interview:
THE CRÜXSHADOWS 11.Wave Gotik Treffen, Leipzig
2002
Es ist nicht
einfach seinem gewünschten/geplanten Termin zum Interview nachzukommen,
wenn man sich mit einer Band wie den Crüxshadows beim WGT in der
Markthalle des AGRA-Geländes trifft. Es ist nicht einfach mit einem
charismatisch, netten und kommunikativen Typen wie Rogue den Fans zu entkommen
um sich in eine stille Ecke zurückzuziehen. Es ist nicht einfach ein
Interview wieder zu geben, das auf Grund einer unaufmerksamen und vor allem
selbstverschuldeten Funktionsstörung des MD-Recorders nur noch aus dem
Gedächtnis niedergeschrieben werden muss. Und so kann ich nur eine
reduzierte Version dessen wiedergeben, worüber Rogue und ich, uns in der
schweigenden Anwesenheit der anderen Bandmitglieder Chris, Rachel und Stacey
unterhalten haben.
GW: Rogue, ihr seid jetzt zum zweiten Mal auf
Deutschlandtournee. Wie ist es?
Rogue:
Es ist großartig. Sicher auch stressig. Da wir die langfristig
geplanten Festivaltermine irgendwie mit vielen anderen Gigs auffüllen
müssen um nicht ständig zwischen Europa und USA hin und her zu
fliegen. Das kostet uns eine Menge Geld, man mag es ja vielleicht nicht
glauben, aber die Crüxshadows bezahlen ihre Flüge und Hotels
weitestgehend selbst. So sind wir jetzt bei ca 40 Konzerten angekommen. Aber
das ist ok. immerhin wollen wir mit so einer Tournee auch unsere
Popularität erhöhen.
GW:
Ihr habt gerade einen ziemlich genialen Gig hier in Leipzig
absolviert. Wie ist dein Eindruck von diesem Festival hier? Hast du so etwas
vergleichbares schon mal gesehen?
Rogue:
Nein! In der Art nicht. Es ist schon faszinierend, wie sich hier
eine Gemeinschaft von, sagen wir mal Gothics, aus aller Welt trifft. Das ist
ziemlich einmalig. Auch scheint die Stadt sehr tolerant damit umzugehen. So
eine Atmosphäre findet man wohl kaum wo anders.
GW: Wobei ich ja manchmal den Eindruck habe,
das dir große Bühnen nicht so sehr liegen. Da deine
Bühnenperformance dazu ausgelegt ist, immer wieder im Publikum zu
verschwinden.
Rogue: Ich
versuche mein Bestes. Ich will einfach das die Energie rüber kommt, das
eine Interaktion zwischen Musikern und Publikum entsteht. Da hindern mich so
große Bühnen auch nicht dran. Es gibt immer wieder
Möglichkeiten irgendwo rum zu klettern...
GW: Wo ich mir die Frage stelle wie hoch ihr
versichert seid.
Rogue: lacht.
GW: Vor allem dein schon
bekannter Versuch beim letzten Lied das Publikum auf die Bühne zu kriegen,
scheiterte hier ja an den Security-Leuten.
Rogue: lacht erneut: Oh ja ich glaube die haben
mich wirklich gehasst!!
GW:
Bleiben wir noch ein wenig bei der Show! Du hast jetzt noch zwei
nette und hübsche Tänzerinnen auf die Bühne gestellt. Warum?
Rogue: Wir spielen bei den Shows in
Amerika fast immer vor neunzig Prozent Mädchen die völlig ausrasten
und die Guys stehen dumm rum und ärgern sich. Da dachte ich mir das wir
denen was bieten müssten. Außerdem werde ich langsam alt und
müde und will nicht mehr die ganze Show alleine machen... (lacht) Nein im
Ernst! Wie ich schon gesagt habe, versuche ich einfach nur, so viel wie
möglich an Energie rüber zu bringen. Und ich glaube die Leute tanzen
eher mit, wenn da vorne auf der Bühne die Leute auch tanzen.
GW: Kannst du eigentlich einen Unterschied
zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Publikum feststellen?
Rogue: überlegt kurz: Nein
eigentlich nicht so sehr. Hier in Deutschland liegen die Städte in denen
wir spielen nur dichter zusammen. In den USA bist du schon mal ein paar Tage
unterwegs um zum nächsten Ort zu kommen. Von daher scheinen die
Unterschiede regionaler zu sein. Wir können in Kalifornien vor dreitausend
Leuten spielen die obercool sind, oder in New York vor dreißig die total
ausrasten. Das ist hier genau so. Von Stadt zu Stadt verschieden. Aber die
Szene an sich ist sich sehr, sehr ähnlich.
GW: Naja gerade bei der Musik hatte ich den
Eindruck, das die Gothicmusik in den USA sehr viel mehr von Dance-elementen,
Punk und ähnlichem beeinflusst wird. Während sie hier doch oft viel
düsterer, härter, schwerer ist.
Rogue: Es kann schon sein. Ich kenne Bands die
mixen mit allem was ihnen unter die Finger kommt. Blues, Jazz. Hip Hop
und trotzdem ist es Gothic. Ich finde das sehr schön und spannend. Aber
vielleicht ist das schon typisch amerikanisch. Das Vermischen von vielen
Stilen.
GW: Das bringt mich
direkt auf eine Eurer Eigenschaften. Ihr schafft es so tief traurige Themen wie
Liebe, Tränen, Schmerz, Tragödie, Tod... immer wieder in recht
positive, tanzbare fast fröhliche Songs zu verpacken.
Rogue: Das ist halt etwas, was mich reizt.
Gegensätze. Ich finde es langweilig ein trauriges Thema in eine
schwermütige Musik zu verpacken. So versuche ich halt immer mit
druckvollen Rhythmen, Songs die einfach in die Ohren und in die Beine gehen zu
arbeiten.
GW: Was dir immer
wieder gelingt. Du besitzt das fast geniale Talent für Hooklines.
Rogue: (etwas verlegen grinsend) Oh
danke!
GW: Doch! Eure Single
"Tears" habe ich nur einmal gehört und sie war in meinem Kopf drin. (Rogue
grinst immer noch verlegen!) Das bringt mich direkt zu dem neuen Material. Ihr
spielt auf dieser Tournee eine Menge neue Songs.
Rogue: Ja. Die sind alle von dem Album
"Wishfire" das im August erscheint. Es ist zwar immer ein Risiko ein
Konzert mit Material zu füllen, dass noch niemand kennt, aber ich hoffe es
kommt trotzdem an.
GW: Haken wir
an der Stelle mal ein paar inhaltliche Fragen ab. Du verwendest in deinen
Texten sehr viele religiöse Themen. Antike Symbole, griechische und
ägyptische Mythen. Warum?
Rogue:
Nun ich will es mal an dem Beispiel "Eurydice" erklären. Dies
ist eine sehr tragische Geschichte. Orpheus liebt Eurydice, die stirbt und er
folgt ihr in den Hades, die Unterwelt. Einfach weil er sie liebt, ohne sie
nicht leben kann, um sie vom Tod zurück zu holen... Es ist die alte
große Geschichte von der einen wahren Liebe. Das ist einfach nur
schön. Wir haben eine Menge mythische oder symbolische Figuren,
Geschichten die mich einfach faszinieren. Es sind Figuren die zu meinem
Universum gehören. So wie der "Engel" der immer wieder bei uns auftaucht.
Ich denke es ist vielleicht auch ein Weg, heutzutage Leute an solche Themen
heran zu führen. Anders als wenn man ihnen nur ein Buch in die Hand
drückt und sagt hier lies das mal. Obwohl diese Themen heute doch immer
noch aktuell sind.
GW: Dann
taucht in einem eurer neuen Songs ein Ausschnitt aus der bekannten Rede Dr.
Martin Luther King`s "I have a dream" auf. Ein Versuch der Crüxshadows
politisch zu werden, oder eine Reaktion auf die Ereignisse vom 11.
September?
Rogue: Als die Sache
mit dem 11. September passierte, war der Song eigentlich schon fertig. Nein!
Dazu hat mich mehr die gesamte Situation auf der Welt inspiriert. Überall
gibt es Leute die sich aus irgendwelchen Gründen bekriegen. Meist sagen
sie das es darum geht das sie den einen, wahren Gott haben. Da ich mich sehr
mit religiösen Motiven beschäftige, ist das genau der Punkt den ich
nicht begreifen will. Sie bringen sich gegenseitig um, ohne zu merken das es
nur einen Gott gibt... das sie den selben Gott haben, ihm eben nur andere Namen
geben. Das wir alle einfach nur Menschen sind, und es viel interessanter ist
sich mit einander hinzusetzen, sich zu unterhalten und sich so auch weiter zu
entwickeln. Und nicht das sich ein einzelner mit seinen Interessen durchsetzt
und diese dann zum Dogma macht. Das ist Stillstand. In letzter Zeit denke ich
da eher an Sachen wie Israel und Palästina. Es ist ein ewiger Kreislauf,
der anscheinend nicht mehr durchbrochen werden kann. Ein Palästinenser
sprengt sich in einer israelischen Disco in die Luft und tötet dabei
Teenager. Die Israelies marschieren in Palästina ein und töten dabei
Kinder und immer so weiter. Hin und her. Mir geht es darum wirklich nur zu
sagen: Hey wir sind alle Menschen. Nicht mehr und nicht weniger. Ich habe da
mal diesen Film gesehen, er hieß "Europa, Europa" oder so ähnlich.
(Lief in Deutschland unter "Hitlerjunge Salomon" Anm. d. Red.) Es ging um einen
jüdischen Jungen, der vor den Nazis nach Russland flüchtet, dort
unter den Stalinisten sein Deutschsein und sein jüdisch sein verstecken
muss. Als die Nazis dann in Russland einmarschieren muss er sein
Jüdischsein und seine kommunistischen Erfahrungen vor den Nazis
verstecken... er ist den ganzen Film über nur damit beschäftigt sich
zu verstecken, zu verleugen. Das ist oft sehr komisch, aber eigentlich recht
tragisch. Dabei geht es doch nur um eines: Auf beiden Seiten des Schlachtfeldes
begegnen ihm Leute die gut und böse sind. Eben Menschen. Das ist genau die
Aussage die ich treffen will. Es gibt keine eindeutigen
Feindbilder.
GW: Wie würdest
du die Veränderungen seit dem 11. September eigentlich beschreiben. In den
USA. Die Veränderungen die es ja unstreitbar gibt.
Rogue: Nun zunächst war es einmal auch
für uns ein großer Schock! Das jemand das World Trade Center mit
zwei Flugzeugen, sozusagen vernichtet, das war für mich so als hätte
er den Mond gesprengt. Das war etwas was für uns Amerikaner ganz
unmöglich, unvorstellbar war. Klar, haben eine Menge Amerikaner jetzt eine
fast übertriebene Paranoier. Jetzt wo ihnen bewiesen wurde das eigentlich
irgendein Irrer mit einer Atomwaffe irgendwo reinspazieren kann und alles in
die Luft sprengen... Es ist stellenweise recht skurril. Wenn ich mir
überlege wie lange wir uns auf dem Flughafen aufhalten müssen, wenn
wir die USA verlassen wollen. Da wird unser gesamtes Equipment stundenlang
durchsuchet. Alles. Instrumente, Verstärker.. Du selbst wirst hundertmal
abgetastet von Hunden beschnüffelt, nur weil sie hinter allem und jedem
eine Bombe vermuten. Hier eine Bombe da eine Bombe. Was uns auffällt ist,
das wenn wir jetzt unterwegs sind, selbst wenn wir in der letzten
hinterwäldlerischen Gegend der USA sind, egal wie wir aussehen, sie
begegnen uns immer mit Freundlichkeit. Heutzutage zählt in den USA nur
noch das du Amerikaner bist. Alles andere ist egal. Das ist schon eine seltsame
Erfahrung für jemanden wie mich, der sonst eigentlich immer schief
angesehen wurde. Nur würde ich darauf gerne verzichten, da mir der Preis
von sechstausend getöteten Zivilisten dafür viel zu hoch ist. Ich
hoffe blos, dass das alles nicht noch verschärfter wird. Das sich die
Leute doch wieder hinsetzen und mit einander reden. Es werden jetzt neue
Feindbilder geschaffen, und die gefallen mir natürlich gar nicht
mehr.
GW: In diesem Sinne hat
vielleicht ein Mann wie Martin Luther King heute noch eine ganz andere
Bedeutung und so ein Lied wie Euer eine ganz andere, neue Wichtigkeit.
Rogue: Tja, das ist wirklich so.
Ich habe eben auch meinen Traum. Den Traum von den Menschen die friedlich
zusammen leben... Deshalb glaube ich wahrscheinlich auch noch an Demokratie.
Das Leute zwar verschiedene Interessen haben, andere Ideale, diese aber
friedlich ausdiskutieren. Übrigens ist ja Demokratie auch eine Idee die
aus dem antiken Griechenland stammt. Damit haben wir wieder den Bogen zu den
antiken Themen geschaffen.
GW:
Das ist eigentlich ein gutes Schlusswort. In diesem Sinne bleibt
mir nur noch, mich für das Interview zu bedanken und Euch alles Gute
für die Zukunft zu wünschen und das ihr noch mehr Erfolg und
Popularität bekommt als jetzt.
Rogue:
Vielleicht leistet ja gerade dein Interview den entscheidenden
Beitrag dazu.
GW: (Ich lache!) Da
bin ich mir total sicher.
Thomas Sabottka für
GOTHICWORLD
live - 15.05.
Stahlwerk, Düsseldorf zum Review von "Tears"
(EP) zum den " Definitely Wishfire
World Tour 2002 "-Daten
http://www.cruxshadows.com
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