interview:
GOETHES ERBEN
- "Im Steten
Wandel"
Stillstand ist der
Tod, vor allem dann, wenn es um künstlerische Belange geht. Niemand kann
dies besser beurteilen, als Oswald Henke. Verschrieen als Vorzugegrufti mit
exzessiven Suizidgedanken hat es gerade Oswald Henke im Laufe seiner Karriere
verstanden, dieses Stigma zu durchbrechen und sich in seiner
künstlerischen Auseinandersetzung auf die verquere Gefühlsebene
unserer Gesellschaft zu konzentrieren, indem immer wieder der
Mißstände unserer zwischenmenschlichen Beziehungen thematisiert und
aufgezeigt werden. Mensch sein, menschlich sein, Gefühle zu zeigen, dies
alles sind Werte, die in unserer gefühlsarmen Gesellschaft leider nicht
gefragt sind und bei denen bereits das Bekenntnis zu solchen Werten als mentale
Schwäche ausgelegt wird.
Dem entgegenzuwirken ist auch und gerade
Thema des neuen Albums "Nichts bleibt wie es war", dessen Titel sowie das
nachfolgende Zitat aus dem Booklet zu diesem Album, "Ein Feuerball kennt weder
Gut noch Böse, bringt nur Zerstörung und dann Stille", nach den
fürchterlichen Terrorakten vom 11.September beinahe schon prophetische
Bedeutung beigemessen werden kann.
Oswald Henke: >> Ja, es ist leider Ironie
des Schicksals, das manchmal nicht unbedingt wünschenswertes,
Zukunftsvisionen oder Utopien wahr werden. Es war mit Sicherheit nicht so
beabsichtigt. Eigentlich sollte es ja eine nicht wünschenswerte Utopie
bleiben. Das ist ja eigentlich auch die Aussage von dem Stück. Man
muß ja auch sehen, daß es das Stück bereits zwei oder drei
Jahre gibt. Das ist ja die deutschsprachige Bearbeitung von einem Stück
von Still Silent, "Shockwaved". <<
GW:
"Nichts bleibt wie es war" ist abermals eine konzeptionelle
Arbeit vor dem Hintergrund der menschlichen Vereinsamung; aber auch das "Mensch
sein", also menschlich zu sein, ist in diesem Kontext von großer
Bedeutung.
Oswald Henke:
>> Ja, denn das ist eigentlich das Resümee, das wir
daraus gezogen haben. Letzten Endes erzählen wir auf "Nichts bleibt wie es
war" unsere ureigenste Goethes Erben-Geschichte. Das in sich gekehrt sein, das
zornig sein, das Auseinandersetzen mit verschiedenen Aspekten die auf uns
einbrechen, die Ängste, die man hat, bis man an einen Punkt gelangt, wo
man zurückblickt und schaut und dabei feststellt oder darüber
nachdenkt, was man gemacht hat, wo man jetzt steht und wo man noch hin
möchte. Für uns stand es ja lange Zeit auf der Kippe, ob wir
überhaupt dieses Album so dokumentieren und veröffentlichen werden.
Auf diesem Weg haben wir eben für uns entschlossen, daß wir sehr
wohl weitergehen möchten. Wir verspüren nach wie vor ein
unbändiges Verlangen, uns auf künstlerische Art und Weise
mitzuteilen. Wir haben einfach noch sehr viel zu sagen und ich denke, die
Ereignisse, die jetzt auf uns hereinbrechen, werden auch in Zukunft
genügend Stoff intellektueller oder geistiger Art geben, das man auch noch
viele Geschichten erzählen kann. <<
GW: Zieht man ein Resümee aber nicht
gerade dann, wenn man eine bestimmte Sache zu Ende gebracht oder bringen
möchte? Wie fälllt das Resümee "Goethes Erben" nach all den
Jahren, in denen ihr CD´s veröffentlicht und getourt habt aus?
Oswald Henke: >> Man kann
aber auch ein bestimmtes Kapitel im Leben abschließen, um dann allerdings
weiter zu machen. Ein Reümee ist im besten Fall eine Bewertung der
Vergangenheit, um daraus Schlüsse zu ziehen, die man dann in Zukunft im
Leben umsetzen möchte. Das Resümee von Goethes Erben ist eben das,
daß wir als Goethes Erben auch weiterleben und künstlerisch weiter
verwirklichen möchten. Für uns ist die Quintessenz des Lebens, sich
wieder auf die Menschlichkeit und das Mensch sein zu berufen.
<<
GW: Besteht der Zweck
dieses Zwischenfazites dann darin, Dinge, die in der Vergangenheit vielleicht
nicht immer ganz optimal für euch gelaufen sind, neu zu überdenken
und zu eurem Vorteil zu verändern?
Oswald Henke: >> Das ist ja auch das
Schöne am Leben. Man erlebt Dinge und entscheidet dann irgendwann "das und
das war gut" oder "das und das war nicht gut". "Das und das möchte ich
ändern, damit es sich irgendwie verändert". Im Moment stehen alle
Leute, die an diesem Album mitgearbeitet haben, voll und ganz dahinter. Es
wäre einfach Schade zu sagen "das war´s jetzt einfach". Es
hätte aber durchaus sein können, daß wir mit "Nur ein Narr"
oder "Nichts bleibt wie es war" alles beendet hätten. Wir haben uns aber
entschlossen, das nicht so zu machen sondern zu sagen "nur wenn man lebt und
sein eigenes Leben gestaltet, kann man auch in der Gesellschaft das Leben von
vielen Leuten gemeinschaftlich gestalten und in eine hoffentlich positive
Richtung lenken". <<
GW:
Kann man im Umkehrschluß daraus schließen, daß ihr bestimmte
Dinge nicht immer so gestalten konntet, wie ihr es gerne gehabt hättet?
Oswald Henke: >> Nein.
Ich denke eher, wir haben lange Zeit nur negativ gedacht. Ich bin ein Mensch,
der sich sehr leicht über alle möglichen Dinge aufregt und damit auch
sehr leicht in irgendwelche Fettnäpfchen tritt. Manchmal tue ich dann auch
sehr schnell eine Meinung kund, ohne sie jetzt wirklich unbedingt zu
reflektieren, gerade was Interviews oder Kurzkommentare nach Konzerten oder
Albenveröffentlichungen angeht. Ich sehe manchmal auch einfach sehr
schwarz, was allerdings nicht wirklich so ist. Das Leben ist sehr
abwechslungsreich und eben nicht nur einfarbig oder grau, sondern eben auch
bunt. Das habe ich aber auch mit "Schach ist nicht das Leben" bereits vor ein
paar Jahren festgestellt. Im Moment geht es mir darum, daß das Album mit
"Der Eissturm" extrem kalt, einsam und sehr dunkel ohne Emotionenen beginnt.
"Mensch sein" besinnt sich dann aber auf Aspekte, die Menschen eben ausmachen.
<<
GW: Mit "Nichts bleibt
wie es war" schicken Oswald Genke und Mindy Kumbalek ihre Zuhörer erneut
auf ein Seelentrip, der alle Facetten an Emotionen beinhaltet. Von einer leicht
unterkühlten Atmosphäre über den beinahe schon zynischen
Tiefpunkt "Zimmer 34" bis hin zum hoffnungsvollen "Mensch sein". Innere
Zerrissenheit als Zustandsbeschreibung der menschlichen Psyche?
Oswald Henke: >> Genau
das ist es, was man erkennt und was auch wir im Laufe der letzten Jahre erkannt
haben. Wir erzählen ja eigentlich nichts anderes als unsere eigene
Geschichte und somit auch die Zerrissenheit, die bei der künstlerischen
Arbeit entsteht. Immer mit dem Gedanken "jetzt hören wir auf, jetzt geben
wir auf". Wir sind aber der Meinung, daß Aufgeben genau das Falsche
wäre. Ich kann nicht über die Art und Weise wie die Menschheit lebt
schimpfen, wenn ich, wie in Schreiheit, sage "ich schweige jetzt". Nur wer
seine Meinung kund tut kann Dinge verändern, und wer sagt "ich hab´
keine Lust mehr, geh´ nicht mehr wählen, klinke mich aus oder
schließe mich ein", der wird nie etwas ändern können. Für
mich geht es darum, daß man nur dann etwas ändert oder eine
Änderung verlangen kann, wenn man bereit ist, auch in seinem eigenen Leben
eine Veränderung herbeizuführen. Das Geheimnis des Lebens besteht
schließlich darin, das man lebt. Und das ist letzten Endes auch der Sinn
des Lebens. <<
GW: Den
Goethes Erben nun als Folge des Reifeprozesses und des Älterwerdens nun
anscheinend gefunden haben. Gerade die frühen Veröffentlichungen der
Erben waren geprägt von einer beinahe schon nihilistischen und
lebensverneinenden Einstellung, die der Band nicht nur das zweifelhafte Etikett
der "Neuen Deutschen Todeskunst" einbrachte´, sondern gleichzeitig auch
mit einer stilististischen Stigmatisierung einherging, mit der die Goethes
Erben bis zum heutigen Tage zu kämpfen haben.
Oswald Henke: >> Die Texte für die
ältesten Stücke habe ich geschrieben, da war ich erst siebzehn. Ich
hatte damals eine sehr einseitige Sicht von vielen Dingen. Das ist halt das
Manko der Jugend, weil man noch nicht so viel Lebenserfahrung hat. Es ist wie
bei einem Kind. Wenn es auf die Welt kommt, kennt es nur bestimmte
rudimentäre Begriffe. Je älter es wird, desto mehr lernt es und
begreift es auch seine Umwelt. Man lernt, daß man die Dinge von
verschiedenen Blickwinkeln aus ganz anders bewertet. In den Anfängen hatte
ich eine extrem einseitige und zumeist nur sehr melancholische und depressive
Sichtweise der Dinge. Das resultiert aber auch aus der Zeit, in der ich von der
Schuleins Krankenhaus gekommen bin, da ein Praktikum gemacht habe und danach
drei Jahre eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolviert habe. Von heute auf
morgen bin ich aus einer sogenannten heilen Welt in eine Welt geworfen worden,
in der Krankheit, Tod und Leid alltäglich wurden. Das hat mich emotional
erstmal ein bißchen aus der Bahngeworfen und ich habe begonnen, negativ
zu denken. Für mich war Goethes Erben damals eben daher sehr wichtig, um
mich mit den dunklen Dingen, die über mich und mein Leben hereingebrochen
sind, auseinanderzusetzen. Dadiurch wurde die Betrachtungsweise sehr einseitig.
Im Laufe der Zeit habe ich dann gesehen, daß man ebennicht alles nur aus
einer Perspektive heraus betrachtet, sondern auch einmal anders bewerten und
andere Gedankengänge zulassen sollte. Das gilt auch für die
musikalischen Einflüsse. <<
GW:
War diese Entwicklung die Folge eines langen
Entwicklungsprozesses oder könntest du Schlüsserlerlebnisse benennen,
die zu diesem Sinneswandel geführt haben?
Oswald Henke: >> Es ist eine Entwicklung,
von der ich sagen würde, daß sich alles ergeben hat. Nachdem wir die
Trilogie mit dem Live-Album "Leben im Niemandsland" abgeschlossen hatten, haben
wir uns vorgenommen, neu anzufangen. Wir haben das Mini-Album "Der Die Das"
gemacht und am Ende dieses Albums all das zerstört, was schön war und
die Leute an Goethes Erben geschätzt haben. Wir haben von heute auf morgen
die Kerzen von der Bühne vertrieben, wir haben das blaue Album, das danach
kam, in eine ganz andere musikalische Richtung gelenkt. Wir haben sehr
textorientiert gearbeitet und das kälteste und wortlastigste Album
veröffentlicht, was wir bis dato geschrieben hatten. Wir wollten nicht
einen einzelnen Weg gehen, denn unsere Phantasiewelt besteht nicht nur aus
Schönklängen oder nur aus Melancholie oder nur depressiven Dingen
oder nur aus dem Niemandsland, der Kerzenwelt, sondern eben auch aus
Eislandschaften, aus Kälte, aus elektronischeren Klängen. Damals kam
das erste Mal eine E-Gitarre dazu, gegen die ich mich drei Jahre zuvor strikt
gewehrt hätte. So hat sich das entwicklet. <<
GW: Das neue Album unterteilt sich grob in
drei Blöcke: die Zeit nachzudenken, die zornigen Utopien und das bereits
angesprochene Resümee. Wann findest du die Zeit dich hinzusetzen und die
Ruhe zu finden, derer es bedarf, um solch ein Konzept zu entwickeln?
Oswald Henke: >> Wenn ich
alleine bin, denn daher mag ich das Alleinsein auch sehr gerne. Ich möchte
aber auch nicht immer alleine sein. Nach einer Tournee, wenn ich vierzehn Tage
lang mit unserer ganzen Mannschaft zusammen war und man da kaum einmal die
Möglichkeit hatte, alleine zu sein, dann ist es schön, auch wieder
etwas Abstand zu der Sache zu gewinnen. Im ersten Moment, wenn man dann wieder
ganz alleine ist, ist das schon sehr komisch, denn man denkt ständig
daran, daß man vielleicht jetzt gerade Soundcheck machen oder gerade
auftreten würde. Man fällt erst einmal in ein Loch und dann beginnt
eine Phase, wo man es genießt, wieder alleine zu sein, um seine Gedanken
zu ordnen. <<
GW: Ideen
für neue Konzepte finden sich also nur in diesen Phasen der Ruhe und der
Einsamkeit?
Oswald Henke:
>> Die entstehen nur in solchen Phasen, in denen man reflektiert. Im
Endeffekt sind fast alle Goethes Erben-Texte Reflektionen von dem, was ich
jeden Tag wahrnehme und erlebe. Ich gehe mit wachen Augen und klarem Verstand
durch die Welt, beobachte und bewerte sie und reflektiere die Dinge, die mich
so berühren, daß ich sie künstlerisch umsetzen möchte.
Dann arbeite ich daran. <<
GW:
Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern legt Oswald Henke
sehr viel Wert darauf, seine Arbeit zu erläutern, Hintergründe zu
erklären und somit Interpretationshilfen mit an die Hand zu geben. Hast du
Angst mißverstanden oder fehlgedeutet zu werden?
Oswald
Henke: >> Da hat sich in meinem Denken ein Wandel vollzogen.
Seit der Trilogie habe ich gesagt, was ich mache, das mache ich, und dann ist
es veröffentlicht. Bei der ersten Fassung von "Der Traum an die
Erinnerung" wurden noch nicht einmal die Texte abgedruckt. Da habe ich einfach
gesagt, daß das Wort für sich steht. Dann habe ich aber gemerkt,
daß man ein Problem bekommt, weil die Leute einen falsch verstehen oder
zum Teil auch falsch verstehen wollen. Da ist ja die Presse Weltmeister drin.
Die sind da manchmal sehr schnell, und wenn man sich die Morde in Witten
anschaut, die ja eventuell von diesen schwarz gewandeten Gesellen aus Witten
begangen wurden, da wurde sofort die ganze Szene attackiert, ohne daß
irgendwie reflektiert wurde, daß diese schwarze Szene sehr breit
gefächert ist. Sowohl in der musikalischen Ansicht, als uach in der
Lebensweisheit. Da wurde gleich wieder gesagt, daß jeder, der sich
schminkt und scharze Kleidung trägt, ein Satanist ist. Wenn man etwas, so
wie viele Leute es tun, künstlerisch in einen Raum wirft, ohne die
Verantwortung für das zu übernehmen, was das nach sich ziehen
könnte, so ist das ein Standpunkt, den ich früher auch vertreten
habe, heutzutage aber nicht mehr vertrete. Ich denke, wenn ich heute etwas
veröffentliche, auf einem Tonträger, oder mich auf eine Bühne
stelle, dann habe ich in dem Moment eine gewissen Verantwortung für das,
was ich tue. Ich kann nicht verhindern, daß Leute, die von ihrem Denken
noch nicht ganz so reif sind, mich falsch verstehen. Das will ich einfach
verhindern. Ich möchte nicht als Ausrede dafür dienen, daß sich
die Leute umbringen. <<
GW:
Befindest du dich also demnach in einem Erklärungsnotstand
um solche Mißverstände von vorneherein ausschließen zu
können?
Oswald Henke:
>> Sollte jetzt jemand ein Lied von diesem Album
mißbrauchen und aus seinnem Kontext heraus reißt, dann kann ich
sagen: "Dummer Mensch, lies bitte den Begleittext durch". Da habe ich "das und
das" gesagt. Wenn jetzt zum Beispiel jemand sagt, ich würde bei
"Fleischschuld" und "Zimmer 34" etwas verherrlichen, dann kann ich darauf
verweisen, daß es so und so gemeint ist und ich erst gar nicht einen
gewissen Kontext gebracht werden kann. Ich habe mit Selbstmordthemen ja schon
öfter operiert und vor ein paar Jahren, zu Zeiten der Trilogie, habe ich
einen Brief von einer jungen Dame bekonnen, der für mich ein sehr harter
Punkt in meinem Leben war. Dieses junge Mädchen hatte mir den
Abschiesbrief von ihrem Bruder, der sich erhängt hat, geschickt. Er hatte
einen seiner Briefe an Goethes Erben gerichtet. Dieses Mädchen hat uns im
Endeffekt mit vorgeworfen, daß ihr Bruder ja letzten Endes auch wegen
Goethes Erben an der Welt verzweifelt wäre. Musik kann nie der Grund
dafür sein, daß sich jamend umbringt. Das ist klar. Das hätte
genau so gut eine schlechte Note in der Schule sein können oder irgend
etwas anderes. Für mich war das aber der Punkt, wo ich gemerkt habe,
daß ich mit dem, was ich tue, aufpassen muß. Erben-Musik ist extrem
emotional und man muß aufpassen, daß man da eine Balance hält.
Ab diesem Zeitpunkt gibt es bei den Erben nichts endgültig düsteres
mehr. Es gibt immer irgendwo Hoffnung. Selbst beim blauen Album. Von da an habe
ich mir gesagt, daß ich keine Kunst veröffentliche und sage
"friß oder stirb", sondern "das ist meine Meinung, zu der stehe ich, aber
es hat auch innerhalb bestimmter Grenzen einen bestimmten
Interpretationsspielraum, der nicht komplett mißverstanden werden
sollte". Interpretation finde ich gut. Manche Lieder kann man sehr frei
interpretieren und mache kann man sehr schnell falsch verstehen, vor allen
Dingen dann, wenn man sie nur sehr oberflächlich betrachtet, und das will
ich verhindern. Außerdem will ich verhindern, daß irgendwelche
Leute meinen, sie seien der Grund für irgendetwas. Ich kann mir einfach
nicht vorstellen, daß Musik oder Kunst, Gemälde oder Filme, die ja
auch sehr leicht in den Ruf geraten, gewaltverherrlichend zu sein, Schuld an
einem Ergebnis sind. Grundsätzlich ist dies eher ein gesellschaftliches
Problem. Musik oder eine andere Form der Kunst kann höchstens ein kleiner
Tropf in einem riesigen Faß von Problemen sein, kein auslösendes
Moment. << GW:
Jüngst lief im Fernsehen ein Bericht, der sich mit dem Thema der aktiven
Sterbehilfe und der Sterbebegleitung auseinander gesetzt hat. Im Verlauf der
Reportage gab es eine ältere Frau, an Körper und Geist vollkommen
gesund, die, des Lebens einfach müde, um aktive Sterbehilfe gebeten hat.
Dies kann für einen Humanisten doch kaum Sinn und Zweck der
Sterbebegleitung und somit eines beinahe inszenierten Freitodes sein. Für
jemanden wie Oswald Henke, der aufgrund seines beruflichen Werdeganges
häufig mit dem Tod in Berührung gekommen ist und der nicht nur den
natürlichen Tod, sondern auch den Suizid immer wieder thematisiert und
somit für sich verarbeitet hat, stellt sich dies ähnlich
dar.
Oswald Henke: >> Ich
habe einen sehr klaren Umriß davon, wie ich Selbstmord verstehe.
Nämlich nur dann, wenn jemand wirklich todkrank ist, es keinerlei
Aussichten auf eine Heilung gibt und man genau weiß, daß die
letzten Wochen und Monate mit furchtbarem Leid verbunden sind. Das ist für
mich der einzige Punkt, wo ich akzeptieren kann, wenn er sagt, "ich bringe mich
um". Wenn jemand nur sagt, er ist lebensmüde aus verschiedenen
Gründen, dann ist das für mich ein komplettes Versagen der
Gesellschaft und des Umfeldes, in der sich diese Person bewegt. Darum geht es
ja in "Zimmer 34". Es geht darum, daß sich die Gesellschaft des
unangenehmen Themas "Suizid" entledigt, indem sie diesen Menschen anbietet,
sich umzubringen. In einem beliebigen Hotelzimmer 34. Ich finde es
gefährlich, den Selbstmord zu institutionalisieren. Das darf man nicht.
Ich finde auch die Legalisierung der Sterbehilfe für komplett
gefährlich. Wir hatten dan schon mal. Gerade in der deutschen Geschichte.
Die Gefahr von Mißbrauch ist da und es treibt nur noch mehr in eine
anonyme Form von "Sterben". Wir haben ja heutzutage schon genug "Zimmer 34".
Das Sterben kann sich ja nicht über einen Tag oder eine Nacht hinziehen,
sondern über Monate, Jahre... Gerade alte und kranke Leute, Hospize,
Krankenhäuser, Altenheime, Wohnheime, Asylantenheime, überall gibt es
diese "Zimmer 34", und darum geht es mir. Es geht um diese absolute
Gefühlskälte, die in unserer Gesellschaft so weit herrscht, daß
man am liebsten dieses Thema auch noch als Institution sehen möchte. Wie
man ja auch schon gesagt hat, daß die Geburt eine Krankheit ist und wer
ein Kind zur Welt bringen will, muß ins Krankenhaus gehen. Eine
Schwangerschaft ist ja keine Krankheit. Alles, was der lieben Gesellschaft in
irgendeiner Form unangenehm ist, wird in irgendeine Institution gesteckt, denn
dadurch gehen dem normalen Menschen auch Aspekte verloren. Warum haben denn die
jungen Leute vor Krankheit und Tod soviel Angst? Weil sie sich einfach nicht
mit diesem Problemen auseinandergesetzt sehen und sich nicht damit
identifizieren können, weil sie es einfach nicht erfahren. Die Oma wird
ins Altenheim oder ins Krankenhaus gesteckt, sobald sie etwas gebrechlicher
wird. << GW: Gibt es neben
diesen humanistischen Aspekten auch religiöse Hintergründe, die hier
eine Rolle für dich spielen, bedienst du dich auf "Nichts bleibt wie es
war" doch auch christlicher Smybolik?
Oswald Henke: >> Ich bin kein
religiöser Mensch. Es geht mir wirklich um ethische Dinge. Um
Menschlichkeit. Für mich geht es um das "Mensch sein". Das ist ja auch die
Quintessenz des Albums. Das letzte Stück heißt ja auch so und
deshalb endet das Album auch so. Wir bewegen uns in einer absolut kalten Welt,
in der jeder nur noch an sich selbst denkt. Ich hätte gerne ein
Wunschdenken und vielleicht könnte man es so sagen, daß der
Mittelteil, also die unschönen Utopien, die man hat, und der Schluß,
gerade die letzten beiden Stücke "Schreiheit" und "Mensch sein", die
wünschenswerten Utopien sind, die hoffentlich eine positivere Zukunft als
das darstellen, wie wir uns derzeit gesellschaftlich bewegen. Das ist auch das
einzige, was ich zu diesem Anschlag in Amerika sagen kann. Zunächst einmal
war ich natürlich sprachlos und dann habe ich aber gemerkt, daß
plötzlich auf dere Erde auch wieder Kommunikation stattfand. Daß vom
Geiste unterkühlte Verhältnisse zwischen verschiedenen Ländern
wieder aufgetaut sind, weil man eine Gemeinsamkeit gefunden hat. Weil die
Menschen in der Öffentlichkeit auch wieder näher zueinander gefunden
haben. Ob es nun Gottesdienste oder Lichterketten waren. Natürlich ist es
sehr bitter, daß erst so etwas passieren muß, becor die Menschen
reagieren. << GW:
"Glasgarten" ragt nicht zuletzt aufgrund der Zusammenarbeit mit
Peter Heppner und der Veröffentlichung als Single aus dem Album heraus,
wobei es mittlerweile in Mode zu kommen scheint, Peter Heppner als Duettpartner
zu engagieren. Warum dennoch dieses Duett ?
Oswald Henke: >> Peter hat im Gegensatz zu
vielen anderen "normalen" Sängern eine ganz eigene und markante Stimme
hat, die sehr viel Leben in sich hat. Eine Strimme, der, wenn man sie
hört, vom Klangbild auch das abnimmt, was sie singt. Es ist eine Stimme,
bei der man merkt, daß dieser Mensch in seinem Leben etwas erlebt hat,
und das war nicht nur "Friede, Freude, Eierkuchen". Ich wollte etwas, daß
dieses Stück auch vom emotionalen her bereichert und da ist Peter´s
Stimme einfach ideal. Ich habe das Stück mittlerweile auch dreimal auf der
Bühne gesungen und das macht´s. Das verbreitet eine Stimmung voller
Emotion und war für uns einfach eine Idealbesetzung für diesen Part.
<< GW: Oswald Henke
versteht sich in seiner künstlerischen Tätigkeit nicht "nur" als
Musiker, sondern auch als Schauspieler, Poet und Literat. Wo beginnt für
dich die künstlerische Auseinandersetzung mit einem Thema und wo endet
diese?
Oswald Henke: >>
Ich betrachte es auf keinen Fall als 24-Stunden-Job. Ich versuche Goethes Erben
oder Erblast und meine privaten Aktivitäten strikt voneinader zu trennen.
Wenn man das nicht macht, hat man kein Rückzugsgebiet mehr, wo man mal vor
etwas Ruhe hat. << GW:
Betrachtest du eine Popularität manchmal als Belastung,
vielleicht nicht immer ungestört und unerkannt irgendwo hingehen zu
können?
Oswald Henke:
>> Es kommt darauf an. Wenn ich mich vor oder nach einem
Goethes Erben-Konzert im Publikum aufhalte, dann gebe ich sehr gerne Autogramme
und stelle mich Fragen. Wenn ich privat weg gehe, dann möchte ich auch
privat bleiben. Dabei gibt es schon manchmal Leute, die nicht ganz
nachvollziehen können, daß dies so ist. Deshalb entwickle ich da
manchmal Methoden der Tarnung. << GW:
Abschließend noch die Frage, ob du manches Mal nicht doch
einen inneren Drang verpürst, dich einfacher und in vielleicht nicht ganz
so intellektueller Art und Weise künstlerisch zu betätigen, verlangst
du deinem Publikum doch eine intensive Auseinandersetzung mit deinen Alben ab?
Oswald Henke: >> Nein,
dieses Bedürfnis habe ich eigentlich nicht, denn sonst würde ich es
auch machen. Manche Sachen sind ja auch viel leichter zu vertsehen. Ein
Stück wie "Ganz still" ist sprachlich doch sehr eingängig. Das ist
bein weitem nicht so tiefsinning wie jetzt zum Beispiel "Zimmer 34", was
wirklich extrem komplex ist. Ich habe immer einen besonderen Bezug zu meiner
Muttersprache, ich denke in deutsch, ich spreche deutsch und ich kann einfach
am Besten mit dieser Sprache umgehen und ich möchte vielleicht auch wieder
die Leute ein bißchen für die deutsche Sprache interessieren. Ich
finde es daher auch manchmal sehr traurig, wie gerade in den neuen Medien oder
im Internet kommuniziert wird. Da wird überhaupt keine Rücksicht mehr
auf irgendwelche Formen oder sprachliche Feinheiten gelegt mehr gelegt. Der Ton
ist einfach entsetzlich geworden. <<

Dem ist
nichts mehr hinzuzufügen.
Michael Kuhlen (
Obliveon ) für die
GOTHICWORLD
http://www.goetheserben.de
zum CD-Review von "Nichts bleibt wie
es war"
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