht uns das stolz.
GW: Medivalmusik boomt - die Hoffnung, dass sich die
Spreu vom Weizen trennt hat sich aber leider nicht erfüllt. CORVUS CORAX
und TANZWUT behaupten aber locker die Spitze. Grenzt ihr euch durch
Qualität von der "Masse" ab?
CASTUS:
Es ist wie im Mittelalter inzwischen. Früher in der DDR gab es
nur "Spilwut" und uns, damals noch Tippelklimper. Als wir dann in den Westen
kamen haben wir uns gewundert, was es da für eine große
Mittelalterszene gab. Die passte uns aber gar nicht - das war entweder zu
folkloristisch oder zu akademisch, was beides nicht auf einen Mittelaltermarkt
passt. Mit Strumpfhosen auf einem Markt stehen, das liegt uns nicht. Dann kamen
wir - und es macht uns natürlich stolz, dass sich da so eine Szene draus
entwickelt hat. Und wenn dann einer in einer schlechten Qualität auf dem
Marktplatz steht, dann geh doch weg, hör es dir einfach nicht an. Aber ich
find es schon cool, dass es so eine Szene gibt. Was viel schlimmer ist, ist
dieser Ausverkauf. Schlechte Spielleute auf einem Markt, mit mittelalterlicher
Bockwurst, neben einer mittelalterlichen Tankstelle, wo man mittelalterliche
Kekse kaufen kann - das ist schon Quatsch. Aber es gibt dankenswerter Weise
noch Veranstalter, die es ernst nehmen. Und bei denen spielen wir.
GW: Nach fast zwanzig Jahren
mittelalterlichem musizieren: Wie weit beeinflusst euer "Job" euer
tägliches Leben?
CASTUS:
Das ist unser Ursprung. Ich habe vor zwei Jahren in Frankreich ganz
allein Straßenmusik gemacht. Wir sind halt die Spielleute. Ich werde auch
später noch durch die Berge ziehen und Schafhirten besuchen. Denen von
meinen Sachen vorspielen und sie sollen mir was vorspielen. Wir werden uns
nicht ändern. Auch in zwanzig Jahren will ich noch auf einem Schaffell in
irgendeiner Jurte schlafen können. Wir taugen nicht für das
bürgerliche Leben.
GW: Eine
persönliche Frage zum Schluss: Warum kommt keine Mittelalterband ohne das
Palästinalied aus?
CASTUS:
Von den Mittelalterbands - Mittelaltermarktbands - waren Corvus
Corax die ersten, die es wieder gespielt haben. Erst mal ist es natürlich
eine wunderbare Melodie - die Walter von der Vogelweide leider nicht
geschrieben hat, der Text aber ist von ihm. Wir spielen es aktuell gar nicht
mehr. Wenn wir es spielen, dann nur die Melodie mit dem satirischen Text aus
der Carmina Burana, weil wir mit dem Originaltext nicht einverstanden sind. Zu
Zeiten von Walter von der Vogelweide war es vielleicht ein aktueller Text,
heute jedoch muss man nicht mehr nach Palästina ziehen. Einige Bands
nehmen dieses Lied sicher zu Ernst und man sollte sich überlegen, ob es
ein Araber nicht falsch verstehen könnte.
Daniel "Bela" Bartsch für
GOTHICWORLD
www.corvuscorax.de www.carmina-burana.net
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