interview:
ANGIZIA - das vielleicht längste Interview
der Welt!
Einem Projekt wie
ANGIZIA nähert man sich nicht einfach mal eben so nebenbei. So wie die CD
"39 Jahre im Leben eines Leierkastenmannes" schon etwas mehr Aufmerksamkeit
braucht... So stellt sich auch ein Interview mit dem Kopf Michael Haas als eine
sehr komplexe, aber nichts desto trotz spannende Sache da. So machte sich
Thomas Sabottka einmal mehr auf den Weg, einem interessanten,
vielversprechenden Projekt ein wenig in die "Karten zu schauen". Man stelle
sich also ein typisches Wiener Kaffeehaus vor. Leise Musik im Hintergrund,
unaufdringliches Mobilar, dezent aber dennoch luxuriös, ein wenig den
verblichen Glanz vergangener Tage verströment... Cafè Melange,
Sachertorte, Cognac, filterlose Zigaretten.. In einer verschwiegenen Ecke
unter einem Spiegel, eingefasst in bröckelndem Blattgoldrahmen, zwei Typen
am Tisch, deren Gespräch nur hin und wieder von einer Kellnerin in
weißer Schürze, über schwarzen Kleid unterbrochen wird.
GW: Nun, will ich hier nicht unnötig die
immer gefragten Fragen stellen. Den Entwicklungsweg deines interessanterweise
als Kollektiv bezeichneten Projektes AGNIZIA kann man ja auf eurer Webpage
nachlesen. (Die übrigens sehr schön ist!!) Trotzdem fallen mir schon
ein paar Sachen ein, wenn ich die aktuelle CD so höre. Kannst du kurz
schildern wie man eigentlich auf die Idee kommt so eine Art von Musik zu
machen?
Michael Haas: Angizia
bewegt sich eigentlich seit "Die Kemenaten scharlachroter Lichter" (1997)
völlig außerhalb breit getretener musikalischer wie
künstlerischer Pfade, was aber weder zwangsweise herbeigeführt wurde
noch als Panikreaktion auf die recht platte Musikkultur jener Tage zu verstehen
war, sondern aus einem für mich logischen "Prozess" im Umgang mit
"Gleichgesinnten" und "verrückten Idealisten" hervorging. Die Tatsache,
dass ich das ANGIZIA-Kollektiv oft genug verändern ließ,
begründe ich auch retrospektiv mit doch recht unterschiedlichen
Anforderungen schlichtweg verschiedenartiger Angizia-Projekte, die zwar
allesamt passionierte Künstler bemühten, jedoch immer auch ein
spezielles Musikerprofil beanspruchten. So wäre es der Stimmung von "Die
Kemenaten scharlachroter Lichter" kaum bekommen, hätten wir damals das
Cello mit Akkordeon und Tuba kompensiert. Andererseits sind genau jene
Instrumente für "39 Jahre für den Leierkastenmann" unentbehrlich
geworden. Ähnliches gilt für die Wahl der Gesangscharaktere, die
bewusst von Album zu Album stückbezogen differierten.
Nun: "Wie
kommt man darauf, diese Art von Musik zu betreiben?" Das ist eigentlich eine
Frage, die ich gar nicht "einwandfrei" beantworten kann. Nun, ich denke, dass
es kein gesondertes Motiv dafür geben muss, das zu tun, was man
inbrünstig und idealistisch-trotzig zum unmittelbaren Ausdruck bringt,
weil man es entgegen der Auffassung anderer als die "natürlichste" und
"selbstverständlichste" Sache der Welt ansieht. ANGIZIA vereint nicht
unbedingt beispielhafte Musikstile (à la "Hey, suchen wir uns doch im
Musikstilsupermarkt das Beste heraus"), um dadurch für andere
repräsentativ zu sein, sondern realisiert viel eher anomale Stimmungen
sowie "musikalische" Temperamente mit der dreisten Gleichgültigkeit, der
breiten Musikindustrie völlig egal sein zu können. Ich denke, diese
"indirekte" Leitlinie macht ANGIZIA auch automatisch zu jenem unbeschwerten und
vor allem querköpfigen Kunstgeschöpf, das stets darauf bedacht ist,
"spezielle Epik" auf eine "sehr eigene Art und Weise" zu vertonen. Ohne dieser
pflichtbewussten "Gleichgültigkeit" der Musikindustrie gegenüber
wären unsere Werke nicht zufriedenstellend umzusetzen.
Das
impliziert aber auch, dass ANGIZIA in keinem aller veröffentlichten
Fälle "bewusst anders" klingen wollte, zumal ein derart unkonventionelles
Schaffen schon von sich aus "einmalig" und "nicht duplizierbar" ist und
für seine "Existenz" weder eine gesonderte Rechtfertigung sucht noch
braucht. Was ich immer wieder erfahren muss: Viele Vertriebe und Plattenfirmen
versuchen uns immerzu in Schubladen zu stecken, in denen wir nie und nimmer
Platz finden wollen. Wir sind weder Teil des "Gothic Metal"-Genres noch sind
wir eine Metal-Band, weder arbeiten wir für ein allgemeingefälliges
künstlerisches Antlitz, noch für die Schublade des "Musiktheaters".
ANGIZIA ist KEIN pseudooriginelles Kunstobjekt, KEINE musikalische Fallstudie,
KEIN Unterhaltungsapparat für oberflächliche Musikrezipienten. "Die
für Angizia einzig und allein ausschlaggebende künstlerische
Kategorie heißt "ANGIZIA".
GW: Normalerweise beginnt es ja damit, das man
irgendwann anfängt die Sachen in der Garage nachzuspielen die man gerade
hört. Um so erstaunlicher finde ich es, das Du mit gerade 18 Jahren (so
alt warst du als du 1994 startestes!) so ein von vornherein anspruchsvolles,
künstlerisches Projekt begonnen hast.
Michael Haas: Bandgemäßes Interagieren
à la "Lass uns mal eben in die Garage gehen und ein bisschen auf die
Pauke hauen..." kam mir niemals als erstrebenswerte Beschäftigung in den
Sinn. Im Gegenteil: Man sollte sich vielleicht fragen: "Warum macht man so was
überhaupt?" Ist es nicht schon "Image" genug, eine "Band" zu haben, die -
aus etlichen Coverversuchen hervorgegangen - genauso klingt wie das mit
Plattheit gehypte "Metal-Chart-Fundament"? Das jugendliche Herummusizieren in
einem mit Idolen beklebten Proberaum ist doch weit mehr als postpubertäre
Erscheinung zu sehen als viel weniger als jene eigenständige
"künstlerische" Auseinandersetzung mit Themen und Motiven, die ein
musikalisches Antlitz an sich qualitativ aufwerten würden. MUSIK im Sinne
von "Machen wir es wie die ANDEREN, die GROSSEN, jene die Geld verdienen" ist
zwar auf den ersten Blick als "solche" zu erkennen, allerdings mit jedem
weiteren als "verwerflich", "unehrlich", "unoriginell", "unseriös" und
"unwichtig" zu deuten. Wenn Musik mehr "Image" als "Musik" ist, wirkt sie zudem
auch noch "unglaubwürdig".
Musik der kommerziell gesinnten
"Highways" des Undergrounds ist oft genug so durchsichtig, so offenkundig
transparent, so geringfügig entdeckenswert, dass sich der manipulierte
Konsument derartiger Musik gar nicht zu wundern braucht, wenn ihm dadurch das
aktive Hörerlebnis ausbleibt. Denn: "Was, bitte schön, soll es in
einem bloß gelegten Tondokument für einen an sich interessierten
Hörer noch zu entdecken geben?" Aus dieser Sicht bzw. "Nicht-Sicht" der
Dinge heraus habe ich ANGIZIA 1994 ins Leben gerufen. Ich wusste damals
eigentlich auch nur, dass meine künstlerische Arbeit eine literarische und
eine theatralisch-musikalische Komponente beinhalten sollte. Durch meine
frühe und enge Zusammenarbeit mit dem famosen Pianisten Cedric Müller
mutierte ANGIZIA alsbald zum klassisch orientierten
Nonkonformistengeschöpf und in Folge dessen zur instrumentell hochwertig
besetzten Theaterkapelle ABSEITS der schnöden Kompromissarbeit zwischen
wirtschaftlich "gelenkten" Künstlern und geldgeilen Plattenfirmen.
GW: Braucht man für so eine
komplexe Art von Musik nicht sogar eine klassische Ausbildung, oder zumindest
langjährige Erfahrung?
Michael
Haas: Ein musikalisch-künstlerisches Charisma wie jenes von "39
Jahre für den Leierkastenmann" entwickelt man allerdings nicht von heute
auf morgen, sondern langfristig, im Laufe der Zeit, nach vielen Lernprozessen,
mühsam beschrittenen Wegen und einer logischen Besessenheit für das
was man für sich selbst ausdrücken will. Ich selbst bin weder
klassisch ausgebildeter Tonkünstler noch irgendein konventionell geeichter
Stückeschreiber, der diese seine Beschäftigung mühsam zu
erlernen wusste. Ich habe immer für meine Ideale, sprich meine Vorstellung
von "Musik" und "Kunst" gelebt. Dinge, die einem nicht leicht von der Hand
gehen haben nichts mit Kunst zu tun. Man sollte sie bleiben
lassen.
GW: Wir finden unter den
Musikern, Leute aus allen möglichen Stilrichtungen. Da sind Metaller a la
DORNENREICH, oder ein Jazz Schlagzeuger, die klassisch ausgebildeten
Sänger etc. Stand die Musik am Anfang und wurden danach die Musiker
gesucht um die Vielfältigkeit deines Stils zu gewährleisten oder eher
umgekehrt?
Michael Haas: O ja,
bei ANGIZIA existiert immer zuerst die KÜNSTLERISCHE IDEE und dann das
eigens für diese Idee verfasste Stück, das zur Grundlage einer
unkonventionellen Musiktheaterarbeit mutieren soll. Erst aus der Quintessenz
unserer Kompositionsarbeit heraus entwickle ich konkrete Vorstellungen, welche
Musiker das gegenwärtige Konzept wohl am besten umsetzen können. Das
Kollektiv von "39 Jahre für den Leierkastenmann" ist aber derlei
hochwertig, dass es - von kleinen Ausnahmen einmal abgesehen -
künstlerische Kontinuität finden wird. Das geht auch aus dem Umstand
hervor, dass die aktuellen Angizia-Musiker äußerst vielseitig und
daher für mich auch konzeptübergreifend einsetzbar sind. Gerade
professionelle Künstler und Musiker bieten ANGIZIA umgekehrt freilich auch
viele, eigentlich quasi unbeschränkte Möglichkeiten, um das
auszudrücken und umzusetzen, was ich mir unter einem Stück wie "39
Jahre für den Leierkastenmann" vorstelle. Andererseits unterscheide ich
bei ANGIZIA immerzu auch zwischen Künstlern, die das Projekt prägen
und jenen, die prinzipiell austauschbar wären. Fakt ist, dass ein
professioneller Instrumentalist von mir idealisierte musikalische Sequenzen
weit besser umsetzen und ausdrücken kann als ein Hobbymusiker der
Kategorie "Wenn ich übe, kann ich das schon!" Das wird wohl in keiner
Musikformation dieser Welt anders sein.
Aus ihrem umfangreichen
Erfahrungshorizont heraus (und einer damit verbundenen für mich wichtigen
Flexibilität) sind professionelle Musiker für ANGIZIA mittlerweile
unabdingbar geworden. Da ich ja immer weit vorausplane, kann ich auch jetzt
schon sagen, dass einige Abschnitte unseres nächsten Albums ein relativ
präzises und ganz bestimmtes Musikerprofil beanspruchen werden. Insofern
muss ich unser Kollektiv auch immerzu gezielt dem Anspruch des jeweiligen
Angizia-Projektes angleichen. In jedem Fall wird ANGIZIA aber erst in seinem
Konglomerat aus Profi-Musikern und (heute) so selten gewordenen
"verrückten Idealisten" zu dem, was der Konsument unter "Angizia"
versteht.
"Gewöhnliche" Musiker könnten viele Sequenzen von
"39 Jahre für den Leierkastenmann" wahrscheinlich auch gar nicht
zufriedenstellend ausdrücken. Gleiches gilt für unsere - wie ich
meine - sehr charakteristische Gesangsarbeit, weil ich - bezogen auf die rare
Auswahl an "Koryphäen" und vokalen Autoritäten für diese Art der
Musik - ohnehin von an sich "einmaligen" bzw. "nicht zwei mal existierenden"
Gesangscharakteren ausgehen muss. Demzufolge hält sich bei jedem
Angizia-Album das Engagement von einerseits professionellen, ja famosen
Musikern und andererseits "unersetzbaren" (charismatischen) Gesangscharakteren
die künstlerische Waage.
Möchte man ANGIZIA mit einem
einzigen Wort beschreiben, so benützt man gerne Begriffe wie "wahnwitzig",
"schräg", "theatralisch", "unkonventionell" oder "virtuos", um aber
später zu attestieren, dass noch vor allen anderen Attributen von einer
"unvergleichlichen" bzw. "niemals duplizierbaren" Formation zu sprechen ist.
Was viele Angizia-Rezipienten mit Statements wie "Ein Angizia-Werk
polarisiert!" ausdrücken wollen, bescheinigt Angizia ja nicht zuletzt eine
von mir immerzu gepflegte künstlerische "Eigenständigkeit".
"Eigenständige Musik" wiederum muss polarisieren, um nicht FÜR die
"vergifteten Ohren" der Masse gemacht und daher "plump" und "nichtssagend" zu
sein. Tja, und "musikalische Eigenständigkeit" definiert schlussendlich
KÜNSTLERISCHE SERIOSITÄT. Was heute oftmals als "eigenständig"
definiert wird, ist leider selten mehr als die Abbildung einer Abbildung, die
Reproduktion eines Ohnehin-Plagiats und die Kopie der Kopie der Kopie, die
schon der betreffenden Plattenfirma aus wirtschaftlichen Gründen als
"Kopie" bewusst war.
GW: Denkst
du eigentlich auch, das man für ein Projekt dieser Art nicht schon einem
ähnlichen Wahnsinn anheimfallen muß wie die Hauptfigur deines
neuesten Albums? Wahnsinn im Sinne von Besessenheit, Verrücktheit...
Immerhin handelt es sich um eine ziemlich aufwendige Produktion die ihre
finanziellen Seiten haben wird.
Michael
Haas: Ja, da hast du wahrscheinlich Recht, auch wenn im Leben alles
relativ ist. Ich habe aber kein Problem damit, mich von meinen Idealen besessen
zu zeigen, um aber von meiner "Verrücktheit" gänzlich unbeeindruckt
zu bleiben bzw. in ein Projekt Geld zu investieren, das manch anderer "ohne
finanzielle Perspektiven" sofort wieder eingestellt hätte. Wahrscheinlich
erklärt das auch von selbst, dass wir uns damit eine enorme
künstlerische Freiheit zugestehen, die uns ermöglicht, derlei
genre-distanzierte und nonkonformistische Musik zu betreiben.
Grundsätzlich arbeiten in und für ANGIZIA
ausschließlich "Musikbesessene", allerdings erachte ich es als die
natürlichste und gewöhnlichste "Sache" der Welt, immerzu aufs Neue
ins Studio zu gehen, um das umzusetzen wofür man "lebt" und "leben will".
GW: Kommen wir etwas mehr zur
Musik und der Geschichte des aktuellen Albums. (Die anderen kenne ich ehrlich
gesagt nicht!) Wie kommt man darauf diese jiddischen Geschichten, Traditionen,
musikalischen Einflüsse zu verarbeiten? Hast du einen speziellen Bezug zu
dieser Musikkultur?
Michael Haas:
Gut, mein Faible für die russisch-jüdische Musikkultur
ist zwar bekannt, der Bezug von "39 Jahre für den Leierkastenmann" zum
Jiddischen ging aber sehr wesentlich aus dem respektiven Stück hervor, das
ich ganz bewusst "in ein jüdisches Milieu zur Weltkriegszeit" schrieb.
Daraus ergab sich auch die so stückverbundene Verwendung von Instrumenten
wie Klarinette, Violine oder Akkordeon. "39 Jahre für den Leierkastenmann"
integriert aber nicht ausschließlich unkonventionell gespiegelte
russisch-jüdische Einflüsse sondern auch (sehr wesentlich)
elitäre Zirkusmusik sowie Stilelemente aus recht unterschiedlichen
musikalischen Bereichen (Musiktheater, Hörspiel, Jazz, Klassik, Rock,
Avantgarde, osteuropäische Folklore...). Es ist wahrscheinlich auch nicht
richtig, zu sagen, dass wir von diesem oder jenem musikalischen Genre "direkt"
beeinflusst sind - vielmehr liegt mir sehr viel daran, ein Stück, das
"projüdisch" gemeint ist und jüdische Themen beinhaltet, mit
adäquaten und ausdrucksstarken musikalischen Elementen zum unmittelbaren
Ausdruck zu bringen.
Gerade das Zusammenspiel jüdischer
Musiktradition mit musikalischen Zirkuselementen, nonkonformistisch
gespiegelten Hörspielsequenzen und dem Musiktheater "als verwegene Aura
des Gesamtwerkes" machen ja ein Stück wie "39 Jahre für den
Leierkastenmann" erst zu dem was es ist: ein bezogen auf die so
unkonventionelle Art des Vortrages wahrscheinlich "unvergleichliches" und
"einmaliges" Werk, das ob der Vielzahl sich verbindender Elemente prinzipiell
NICHT zu duplizieren ist, egal ob man nun zur Musik des Stücks einen
Zugang finden sollte oder nicht.
Ich konsumiere sehr viele
theatralische bzw. eben interpretative Ausdrucksformen, jedoch kaum einmal
sprechminimiertes Traditionstheater à la "Mac Beth" oder "Einen Jux will
er sich machen" weil mir diese konventionellste Form des Theaters
(paradoxerweise?) keine wesentliche Bereicherung für meine
künstlerische Arbeit darstellt. Für die jüdische Musikkultur
(wie übrigens auch für die russische) war ich immer "sehr
empfänglich" - v. a. gibt es in der Musik womöglich kaum einmal
bessere Vermittler des melancholischen Temperaments als eben
jüdisch-russische Violinisten wie Jascha Heifetz, Izhak Perlmann, Aliosha
Biz oder Alexej Igudesman. Die jüdische Musikkultur - von Dutzenden
Klezmerbands und wirklich genialen jüdischen Projekten weltweit gepflegt -
hat eine große Tradition, für mich ist das jüdische Temperament
in einem Musikgeschöpf aber noch weit spannender, wenn es sich in an sich
weltliche oder spezielle Musikprojekte einschleicht, sprich die "Bühne
eines Musikstücks" betritt, um als Krönung desselbigen verstanden zu
werden. Wenn du in einem an sich französisch-kanadischen Zirkuskunstwerk
des CIRQUE DU SOLEIL nach bewusst warmen und dichten Musette-Arrangements,
einer fast orientalischen Mixtur aus bewusst "schiefen" Violinen und einem
äußerst jazzbedachten Blechblasinstrumentkonglomerat aus Kornett,
Tuba und Posaune plötzlich ein perfekt vorgetragenes typisch
"jüdisches" Klarinettensolo hörst, verstehst du was ich meine.
Auch wir haben das "jüdische Element" in die Struktur von "39
Jahre für den Leierkastenmann" eingebettet und nicht thematisch
breitgetreten, um aber in vielen Sequenzen aufzuzeigen, dass "dies hier ein
projüdisches Stück sein soll", bei dem nicht nur enthusiastisch
auffordernde Stimmen erzählen, sondern gleichfalls auch
jüdisch-russisch gesinnte Klarinetten und Violinen. Es wäre
unmöglich gewesen, "39 Jahre für den Leierkastenmann"
ausschließlich mit Klängen einer jüdischen Klezmerband zu
erzählen, nur um damit einen "jüdischen" Musikbezug zur Geschichte
rund um den Protagonisten Elias Hohlberg hergestellt zu haben.
"39
Jahre für den Leierkastenmann" erzählt - zynisch wie ironisch - vom
Leid eines jüdischen Musikers zur Weltkriegszeit, um aber - mit Bedacht
auf die prinzipielle "Unmöglichkeit", diese Geschichte zur Zeit des
Holocausts zu realisieren - an sich unsterblichen Idealismus bzw. ein
Weltverbesserungsstück mit retrospektiven Charakter zum
künstlerischen Ausdruck zu bringen. Viele musikalische Sequenzen von "39
Jahre für den Leierkastenmann" beziehen sich auf das jüdische
Temperament dieser Geschichte, andere wiederum hatten die Aufgabe, die
Geschichte zu erzählen, sie vielseitig bzw. aus mehreren Blickwinkeln
heraus zu schildern. Dann wieder brauchten wir musikalische Abschnitte, die dem
Hörer die Fiktion der Zirkusstadt und ein komisch-tragisches
Humoristenleben auditiv näher bringen sollten. Aus all diesen Elementen
entstand schlussendlich ein 18 Kapitel umfassendes, dreiaktiges
Musiktheaterstück, das zwar (nach dem Motto "Von Musiker - für
Musiker") speziell jüdischen Tonkünstlern und Straßenmusikanten
bzw. dem geselligen Idealismus an sich gewidmet war, aber von Musik- und
Hörbesessenen aus aller Welt konsumiert werden sollte.
GW:
Erstaunlich finde ich auch, das ANGIZIA in ihrer "Judengeschichte" einen
Zeitraum abstecken, der im allgemeinen ja im Zusammenhang mit dem Wort "Jude"
gerade hier in Deutschland einen bitteren Geschmack hinterlässt. Ich
gestehe das ich beim Lesen des Titels auch erst dachte: "Oh bitte nicht schon
wieder!" Und doch näherst du dich dem Thema auf eine sehr ironische, fast
wahnwitzige Art eines Simplizissimus, ja ignorierst geradezu die bekannten
zeitlichen Vorgänge. Gab's da schon mal die obligatorische Kritik? So nach
dem Motto: "Wie könne man denn nur dieses Thema, auf so eine Art und
Weise..."
Michael Haas: Nein,
die obligatorische Kritik gab es nicht. Prinzipiell habe ich die Erfahrung
gemacht, dass sich viele Menschen bewusst von dieser Thematik distanzieren, um
sich damit NICHT näher auseinandersetzen zu müssen. Seriös
betrachtet weiß man aber freilich, dass wir heute an den Fakten des
Holocausts nicht viel ändern können, daher wird es in jeglicher
künstlerischer Konfrontation auch oftmals beim Versuch bleiben, sich den
Motiven von einst auf eine projüdische Art und Weise zu widmen, was aber
nicht das Primärstadium einer pflichtbewussten
"Vergangenheitsbewältigung" sein soll, sondern viel eher "die
künstlerische Reflexion einer humanen Untat zur Weltkriegszeit".
"39 Jahre für den Leierkastenmann" war aber viel eher als
satirische, ironische und v. a. "indirekte" Begegnung mit den Fakten des
Holocausts gemeint, zumal die Geschichte des Protagonisten Elias Hohlberg ja
prinzipiell abseits jener Tatsachen angesiedelt und vorwiegend dem
"jüdischen Idealisten" zur Weltkriegszeit gewidmet war. Klar, meine
Geschichte wurde in eine an sich verwerfliche und schändliche Zeit hinein
geboren, doch ging es mir dabei grundsätzlich um die Aufwertung
"idealistischer Musikanten" und nicht primär um eine
gesellschaftspolitische bzw. -kritische Aussage des Stücks, auch wenn
diese dennoch vorhanden sein will.
Tja: "Wie kann man nur dieses Thema
...?" "39 Jahre für den Leierkastenmann" ist ein für Angizia
durchaus typisches, wahnwitziges und in seinem Handlungsablauf wohl sehr
aufwendiges Musiktheaterstück in 3 Akten, das zur Zeit der Judenhetze im
I. + II. Weltkrieg spielt und das so idealistische Leben von 4 jüdischen
Musikanten "KOMISCH" wie "TRAGISCH" zum Ausdruck bringt. Komik in Angizia ist
eine von Tragik besetzte Komik. Ich begegne dieser heiklen Thematik ja auch
bewusst naiv-idealistisch, weil Kinder und Menschen von heute eine Fiktion
brauchen, die idealistischer ist als all das, was gesellschafts-realistisch
scheint und von fremdenfeindlichen Politikern beschlossen wird.
Um den
Inhalt von "39 Jahr für den Leierkastenmann" auf den Punkt zu bringen: Die
Geschichte beginnt mit der märchenhaft-idyllischen Seelenlage eines
naiv-idealistischen jüdischen Kindes, entwickelt dann dem Kriegsleben zum
Trotz deutlich komische, zynische und parodistische Themen, um im letzten Teil
der Geschichte zu ernüchternder Tragik herabzusinken: Die Hauptfigur Elias
Hohlberg verliert seinen Kampf gegen die Realität und stirbt
titelgemäß 39-jährig in einem frostig kalten und vereisten
Königsberger Labyrinthgarten, totlachend ob der Tatsache, dass nicht der
dreiste Judenfeind, sondern ein viel zu kalter Winter der Mörder seiner
Lieder war. Mit dem physischen Tod der Hauptfigur beginnt schließlich der
dritten Akt des Stücks, irgendwo ab- und jenseits einer vom Menschen
zerstörten (jüdischen) Welt. "Ein Stück für die Judenstadt"
ist neben all den jüdischen Musikanten dieser Welt, die sich v. a.
bemüht zeigen, das jüdische Temperament in der so weltlich gewordenen
Musikkultur zu fördern, auch jenen Straßenmusikanten gewidmet, die
tagein/tagaus "ihr
ganzes inneres Leben" zur Schau stellen.
GW: Ich persönlich finde ja sowieso
schade, dass wir uns hier im deutsprachigen Raum eher mit mittelalterlichen
Sachen beschäftigen, als mit einer Tradition die so eng mit unserer
verknüpft ist und noch gar nicht mal so alt. Holger Czukai (CAAN) hat mal
gesagt, das es nach dem Dritten Reich eigentlich gar keine vernünftige,
deutsche Musikentwicklung mehr gegeben hat. Was er damit meinte, ist das die
Nazis alle "deutschen" Elemente aus der Musik konsequent entfernt haben. Sachen
wie Kurt Weill, die typischen 20er Jahre Kabarets und eben jiddische Musik und
Sprache. Ist ANGIZIA ein Versuch dieses zurück zu bringen?
Michael Haas: Gut, wenn wir
mit ANGIZIA diese "deutschen" Elemente der 20er Jahre zurückbringen
können, so passiert das doch eher unbewusst, zumal wir uns das nicht
wirklich zum unmittelbaren Ziel gemacht haben. Allerdings muss ich Holger
Czukai schon Recht geben, wenn er sagt, dass man nur froh sein könnte,
würde man heute musikalisch öfter an Bert Brecht, Hanns Eisler oder
Kurt Weill erinnert werden, obgleich ich finde, dass deutsche
Ausnahmekünstler wie etwa Meret Becker diesen Stilelementen oft genug -
künstlerisch anmutig und hochwertig - gefrönt haben. Meret Becker hat
in ihre Musik seit "Noctambule" (1996) sehr viele typische Weill-Elemente
integriert, zudem lässt sie von Album zu Album immer wieder prägnante
Einflüsse der 20er-Jahre (Musikkabarett, elitäres Zirkusmilieu,
Hörspiel, Musiktheater...) aufleben. Gerade in der "Berliner Szene" wie
auch hier in Österreich wird die jüdische Musikkultur sehr gepflegt,
v. a. wenn ich da nur an diverse Klezmer-Bands, an DOBREK BISTRO oder die
völkerverbindende Arbeit von Timna Brauer und Elias Meiri denke. Freilich
gelten jüdische Elemente im tiefsten Sumpf der Metal-Szene beinahe als
"verweichlicht" und "verpönt". Dass jüdische Elemente in diesem
unseren musikalischen Zusammenhang mit anderen Undergroundbands auch wirklich
projüdisch verstanden werden grenzt teilweise schon an ein Wunder. Dass
sich "39 Jahre für den Leierkastenmann" (wenngleich auf eine doch
satirische Art und Weise) mit der Judenthematik auseinandersetzt, sollte aber
den zu Angizia geneigten Konsumenten nicht weiter verwundern oder abschrecken.
Weder provozieren wir Unmut, noch könnte ich mich damit anfreunden, nur
der allgemeinen Meinung wegen "jüdische Musikanten" durch "Kosmopoliten"
zu ersetzen, um dadurch unseren eigenen Absatz zu steigern bzw. eben "positiv
zu verändern".
GW: Du hast
da gerade einen kurzen Vergleich zwischen der Österreichischen und der
Berliner Szene gezogen. Siehst Du eigentlich grundlegende Unterschiede? Was mir
dazu einfällt ist, das die Auseinandersetzung mit etwas
höherwertigen, künstlerischen Inhalten in der Musik in
Österreich eine lange, oder intensivere Tradition zu haben scheint. Ich
denke da an diese sogenannte Caféhauskultur, Musik mit intelligenten
Texten zu verbinden, in der Tradition von Ludwig Hirsch (Der meiner Meinung
nach völlig genial Volksmusik mit modernen Elementen und sehr bissigen
Texten gemischt hat. Auch etwas das sich außerhalb jeder Vorgabe
bewegte!) oder Georg Kreisler. Auch scheint das Musiktheater- Kabaret eine
längere Tradition zu haben. Da fällt mir die ERSTE ALLGEMEINE
VERUNSICHERUNG ein (auch wenn die jetzt meilenweit davon entfernt sind!) oder
STRADIWABERL (da hat Falco früher mal Bass gespielt!). Deutschland scheint
irgendwie immer das Problem zu haben, das sie entweder nur Unterhaltung oder
intellektuell total überfrachteten Kram machen können. (Das ist in
der Musik wie auch im Film so!) Siehst Du da eine andere,
selbstverständlichere Herangehensweise in Österreich? (z.B. auch die
Band eines Deiner Gitaristen! DORNENREICH! Ich meine Black Metal mit solchen
Texten zu verbinden ist ja schon revolutionär, aber wenn ich Dich so
höre scheint das für "Euch" völlig normal zu sein!)
Michael Haas: Nun gut, gewiss hat
das österreichische Musik-Kabarett eine langjährige Tradition etc.,
jedoch offenbart diese "musikalische Welt" doch weit andere Perspektiven und
Intentionen als etwa Angizia mit "39 Jahre für den Leierkastenmann" und
wollte ich mich aus vielerlei Gründen niemals mit musikalischen Themen
einer "Ersten Allgemeinen Verunsicherung" auseinander setzen. Gleichzeitig
befinde ich die musikalische Arbeit selektierter österreichischer
Kabarettisten wie Alfred Dorfer oder Gunkl sehr interessant bzw.
gewährleistet v. a. auch der österreichische Film ("Nordrand",
"Hundstage", "Komm, süßer Tod", "Indien", "Hinterholz 8",
"Wanted"...) ansatzweise sehr hohen Anspruch. Fakt ist und bleibt, dass mich
das "österreichische Gemüt", sofern es sich in musikalische Projekte
einschleicht, kaum einmal begeistern will. Ich würde auch sagen, dass
gerade Formationen wie ANGIZIA oder DORNENREICH an sich "untypische"
österreichische Projekte darstellen, auch wenn (bzw. vielleicht ja gerade
deshalb, weil) in beiden Fällen deutsche Texte äußerst eigen
und unkonventionell dargeboten werden.
Bestimmt frönen wir hierbei
einer fast revolutionären und in der Tat selbstverständlichen
Herangehensweise, was aber mehr an einer eher "speziellen" Sicht der Dinge
liegen mag und weit weniger an "bewusster Andersartigkeit". Allerdings sei
gesagt: Was für Jochen Stock (DORNENREICH) und mich normal sein will,
empfinden andere vielleicht als "anomal", "arg anders", "unerträglich"
oder schlicht "provokant". Uns muss das Urteil anderer sowieso egal sein.
Musikalische Projekte wie ANGIZIA oder DORNENREICH entstehen immer aus jenem
künstlerischen Drang heraus, der eigenen künstlerischen (und nur
dieser) Intuition zu folgen. Insofern sind musikalische Schöpfungen wie
"39 Jahre für den Leierkastenmann" oder "Her von welken Nächten" aus
einer ausschließlich natürlichen wie künstlerischen
Selbstverständlichkeit hervorgegangen und nicht aus einem erzwungenen
Mechanismus heraus, der unter Umständen die "Kunst" zur
"Künstlichkeit" und die "Fülle" zur "Hülle" macht.
Nun,
bezogen auf die Vergleiche der "österreichischen" Avantgarde-Szene mit
jener aus Berlin habe ich bewusst auf das forcierte jüdische Temperament
in musikalischen Projekten hingewiesen, was ja schon allein mit der Vielzahl
grandioser jüdisch-russischer Musiker sowohl in Wien als auch in Berlin
gewährleistet scheint. Andererseits muss man an dieser Stelle definitiv
sagen: Beides lässt sich eigentlich nicht miteinander vergleichen, zumal
ja wohl auch niemand genau weiß, wer sich hier dazuzählen darf und
wer nicht. "Szene" ist demzufolge wie überall ein fast plakatives Wort
für "irgendetwas", obgleich man dabei oft genug nur in den seltensten
Fällen von einer künstlerischen Vereinigung sprechen kann. Insofern
sehe ich mich nicht in der Lage, das musikalische Potenzial zweier
"Städte" zu vergleichen (das war auch anders gemeint), v. a. da ich ja
gerade in die Berliner "Szene" zu wenig Einblick habe, um ein pauschales Urteil
zu fällen und Angizia weder mit der einen noch mit der anderen "Szene" zu
tun hat (auch wenn manch Musiker des aktuellen Angizia-Kollektivs mit eigenen
Projekten im Wiener Jazz-/Avantgarde- und Klassikmilieu atmet).
Es
würde mir auch schwer fallen, ein österreichisches Beispiel für
die Berliner Künstlerin Meret Becker zu finden. Meret Becker ist
Schauspielerin, wenn sie singt und Sängern wenn sie spielt; sie
verkörpert anstandslos den Geist der 20er-Jahre (Musikkabarett etc.) wie
auch jenen des elitären Zirkusmilieus in einer mehr
progressiv-avantgardistischen als traditionellen Art und Weise, um aber dennoch
Berlinerin zu sein. Eine ähnliche Künstlerin fehlt mir hier in
Österreich. Das Wiener Musiktheater/Kabarett ist mir oft genug zu
"altehrwürdig", zu "wienerisch", zu "speziell", ganz so, als wäre das
WIENER Publikum die einzig denkbare Zielgruppe. Das lindert aber nicht meine
hohe Meinung über die Wiener Avantgarde- und Kunstszene mit vielen
grandiosen Formationen (DOBREK BISTRO, TRIOLOGY,...), Projekten und Musikern.
GW: Insgesamt macht ANGIZIA eher
den Eindruck eines Theaterprojektes. Auch wenn es vorläufig nur für
die Ohren ist. (Abgesehen vom Libretto und der optischen Gestaltung des
Covers!) Gibt es Pläne für eine Liveumsetzung der Musik? Wenn ja,
wie?
Michael Haas: Geplant
ist zunächst einmal die Umsetzung einer für Angizia untypischen
Fortsetzungsgeschichte von "39 Jahre für den Leierkastenmann", was konkret
bedeutet, dass die Handlung des neuen Stücks nach dem physischen Tod von
Elias Hohlberg in "39 Jahre..." nur mehr metaphysisch und überirdisch
umgesetzt werden kann (und will). Dieses verrückte Szenario erlaubt
mir/uns eine ganz eigene und jenseitig-originelle musikalische Vertonung gewiss
schräger epischer Motive, die wir mit aparter und etwaige auch abnormer
Instrumentierung und teils gezielt hörspielorientierten Stimmen zum
Ausdruck bringen werden. "Der Requiemlauscher" (Probetitel) wird bestimmt noch
mehr "Hörspiel" sein als "39 Jahre für den Leierkastenmann" und sich
höchstwahrscheinlich ausschließlich der Szenerie des
Königsberger Friedhofes bedienen. Der in Angizia-Werken ohnehin immer
wieder gesuchte Dialog mit dem "Tod" wird mit diesem Werk seinen bizarren
Höhepunkt finden. Wann das Album fertig sein soll, möchte ich nicht
prognostizieren; wir arbeiten zumindest schon daran.
Angizia auf die
Bühne zu bringen ist eine ganz andere und bestimmt auch sehr kostspielige
Angelegenheit, obgleich wir Derartiges im Idealfall auch in Erwägung
ziehen würden. Grundsätzlich denke ich dabei aber eher an Konzerte im
schlichten, doch anmutigen Hörspielrahmen (mit einer von der CD
abweichenden Instrumentierung) und nicht an pompöse und schwülstige
Auftritte in barocken Kostümen (sprich: Verkleidungen) und
süßem Kerzenschein. Angizia existiert seit dem Jahre 1995 als reger
Projektgedanke, der immerzu scharenweise Musiker und Sänger in das
jeweilige Stück einbindet. Die Tatsache, dass etliche
Angizia-Künstler auch sehr viel beruflich musizieren, stellt uns zudem
immer wieder vor terminliche Probleme. Ich schließe Angizia-Konzerte
gewiss nicht aus, möchte diese aber auch nicht definitiv versprechen, auch
wenn ich sagen muss, dass ein ANGIZIA-Abend dem interessierten Veranstalter
doch die eine oder andere Münze wert sein sollte.
GW: Habe ich eigentlich richtig gelesen, dass
du nicht nur geniale Musik machst, singst sondern auch schreibst? Das alle
Angiziaalben einer Geschichte entstammen oder parallel zu ihr entstanden sind
die es auch in Buchform gibt?
Michael
Haas: Ja, das stimmt soweit. Speziell "Das Tagebuch der Hanna
Anikin", "Das Schachbrett des Trommelbuben Zacharias" und "39 Jahre für
den Leierkastenmann" (also sämtliche Alben der Russland-Triologie)
wären als Buchform denkbar gewesen bzw. habe ich jene Konzepte auch
äußerst detailliert zu Papier gebracht. Im Großen und Ganzen
zeige ich aber wenig Vertrauen in den Markt der Belletristik bzw. würde
mir dabei wohl ein noch weit idealistischeres Unterfangen blühen als ich
es mit ANGIZIA schon jahrelang in Kauf nehme.
Ich wollte vor 2 Jahren
die epische Idee von "Das Schachbrett des Trommelbuben Zacharias" (als Novelle
gedacht) in (s)eine Buchform bringen, fand aber irgendwann keine Zeit mehr,
mich abseits der so wichtigen Arbeit für "39 Jahre für den
Leierkastenmann" auch noch isolierter epischer Beschäftigung hinzugeben.
Eine Buchveröffentlichung würde mich mindestens 2 Jahre kosten, weil
man dabei freilich alle perfektionistisch gesinnten Wege, die ja zunächst
einmal dem Künstler selbst Zufriedenheit bringen sollen, beschreiten muss,
um aber anschließend noch den potenziellen (und fast überlangen) Weg
der "Wirtschaft" mitzugehen.
Während der so passionierten Arbeit
an "39 Jahre für den Leierkastenmann" habe ich mit "Mehmet und die
Zirkusstadt" aus dem betroffenen Stück heraus auch das Konzept eines
Kinderbuches entwickelt, das die Motive der für "39 Jahre..." fingierten
Zirkusstadt etwas kindlicher und noch weltvergessener in Form "phantastischer
Kinderliteratur" transportieren würde. Auf Grund der doch sehr intensiven
und emsigen Studioauseinandersetzung für "39 Jahre..." (August 2000 -
September 2001) und der mittlerweile begonnenen Arbeit am epischen Konzept bzw.
an musikalischen Fragmenten für das nächste Angizia-Album blieb diese
Idee aber zumindest bislang in ihren Kinderschuhen.
PS: Eine etwaige
Realisierung des Kinderbuches "Mehmet und die Zirkusstadt" wäre
übrigens einmal mehr als Zusammenarbeit mit der Malerin Gabriele Böck
gedacht, die die Motive dieser Geschichte illustrieren würde.
GW: Wenn ich das richtig
verstehe, dann betrachtest Du den Prozess des Schreibens als einen sehr
einsamen, langwierigen Prozess, dessen konkretes Ergebnis zu lange auf sich
warten lässt. Arbeitest Du deshalb an Deinen musikalischen Werken auch mit
so vielen, verschiedenen Musikern, weil Du die Kommunikation/Konfrontation mit
anderen Menschen brauchst, da dies ja auch eine Menge kreative Energie
freisetzt?
Michael Haas: Nun,
der einsame und langwierige Prozess am Schreiben generell ist mir kein
wirklicher Dorn im Auge, nur finde ich keine Zeit für eine isolierte,
sprich ausschließlich belletristische Beschäftigung und ist mir
meine ZEIT für Angizia auch zu kostbar, um diese auch noch an bestimmt
weit idealistischere Gefilde zu verlieren. Zudem verweile ich ja lange genug an
den Epikmanuskripten für neue Angizia-Stücke, bevor diese dann
musikalisch/malerisch umgesetzt werden. Eine zusätzliche bzw. weitere
epische Auseinandersetzung mit Themen abseits der Angizia- Konzepte wäre
für mein derzeitiges Zeitarrangement undenkbar bzw. fast utopisch. Angizia
vereint mein künstlerisches Empfinden für Musik, Epik UND Malerei und
lässt demnach immerzu an ein Gesamtwerk (bestehend aus jenen 3
Komponenten) denken, und nicht primär an eine essayistische Arbeit
für Novellen, die auch in Buchform, sprich im Soge einer belletristischen
Textschöpfung als "Kunstwerk" gelten könnten.
Bezogen auf das
holde Schriftstellertum und die Belletristik allgemein sind meine Geschichten
für sämtliche Angizia-Konzepte keine erbarmungslos ausnotierten
Romane, die dem werten Leser von S. 1 bis S. 348 zur freien visuellen
Verfügung stehen. Die Epik in Angizia ist eher als "Grundlage für ein
wichtiges Gesamtkunstwerk" zu betrachten und viel weniger als ein
abgeschlossenes Endwerk, das bereits aufopfernd auf seinen Buchbinder wartet.
Daher sehe ich mich wohl eher als "temporär befristeten Schriftsteller mit
auditiven Intentionen" und nicht als Essayist, der seine Werke einem
erotikverliebten Hellmuth Karasek zur Verfügung stellt. Als jemand, der
selbst Texte verfasst, weißt du ja wie sich das Verlagswesen in der
Belletristik gestaltet (da ist es in der Wissenschaft noch einfacher), und ich
verspüre ehrlich gesagt derzeit auch keinen Drang, mich gesondert und "dem
Buch zuliebe" als Schriftsteller zu behaupten.
Angizia ist ein
"full-time-job" der besonderen Art und erlaubt mir keine separate
Schriftstellerbeschäftigung. Auch das Ausformulieren und Erweitern eines
Konzeptes wie "39 Jahre für den Leierkastenmann" für eine etwaige
epische Adaptierung (in Buchform) würde mich wahrscheinlich 1-2 Jahre
kosten und scheint derzeit illusorisch, da wir gerade das fünfte
Angizia-Album vorbereiten und ich all meine Nächte der nächsten
Monate dem neuen Stück an sich wie im Speziellen dem Libretto des
Hörspiels und der Tondichtung widmen möchte.
GW: Bist Du eigentlich doch eher der
"Diktator" der den Mitmusikern sein fertiges Konzept vorsetzt und sagt: Nun
macht das mal so und so! Oder entsteht alles im "demokratischen" Kollektiv?
Michael Haas: Tja, der Begriff
"Diktator" als Umschreibung meiner künstlerischen Tätigkeit im Rahmen
der Interaktion zwischen mir und anderen Angizia-Künstlern ist mir v. a.
bezogen auf meine Ablehnung gegenüber dieser zutiefst
niederträchtigen politischen wie menschlichen Führung nicht
sonderlich willkommen. Klar lege ich sämtlichen Sängern und
Instrumentalisten ein richtunggebendes Konzept vor bzw. kann z. B.: eine
melancholisch und nahezu leidlich zu transportierende Sequenz, die aus ganz
bestimmten Gründen SO und NICHT anders gemeint ist, auch nur SO
transportiert werden.
Aus der zutiefst professionellen Arbeithaltung
aller Angizia-Künstler sehe ich diese an sich isolierten
Kommunikationsprozesse (zwischen mir und Emmerich Haimer, zwischen mir und den
Sängern, zwischen mir und unserem Pianisten Mario Nentwich, zwischen mir
und Roland Bentz etc.) als wesentlichen Schritt, die skizzierten Tondokumente
aus ihren Grundrissen in die perfektionistisch getrimmte Vertonung zu bringen.
Jeder professionelle Musiker weiß mit verbalen Vorgaben ("diese Passage
soll besondern wirr klingen, diese eher "wärmer", diese eher pathetisch
und erhaben...") umzugehen, um aber außerdem sein so beachtliches
instrumentelles Potenzial zu behaupten und virtuose "Details" in einzelne
Sequenzen hinein zu transportieren, die NUR von einem professionellen
Violinisten, Akkordeonisten, Klarinettisten, sprich dem respektiven
Künstler stammen können und nicht ausschließlich von mir als
"Konzeptionisten" des Stücks.
Für mich bedeutet der
Professionalismus einzelner Angizia-Musiker auch den endgültigen Schritt
in die "konstruktive" und "perfekte" Umsetzung des Stücks, da in den
einzelnen künstlerischen Interaktionen wesentliche Details für das
musikalische Antlitz des betreffenden Angizia-Stücks offenkundig werden.
EIN einzelner Künstler kann ein Album wie "39 Jahre für den
Leierkastenmann" zwar grundlegen, es forcieren, prägen und seinen
Vorstellungen entsprechend gestalten, schlussendlich zeigt sich die
Größe eines Albums aber immerzu im Zusammenspiel des respektiven
Künstlerkollektivs.
GW:
Interaktion ist auch ein schönes Stichwort. Mal abgesehen davon, das
Musikindustrie und Journalisten oft genug nicht so richtig mit Angizia
klarkommen, in ihren hilflosen Versuchen Dein Schaffen einzuordnen, zu
katalogisieren... Wie wichtig ist Dir das Publikum? Fakt ist, das man bei
Angizia schon genau zuhören muss, sich darauf einlassen muss, obwohl ich
persönlich trotzdem den Eindruck habe, wenn man dazu keine "Lust" hat,
kann man die Musik auch einfach nur hören. Hast Du den Eindruck dass Du
die Hörer vielleicht manchmal überforderst, abschreckst, oder
hältst Du es da eher mit Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten) der
mal gesagt hat: "Solange wie sich das Publikum nicht störend bemerkbar
macht, ist es mir eigentlich egal."
Michael Haas: Jeder Angizia-Rezipient stellt
andere Ansprüche an ein ANGIZIA-Album. Aus Erfahrung weiß ich, dass
sich immer noch sehr viele ANGIZIA-Sympathisanten im Spannungsfeld zwischen
"Metal" und "Nicht-Metal" bewegen. Demzufolge stellen beide Gruppierungen
bestimmt unterschiedliche Ansprüche an ein Werk wie "39 Jahre für den
Leierkastenmann": Der eine sucht beispielsweise aufdringliche E-Gitarren, der
andere überhört sie bewusst. Gleiches gilt für die an sich
unterschiedliche Vorstellung eines Konsumenten über direkte und
ausdrucksstarke Stimmen: Der eine empfindet diese als fesselnd und "unikal
intensiv", der andere als "anstrengend" oder "zu dominant". Das Gros unserer
Hörerschaft weiß aber wie Angizia klingen will und zu klingen hat
bzw. erklären unserer Werke ja faktisch von selbst, dass ein Angizia-Album
aus vielen kleinen Elementen besteht und sich kein Element hinter dem anderen
versteckt bzw. eben genau DIESES Element sein muss, um für Angizia
sinnvoll am GANZEN teilzuhaben und das zu ermöglichen, was ANGIZIA
prinzipiell ausmacht. Über eine bestimmte Hörerschaft bzw. über
eine etwaige Nachvollziehbarkeit eines Angizia-Stücks mache ich mir nie
Gedanken, vielmehr beschäftigt mich im Zuge der musikalischen Umsetzung
meiner Epik immer wieder, ob das jeweilige Stück "so" und "nicht doch
anders" gemeint war bzw. ob eine Gesangssequenz, eine Pianolinie, ein
Klarinettensolo den Charakter des jeweiligen Abschnitts auch ehrlich und
authentisch wiedergibt.
Mit Angizia sind wir jetzt definitiv an einem
musikalischen wie gesamtkunstwerkbezogenen "Punkt" angelangt, der einen
wahnwitzig-aufsaugenden und fast "besessen-intensiven" Zuhörer
voraussetzt. Eine flotte und dreiste Begegnung im Sinne einer lässigen und
unmotivierten Alltagsbeschäftigung würde wohl kaum dazu führen,
ein Stück wie "39 Jahre für den Leierkastenmann" so zu
erschließen, wie man sich das als Künstler selbst von einem derart
komplexen Werk erhofft. Ja im Gegenteil: Sich "39 Jahre für den
Leierkastenmann" nur sekundär und zwanghaft zu widmen, würde bei
unmotivierten Zuhörern wahrscheinlich Neurosen oder Aggressionen
implizieren. Unsere Musik verlangt frech und anstandslos, dass sich der
Zuhörer mit dem Stück und all den musikalischen wie (global)
künstlerischen Ideen eines Angizia-Werkes aufrichtig, tiefsinnig und fast
selbstquälerisch auseinandersetzt.
Es wäre geradezu
entsetzlich, ein Album zu veröffentlichen, das den Hörer so bedient,
wie er sich das vorstellt. Das würde uns selbst zu bornierten
Auftragskomponisten und unsere Musik zum kantenlosen "Antikunstgeschöpf"
machen. Andererseits kann es für einen Musikkonsumenten doch keine
auditive Genugtuung sein, wenn sich ein von ihm gekauftes Album genau so
präsentiert wie er sich das erwartet. Es ist das holde Recht des
Musikrezipienten sich von einer Formation zu distanzieren, wenn die Musik nicht
mehr seinen Vorstellungen entspricht. Umgekehrt muss das dem seriösen
Künstler egal sein.
Den "speziellen", ja begeisterten
Angizia-Zuhörer gibt es bestimmt, zumal unsere Musik wohl unfreiwillig
polarisiert, also sowohl rege Fürsprache als auch totale Missbilligung
seitens des Rezipienten impliziert.
Sollte sich ein Musikkonsument
dafür entscheiden, ANGIZIA zum Ausgleich seines differenten
Musikgeschmacks zu hören, so finde ich das auch interessant genug, um ihm
eine CD zu schicken. Es lässt sich schwerlich ein genormtes Profil
für DEN idealen "Angizia-Rezipienten" erstellen. "39 Jahre für den
Leierkastenmann" etwa wurde aus vielen unterschiedlichen beruflichen wie
sozialen Milieus heraus erstanden, ebenso pflegen die Hörer unserer Alben
einen äußerst differenten Musikgeschmack.
ANGIZIA vereint
keine beispielhaften Musikstile, sondern viel eher anomale Stimmungen sowie
"musikalische" Temperamente mit der dreisten Gleichgültigkeit, der breiten
Musikindustrie völlig egal sein zu können. Nicht zuletzt deshalb
zeigen wir uns künstlerisch immun gegenüber "Feedback",
"Hass-Bombardements" (so selten diese sein mögen) und internationalen
"Fan-Reaktionen". Angizia will in keinem aller veröffentlichten Fälle
"bewusst anders" sein, zumal Angizia schon von sich aus "einmalig" und "nicht
duplizierbar" ist. Was ich immer wieder erfahren muss: Viele Vertriebe und
Plattenfirmen versuchen uns immerzu in Schubladen zu stecken, in denen sie
unsere Hörer erwarten, wir aber nie und nimmer Platz finden wollen. Wir
sind weder Teil des "Gothic Metal"-Genres noch sind wir eine Metal-Band. Was
ich mir vom Rezipienten (bzw. Rezensenten) unserer Musik erwarte, ist eine fast
empathische Konfrontation mit unseren Werken. Das ist die einzige
Möglichkeit, ein Stück wie "39 Jahre für den Leierkastenmann"
durchdringend zu erfassen. ANGIZIA ausschließlich "nebenbei" - in Form
bewusst leise gestellter Hintergrundmusik - wahrzunehmen entspricht einer fast
fahrlässigen Auseinandersetzung mit an sich (auf)fordernder Musik.
GW: So Micha! Dann bleibt mir
nur noch, mich für dieses sehr spannende Interview zu bedanken und Dir
alles Gute für die Zukunft zu wünschen. Hast Du noch einen
intelligenten Schlusssatz für unsere Leser? Ich möchte ja fast mit
einem biblischen Spruch enden: Wer Ohren hat zu hören, DER HÖRE!
Michael Haas: Vielen lieben Dank
für dieses interessante Interview.
Thomas Sabottka für die
GOTHICWORLD
zum CD-Review von
"39 Jahre für den
Leierkastenmann" Homepage:
www.angizia.com |