interview:
K M F D M - die Todgeweihten leben
wieder.
Moritantur te salutant prangt in dicken Lettern im
Inlay des neuesten Albums von Deutschlands bekanntesten Auslandsektronikern.
Aber von Tot kann eigentlich kleine Rede sein, denn mit Attak
melden sich KMFDM mit lautem Knall zurück, nachdem die Umbenennung in
MDFMK und der damit verbundene Wechsel zum Labelgiganten Universal in die
Sackgasse führte. Obendrein trennte sich Sascha Konietzko, Kopf von KMFDM
von den langjährigen Bandmitgliedern En Esch und Gitarrist Günter
Schulz. Für Gesprächsstoff ist also gesorgt. Also, die unvermeidbaren
Fragen zuerst warum die Trennung?
Sascha: >> Manche bleiben halt auf der
Strecke, sie hatten einfach keinen Bock mehr und wollten was anderes machen.
Also haben sie dann ihr eigenes Projekt (Slick Idiot) durchgezogen. Ich glaube,
sie hatten einfach genug von der Arbeitsweise. <<
GW: Was ist denn mit Arbeitsweise
gemeint?
Sascha: >> Bei
uns herrscht immer das Reihumprinzip. Das heißt, einer von uns fängt
ein Stück an und gibt es dann an die anderen weiter, damit sie es weiter
bearbeiten, sodass in der Mitte einer Produktion jeder an verschiedenen Songs
arbeitet und keine großen Lücken entstehen. Mir gefällt es da
wir so einfach keine Zeit verschwenden und jeder seine Arbeit selbst bestimmen
kann ohne auf die anderen warten zu müssen. Andere Leute kommen darauf auf
Dauer aber nicht so gut klar, wie ich. <<
GW: Weißt Du bei einer solchen Art von
Songwriting überhaupt noch was am Ende dabei heraus
kommt?
Sascha: >> Man
kennt sich halt und kann sich aufeinander verlassen, aber im Grunde weiß
ich es nicht genau. Die Sache fängt bei mir im Studio an und hört da
auch wieder auf. Bis jetzt habe ich dabei auch noch nie das große Grauen
erlebt. Obwohl passieren könnte es ja. Besonders wenn Du ein bestimmtes
Bild im Kopf hast und am Ende feststellen musst, dass sich der Song in eine
andere Richtung entwickelt hat. Ja das passiert auch aber weißt Du was
mir dabei bewusst geworden ist? Dass man nicht so furchtbar besitzergreifend
sein sollte, so eingenommen von sich selbst. Andere können meine Sachen
ruhig nehmen und weiterverwursten. So kommt es dann wirklich vor, dass Teile
die vorher dominant waren sich am Ende im Hintergrund wiederfinden und
umgekehrt, so bleibt alles dynamisch. <<
GW: Die nächste unsausweichliche Frage
lautet natürlich: Weshalb die Rückkehr von MDFMK zum alten KMFDM
Banner, denn deutliche musikalische Brüche sind auch in Neubesetzung nicht
zu vermelden.
Sascha:
>>Wir hatten uns 99 umbenannt, damals wurde im Verlauf der
Aufnahmen klar, dass die beiden nicht mehr lange an Bord sein würden.
Deshalb hatte ich das Gefühl, dass ich nicht mit dem alten Namen
weitermachen konnte. Allerdings hatten wir so viel Material, dass wir uns
gesagt haben: Gut, jetzt drehen wir den Namen erst mal um und sehen was
in der Zwischenzeit passiert. Der Weg zurück zu KMFDM kam dann
aufgrund des öffentlichen Drucks hin zustande. Die Fans haben immer nach
dem alten Namen verlangt, obwohl die MDFMK Platte eigentlich sehr gut war. Ich
habe sie gerade, zum ersten mal seit einem Jahr, gehört. Die
Zusammenarbeit mit dem Major hat auch nicht so geklappt, wie wir uns das
vorgestellt hatten. Das war wie Feuer und Wasser. Wir haben unseren eigenen
Kopf und die Majors eben auch, dabei waren unsere Vorstellungen ziemlich
gegensätzlich. Zum Beispiel schickten sie uns zu so einer Verarschsendung
Farm Club (oder so ähnlich), bei der dann irgendwelche coolen
LA Bands ihre Pseudoliveauftritte hatten. Das war echt sehr seltsam. Wir
wollten das eigentlich gar nicht machen aber damit Ruhe blieb haben wir dann
endlich mitgemacht. Bei einem Kompromiss sollten eigentlich beide Seiten
aufeinander zugehen, aber ein Majorlabel ist eine sehr starre Struktur, die
nicht mal eben eine Extrawurst machen und KMFDM sind die personifizierte
Extrawurst. Eine Extrawurst mit five letter Code. Diesmal Attak. <<
GW: Was macht das neue Album aus
deiner Sicht zu etwas Besonderen?
Sascha:
>> Zunächst mal ganz klar die Tatsache, dass wir uns
über ein Jahr mit den Songs auseinandergesetzt haben. Deshalb kann ich
selbst zu den Songs im Moment eigentlich gar nichts sagen. Wenn ich sie mir
jetzt anhören würde, dann wäre ich noch viel zu dicht an der
Produktion, im Mix und all den technischen Elementen. Ich kann unsere Alben
immer erst nach der nächsten Platte einordnen.Touren sind aber wieder
interessant, da es da schon wieder um Interpretationen der eigenen Stücke
geht und wir sowieso nicht alles hundertprozentig übernehmen können,
vor allem da wir keine Bänder benutzen. <<
GW: Du scheinst ohnehin ein sehr Technik
fixierter Mensch zu sein.
Sascha:
>> Ja, ziemlich. Ich sitze immer in einer Art Cockpit, umgeben
von Geräten und Lichtern und so. Das ist einfach eine Charaktergeschichte,
wenn ich vor hundert Jahren gelebt hätte, hätte ich wahrscheinlich
das Fliegen erfunden. <<
GW:
Trotz dieser Elektro Orientierung gibt es auf Attak einige Songs
die sehr direkt und metallisch, fast erdig klingen.
Sascha: >> Das stört mich
überhaupt nicht. Das sind schließlich bewusste Entscheidungen. und
ein Teil des KMFDM Spektrums. Von Punkrock bis Reggae, von Techno bis Mozart.
Wir wollten noch nie genrespezifisch sein. <<
GW: Ist der Titel Attak eine
Anspielung auf gegenwärtige politische Situation?
Sascha: >> Der stand schon im März
letzten Jahres fest, die Geschichte hat sich dann letzten Endes wieder selbst
eingeholt. Wie das halt so ist, die Sache hatz uns wieder einen politischen
Anstrich gegeben, der gar nicht geplant war. Das passiert uns immer wieder. Das
angenehme daran ist, dass wir nicht in einer Ecke bleiben, in der immer nur
Liebesschnulzen zusammengebraten werden. <<
GW: Beim Ausdruck politisch muss man ja noch
mal ein bisschen in eurer Geschichte rumwühlen. Vor eurer Umbenennung
hattet ihr in Zusammenhang mit dem Columbine Schulmassaker den Ruf einer
Hetzband, wie auch Manson oder Rammstein.
Sascha: >> Einer von diesen Kids, die ihre
Mitschüler umgebracht haben, war großer KMFDM Fan. Der hat auf
seiner Homepage jede Menge Textfetzen zusammengesetzt und sich daraus seine
eigene Ideologie zurechtgezimmert. Das kam gleich am Tag des Mordes heraus und
innerhalb von ein Paar Stunden hieß es dann, wir seien Sponsoren und
Leader für so eine Art von Untergrundmafia, die Kinder zum Terrorismus
anleitet. Da standen innerhalb von achtundvierzig Stunden irgendwelche Reporter
bei mir auf dem Rasen. Das war ziemlich haarsträubend. Dieser Strum der
sich da über uns zusammenbraute zog dann aber recht schnell über uns
hinweg, da die Leute mit KMFDM nicht viel anfangen konnten. Das
Mainstreampublikum kannte uns einfach nicht. Aber Manson kannte jeder, der
wurde dann als Ersatzsündenbock reingeflickt. RAMMSTEIN haben sie gleich
noch in Pott reingeworfen sie waren Deutsch und wurden gerade richtig bekannt
hier. <<
GW: Hat sich das
bis heute wieder gelegt?
Sascha:
>> Nein nicht wirklich, in jedem dritten Interview werden wir
noch danach gefragt. (`tschuldigung aber es drängt sich auf) und das
ColumbineDing ist auch jedem US Amerikaner noch in Erinnerung. Wir werden
aber nicht mehr damit in Verbindung gebracht, denn wir haben sehr schnell eine
Presseerklärung abgegeben, in der wir uns von jeder Gewalt oder rechter
Ideologie distanzieren. Für alle die uns kannten war das ganze völlig
absurd , aber die Konsequenzen dieser Geschichte waren schon nicht mehr lustig.
Gerade eben hatten wir noch Stress mit Pro7. Die hatten auch so einen
Schwachsinn verbreitet, wir wären Anführer der rechtern Szene in
Deutschland. Aber unsere Anwälte haben das geregelt. <<
GW: Nach dem elften September
ist die Situation in den Staaten ja alles andere als entspannt. Die Politik
versucht Einfluss auf die Filmindustrie zu nehmen, um peace and
harmony zu verbreiten usw. Wie erlebst Du das in
Seattle?
Sascha: >> Die
deutsche Berichterstattung übertreibt ein wenig. Natürlich ist der
Patriotismus jetzt aufgeflammt, besonders in den ländlichen Gegenden, wo
sich Gruppen zusammenfinden, um Amerika von schädlichen Einflüssen zu
reinigen von innen und außen. Aber so eine Rückkehr zum Patriotismus
wäre wahrscheinlich in jedem Land der Welt festzustellen, bei so einem
Ereignis. Ob das der neunziger Ausbruch des Neonazismus war, der jetzt
anscheinend wieder ein wenig zurückgeht oder, wie hier, der neue
Patriotismus und die Hexenjagd hier. Das normalisiert sich wieder. <<
GW: Aber es ist merkbar für
euch?
Sascha: >> Ja ja,
alleine schon die Flaggen überall und die Rückkehr zu sozialen und
familiären Kontakten und Werten. Für uns als Band sind die
Auswirkungen noch nicht klar. Die werden wir auf Tour erleben., ob da
Protestler sind wie bei Manson, wo dann plötzlich eine ganze Stadt
ausrastet. Aber gut, alles was Sinn und Inhalt hat findet immer Leute, die
dagegen sind. Aber das ist o.k., das ist freie Meinungsäußerung.
<<
GW: Nun gut, aber lass
uns doch noch einmal zum Album kommen. Obwohl Du ja noch nicht viel sagen
kannst, Sturm und Drang fällt einem als Deutscher
natürlich besonders auf. Eine Liebeserklärung an
KMFDM?
Sascha: >>
Irgendwie schon. Die Rückbenennung hat bei einigen von uns, nicht bei mir,
(da bleiben dann ja nicht mehr viele) sehr starke Gefühle ausgelöst.
Sie sind sozusagen christlicher als der Papst was die Band angeht. Deshalb
wollte Raymond ein Stück über KMFDM machen und Tim wollte halt
deutsch singen. Ich hab seinen Text übersetzt, so weit es ging so kam es
zum Chorus, aber irgendwann wurde es ihm mit dem Deutsch wohl zu bunt und er
hat die Strophe einfach auf Englisch eingesungen. Aber es gibt bei uns keine
Zensur, da kann da jeder machen was er will. <<
GW: Ihr benutzt in dem Text das große
Wort Kunst. Was bedeutet das für euch?
Sascha: >> Ich sag immer KMFDM sind
keine Band sondern Kunst. Doie Leute fragen mich immer was KMFDM sind eine
Band, ein Projekt? Meine Antwort heißt Kunst, allerdings grinse ich dabei
immer verschmitzt. <<
GW:
Deshalb frage ich, was ist Kunst?
Sascha:
>> KMFDM .... und Joseph Boys ist auch Kunst. Kunst kommt von
können, sagte meine Oma immer. HaHaHa Noch Fragen? <<
Sven Bernhardt (OBLIVEON) für die
GOTHICWORLD
http://www.kmfdm.com
zum CD-Review von "Attak"
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