CD-REVIEW / PRE-LISTENING:
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ELEND:
"Winds Devouring Men" CD (Prophecy Productions)
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Es ist, Jahreszeit bedingt schon dunkel, als ich das kleine
Städtchen irgendwo an der Mosel betrete, in dem PROPHECY PRODUCTIONS ihr
Domizil haben. Eines dieser Städtchen, mit schmalen Gassen, alten
Fachwerkhäusern in denen von windschiefen Läden umsäumten
Fenstern, Weinflaschen und kitschige Puppen durch die weißen Gardinen
schimmern. Irgendwo in der Ferne ist die Mosel zu erahnen, die
Höhenzüge der Weinberge. Es herrscht vollkommene Stille und fast
undurchdringliche Dunkelheit. Nur hier und da fällt ein Lichtschimmer aus
angelehnten Fenstern auf die Pflastersteine.
Wer würde an so einem Ort erahnen, dass hier eine der
kreativsten und experimentierfreudigsten Plattenfirmen sitzt, deren Programm zu
einem großen Teil aus schweren Metal besteht. Ein unscheinbares,
schwarzes Schild neben dem Eingang des Fachwerkhauses macht darauf aufmerksam,
das ich am Ziel der Reise angelangt bin. Noch nicht ahnend, das gerade diese
verträumte, leicht von der Zeit angefressene Atmosphäre genau der
richtige Hintergrund ist, für die Musik die ich heute Abend hören
werde.
Denn PROPHECY haben geladen, um in Anwesenheit eines der
Köpfe des Projektes, dem neuen Werk von ELEND zu lauschen. Jenem
französisch, östereichischem Projekt des Anfang der 90er angetreten
war, um der Verzweiflung, dem Schmerz, der Gewalt, der Trauer und der
Dunkelheit eine musikalische Definition zu verschaffen.
Trotz dieses
Anspruches einmal völlig auf harte Gitarren zu verzichten und das ganze
eher klassisch orientiert zu interpretieren. Angelehnt an den Zyklus dreier
Messen in der römisch-katholischen Liturgie, Officium genannt, die in den
letzen drei Kartagen vor Ostern aufgeführt werden. So war es fast schon
selbstverständlich, das ELEND nach 3 Alben erklärten am Ziel
zu sein, ihre Arbeit vollendet zu haben und sich nun anderen Projekten zu
widmen. Aber so kreative und vielleicht sogar besessene Künstler wie
Iskandar Hasnawi, Renaud Tschirner und Sabasien Roland kommen nicht umhin,
früher oder später, alte Ideen wieder aufzugreifen und weiter zu
entwickeln. Was nun der Grund war, warum uns PROPHECY in seine Räume
einlud, um mit Renaud Tschirner ein erstes Ohr dem neuen Werk des
wiedererstandenen Projekts ELEND zu widmen.
Nach einem kleinen,
aber sehr feinen und vor allem gemütlichen Abendessen, lehnte man sich
genussvoll in schwarze Ledersofas, zwischen Kissen auf dem Boden und Renaud
schickte sich an, uns das neue Werk "Winds devouring Men" zusammen mit
einigen Erläuterungen vorzuführen. Im ersten Vergleich zu den
früheren Werken fällt auf, dass ELEND etwas ruhiger, sanfter
fast schon gefälliger geworden sind. Trotzdem ist auch die neue CD
eindeutig ein ELEND Werk. Immer noch dominiert von mächtigen
Pauken, dunklen klassischen Arrangements, schlagen ELEND einen Bogen,
von lithurgischer Klassik, über die Musique concrète bis hin zum
Industrial. Inzwischen haben sie die Möglichkeit auch akustische
Instrumente zu verwenden, es wird nicht mehr geschrieen, die männliche
Gesangsstimme erinnert ein wenig an DEAD CAN DANCE.
Womit wir auch
schon bei den unseligen Vergleichen sind, die immer hinken, aber nun mal ein
beliebtes Mittel bei einer Rezension darstellen. In ihrer emotionalen
Intensität erinnern ELEND ein wenig an frühe SWANS Alben, in
ihrer fast brutalen Schönheit an THIS MORTAL COIL, in der Verbindung aus
schmerzhaften Industrialcollagen und klassischen Streichern, ein wenig an COIL,
im Ausdruck tiefer Dunkelheit und schwerer Düsternis sogar an SOPOR
AETERNUS. Ohne aber auch nur im entferntesten mit irgendeinem Musikstil jener
Bands vergleichbar zu sein.
ELEND schaffen ein
eigenständiges Werk, das nicht zu jeder Tages - und Nachtzeit zu
hören ist. Denn man muss sich schon ein wenig Zeit und auch die richtige
emotionale Bereitschaft nehmen, um sich auf die komplexe Dunkelheit, dieser CD
einzulassen. Am Anfang noch fast leicht, manchmal wie Elemente von DARGAARD
klingend, steigern sie sich über die Mitte hin zu sehr experimentellen
Soundlandschaften, die nicht nur Industrial genannt werden, sondern teilweise
wirklich in Fabriken aufgenommen worden sind, um zum Ende hin alle Elemente in
sich zu vereinen. Insgesamt erscheint "Winds devouring men" wie ein Soundtrack
zu einem düsteren Film. Immer wiederkehrende Leitmotive, aus klaren
weiblichen Stimmen, wehmütigen Violinen, bilden gelegentliche Tupfer von
Schönheit, in diesem ansonsten sehr dunklen Landschaften. Bei denen man
den Eindruck hat, dass wenn man sich einmal auf diese eingelassen hat, man in
ein tiefes Loch fällt, in Bildern und Emotionen versinkt aus denen
ELEND einen auch am Schluss nicht entkommen lassen. Fast schmerzhaft,
verzweifelt wartet man auf die Erlösung. Darauf das am Schluss doch bitte
noch irgendein Stück kommen mag, das einen ein wenig wieder ans Licht
zurückbringt. Aber ELEND lassen einen in ihrer Welt aus Schwermut
und Dunkelheit so gnadenlos versinken, dass man am Ende nur noch eine
Möglichkeit hat: Die CD wieder von vorne zu hören. Ein
faszinierendes, zum falschen Zeitpunkt anstrengendes Album, das aber einfach
genial in seiner Vielfältigkeit ist, so dass man auch beim zigsten
Durchhören immer wieder neue Elemente entdeckt und sich so weiter auf die
Suche nach einer Lücke, nach einem Lichtschimmer unter einer vielleicht
doch vorhandenen Tür begibt. Verloren in Zeit und Raum, zwischen den
Klängen dieser Musik möchte man nur noch endlos den TWIN PEAKS Slogan
zitieren: "Zwischen dem zukünftig Vergangenem sucht der Magier nach Licht.
Einer Tür zwischen zweierlei Welten. Feuer zieh mit mir!"
Fast
nachvollziehbar, das es nach so einem Hörerlebnis schon unmöglich
war, sich wieder ins Leben zurück zu finden. Trotzdem gelang es allen
Anwesenden sich in lustiger Runde noch das eine oder andere Bier zu genehmigen
und mit Renaud über die musikalische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
von ELEND zu schwatzen. Spät krochen wir in die Betten eines dieser
alten, immer feucht riechenden Häuser am Ufer der Mosel, um am
nächsten Tag, bei strahlendem Sonnenschein, das kleine Städtchen in
Augenschein zu nehmen und festzustellen, das kaum eine andere Kulisse für
diese Musik perfekter gewesen wäre.
Als diese alten Orte in denen
der Hauch der Geschichte noch durch jede schmale Gasse weht, und irgendwie die
Zeit seit dem Mittelalter stehen geblieben zu sein scheint.
Als ich
später wieder im Zug, zurück in die Zivilisation sitze, habe ich
wirklich das Gefühl entkommen zu sein. Zurück in der Gegenwart! Aber
ich weiß in diesem Augenblick auch, das ich mich irgendwann wieder dieser
CD ergeben werde, das sie mich fast süchtig gemacht hat....
Thomas Sabottka für
GOTHICWORLD
Tracklist: 01 - The Poisonous Eye 02 - Worn Out With
Dreams 03 - Charis 04 - Under War-broken Trees 05 - Away From Barren
Stars 06 - Winds Devouring Men 07 - Vision Is All That Matters 08 -
The Newborn Sailor 09 - The Plain Masks Of Daylight 10 - A Staggering
Moon
Kontakt: www.prophecy.cd |