interview:
AGATHODAIMON "Die Toleranz hört bei mir beim
Fanatismus auf!"
In der Diskussion ob "True oder nicht True" Black Metal und den
Einflüssen faschistischem Gedankenguts in der Metal-Szene nimmt Sathonys,
Gitarrist der Mainzer Schwermetal-Truppe AGATHODAIMON, durch Zusammenarbeit mit
"Hyperion" selbst heftig im Kreuzfeuer der Kritik im folgenden Interview eine
klare Position ein und und schafft Klarheit zu den zwielichten Gerüchten
um die Band.
GW: Hi Sath,
besten Dank für das Interview! Zuallererst, sind neue Songs in Arbeit?
Wann kommt das neue Agathodaimon-Album? Sathonys: Neue Songs sind in Arbeit, die
Vorproduktion wird in den kommenden Wochen beginnen. Voraussichtlich wird das
Album im Dezember oder Januar eingespielt, und dürfte somit
voraussichtlich im Frühling 2003 erscheinen.
GW: In welcher Richtung geht er mit dem neuen
Album? Eher noch mehr in Richtung Black Metal oder mehr dem langsameren,
düsteren Gothic-Sound? Sathonys:
Nun, der Begriff "Gothic" gefiel uns noch nie. Wenn damit Keyboards
assoziiert werden, ja, sicher werden diese auch wieder Verwendung finden. Aber
ich glaube, wir werden weder in Richtung Black noch Gothic Metal schielen. Eine
generelle Marschrichtung gibt es bei uns nicht. Da jeder am Songwriting
beteiligt ist, wird das Album sicher vielschichtig werden.
GW: Wird Vlad endlich, endlich wieder komplett
mit von der Partie sein? Sathonys:
Nun, aller Voraussicht nach, ja. Beim letzten Album erschien es nicht ratsam,
da er sehr im Streß war und dementsprechend nur wenig Material in der
Hinterhand hatte. Diesmal werden sicher wieder einige Songs von ihm vertreten
sein.
GW: Und wie sieht es mit
"Nocte Obducta" aus? Bist Du bei der Band auch noch mit von der
Partie? Sathonys: Nein, ich bin
nach dem zweiten Album "Taverne" ausgestiegen. Das Bandklima war nicht mehr
sehr angenehm, ebenso fand ich die Vorgehensweise der Band und das starre
Gefüge als nicht mehr reizvoll, außerdem hatte ich durch einen Umzug
nur noch Zeit für "Agathodaimon".
GW: In wie weit nimmst Du die leidige "True
oder nicht True
" Diskussion der Black Metal Fans noch ernst ? Auch Euch
hat diese Diskussion ja nicht verschont. Sathonys: Es hängt immer vom
Diskussionspartner ab. Ich kann verstehen, wenn man den alten Zeiten
nachtrauert, als Black Metal noch etwas neues und reines darstellte. Aber die
Toleranz hört bei mir beim Fanatismus auf. True Black Metal existiert nach
meiner Meinung nicht. Sicher, es gibt viele Bands, die ihren Idolen nacheifern
und imaginären Regeln folgen, um nicht vom "wahren Weg" abzukommen.
Für mich heißt dies in erster Linie aber Nachkäuen von bereits
x-fach gehörter Musik. Aber selbst bei etlichen Underground-Bands ist
dieses Gehabe meist nur ein billiger Marketing-Trick, denn letztendlich suchen
wohl alle diese Bands ihre Anerkennung und "Fans", ansonsten würden sie
ihre Musik für sich selbst brav daheim im Proberaum spielen, und nicht in
"streng limitierten" Auflagen und ähnlichem ihre CDs auf den Markt
schmeißen. Ob da nun ein großes Label oder eine Eigenproduktion
dahinter steht, das Prinzip ist das Selbe. Richtig cool wäre es, wenn eine
wirklich erfolgreiche Band plötzlich totalen Underground fährt. Diese
"wir wollen ja gar keine CDs verkaufen"-Attitüde mancher Bands fällt
nun wirklich nicht schwer, wenn diese nicht einmal das Potential besitzt,
überhaupt gut genug zu sein, um größeren Anklang zu finden. Ich
sehe keinen Sinn darin, uns an solchen Bands zu messen. Wenn die Leute glauben,
sie müßten uns als kommerzielle Band betrachten, dann sollen sie es
eben tun. Wir ziehen unser Ding durch, unbeinflußt von anderen, und das
ist uns das wichtigste, und meiner Meinung nach viel wertvoller, als Bands wie
Mayhem oder Darkthrone nachzuäffen. Es gibt schon genug Zwänge im
Musikgeschäft, als dass wir noch darauf achten wollen, ob wir mit
irgendwelchen sinnlosen Regeln konform gehen.
GW: Die folgenden Fragen beziehen sich auf
eine momentan leidige, aber ernste Diskussion bezüglich des Einsickerns
NS-Sympathisierender Bands in der schwarzen Szene. Auch Ihr hattet Anfang des
Jahres arge Probleme. Sathonys: Wer
uns kennt, weiß durchaus, dass wir uns stets gegen jedweden politischen
Einfluß in unserer Musik ausgesprochen haben. Wer sich politisch
äußern will, soll dies gefälligst in der Politik tun, und nicht
die Musik als Vehikel benutzen. Erneut glaube ich, dass viele der NSBM Bands
ihr Image nur benutzen, um Anklang innerhalb einer Szene zu finden, die weniger
Wert auf musikalische Qualität als auf konformes Auftreten legt. Was
unsere Probleme diesbezüglich anging, war ich mehr als überrascht,
was alles auf uns zukam.
GW: Die
Trennung von "Hyperion" ist nun gut ein halbes Jahr her und die allgemeine
Hysterie in euren Fan-Kreisen, man werfe einen Blick in das Forum Eurer
Webseite
, hat sich mittlerweile etwas gelegt. Das warum und wieso ist ja
nun, auch dank Deines deutlichen Statements, hinreichend erklärt und das
Thema sollte endlich ruhen. Dennoch sind noch eine Fragen offen. Zuerst, stand
zu irgendeinem Zeitpunkt das Schicksal der gesamten Band auf dem Spiel? Habt
Ihr noch Kontakt zu "Hyperion" nach diesem offenen
Vertrauensbruch? Sathonys: Um das
Thema kurz aufzurollen, ich bin wahrlich kein politisch interessierter Mensch,
und würde mich auch nicht gerade als übersensibilisiert in solchen
Dingen bezeichnen. Ich stehe jedem seine Meinung zu, und verlange
üblicherweise kein politisches Unbedenklichkeitszeugnis, bevor ich mich
mit jemand unterhalte. Aber scheinbar kann man aus etlichen Dingen mehr
herauslesen, als ich imstande war zu sehen. Unser Fehlgriff war anfangs, einen
Gastsänger für Sacred Divinity einzuladen, der seinen Ruf als rechte
Person scheinbar eindeutig weg hat, den wir aber persönlich seit
längerer Zeit als sympathischen und eindeutig fähigen Sänger
kannten. Er sang ein paar Zeilen der (absolut wertfreien) Ballade ein, auf
eigenen Wunsch auch unter Pseudonym. Als die Sache rauskam, wollte man uns
mitunter vorwerfen, wir würden der rechten Szene Unterstützung geben,
obwohl wir uns stets gegen politische Tendenzen ausgesprochen hatten. Ich
versuchte dann tagelang, mit diesen Leuten zu diskutieren, was sich aber oft
als unmöglich herausstellte. Zur Spitze wurde die Diskussion durch das
Nebenprojekt von Hyperion getrieben, das der Rest der Band nun erstmals
näher beleuchtete, da wir diesem keine größere Aufmerksamkeit
geschenkt hatten. Schließlich war Agathodaimon immer ein
Zusammenschluß von Individuen, die als gemeinsamen Nenner die Musik
hatten, was nebenher geschah, war ohne Bedeutung. Leider waren auf deren
Website auch politische Aufsätze, was für uns untolerierbar war, da
mit der Verknüpfung zu Hyperion somit ein direkter Vergleich mit
Agathodaimon möglich war, und somit entschieden wir uns nach langer
Diskussion zu einer Trennung. Kontakt besteht noch zu Hyperion, wenngleich wohl
beide Parteien etwas voneinander enttäuscht sind. Aber ich schätze
ihn nach wie vor, abgesehen von seiner politischen Einstellung (die vielleicht
rechts, aber nicht rechtsextrem sein mag; das wäre uns sonst in all den
Jahren aufgefallen) halte ich ihn für eine sehr sympathische Person, und
bedauere, dass alles in dieser Art seinen Weg ging.
GW: In deinem Statement klang, zumindest
für mich, eine deutliche Enttäuschung und Resignation durch, was die
Sachlichkeit der damaligen Diskussion angeht. Das blinde Geschrei und Gefluche
war unüberhörbar. In wie weit hat Dich dies auch persönlich
getroffen, wenn nicht sogar desillusioniert? Sathonys: Ich muß zugeben, dass mich
dieses Unverständnis teilweise sehr entsetzt hat, denn schließlich
redete ich auch mit unseren Fans, nicht nur mit distanzierten Kritikern. Das
Gebahren vieler Personen wirkte auf mich, so obskur es auch klingen mag,
wirklich faschistisch. Toleranz war jedenfalls ein Fremdwort für viele.
Ich maße mir nicht an, ein Urteil über Leute zu bilden, von denen
ich nur Dinge aus dritter Hand weiß. Aber die Art, wie hier gehetzt
wurde, und teils mit absolut falschen Tatsachen eine imaginäre
Beweisführung erbracht wurde, war wirklich nervenzehrend und erinnerte
mehr an eine Hexenjagd als an eine Diskussion. Stattdessen kamen nur leere
Phrasen wie "keinen Fußbreit den Faschisten". Ich habe mir die Finger
blutig getippt um unseren Standpunkt und unsere Gründe darzustellen, aber
es gab nur wenige, die sich überhaupt die Mühe machten, diese
überhaupt zu lesen! Seitdem habe ich noch weniger Achtung vor dem Mensch;
ich glaube, die Bildzeitung & Co wird in absehbarer Zeit unser Handeln und
Denken zu 100% beeinflussen. Und das ist wirklich das einzige, wovor ich Angst
habe! Ich dachte, gerade im Metal wäre noch Freigeist und
selbstständiges Denken und Handeln weitgehend vorhanden, aber scheinbar
ist auch hier die Gehirnwäsche und Uniformität auf dem
Vormarsch.
GW: Die Diskussion um
und über J.Klumb, IDM, von Thronstahl usw. ist hinreichend bekannt und
Josef tut alles dafür, dass das auch so bleibt. Du schreibst, dass Euch
die damalige Brisanz seiner Mitarbeit zu "Sacred Divinity" bekannt war. Ich
stimme zu dass 12-Zeilen Text nicht einen Krieg bedeuten, doch war das Risiko
schlicht nicht zu hoch, jemanden zu engagieren, der erst hintergründig,
dann ganz offen zu seiner Faschismussympathie steht? Waren es seine kurzen
Gesangseinlagen wert? Sathonys: Das
ist eine Frage, die so gesehen durchaus ihre Berechtigung hat. Für mich
allerdings war diese zweitrangig. Ich habe einiges an Drohungen (von
Schlägerei bis hin zur Verstümmelung oder gar klare Morddrohungen)
gegen mich bisher erfahren, und ausnahmslos stammten diese Drohungen aus der
True- bzw. Fascho-Ecke. Insofern schien der Gedanke, uns ausgerechnet mit
solchen Leuten in einen Topf zu werfen, undenkbar für mich. Zumal wir
damals noch nichts von IDM etc. wußten. Wie dem auch sei, wir sind nie
den Weg des geringsten Widerstands gegangen, und ich bin jemand, dem Passion
und Hingabe an etwas noch Bedeutung besitzt. Dem Gelegenheitshörer, der
unsere Band nur wenig kennt, bleibt so etwas natürlich verborgen. Wir sind
stets bereit, für unsere Musik Risiken einzugehen. Beispielsweise hatten
wir unser zweites Album in einem rumänischen Studio aufgenommen, nur um
Vlad wieder bei uns zu haben. Aus kommerzieller Hinsicht ein halbes
Selbstmordkommando, aber das nahmen wir in Kauf. Ich finde es furchtbar, immer
nur die Erwartungen anderer zu erfüllen. Es ist unsere Musik, die wir gern
teilen, für die wir uns aber den Hintern aufreißen. Unser Vorhaben
mag naiv gewesen sein, aber die Sache erschien uns abstrakt genug, um sie
realisieren zu können, zumal ich ein großer Weißglut-Fan war.
Wohin der blinde Hass einiger Leute führen kann, sieht man ja nun. Selbst
mit neuem Sänger und ständigen Entschuldigungen war die Band
gezwungen, nun ihren Namen zu wechseln. Wie gesagt, ich kann da nur den Kopf
schütteln, vielleicht bin ich auch nur zu dumm, den Ernst der Lage und
unseren katastrophalen und Szene-übergreifenden Fehlgriff richtig
einzuschätzen. Ab sofort werde ich den Begriff "künstlerische
Freiheit" aus meinem Vokabular streichen und durch "political correctness"
ersetzen.
GW: Zwar beruft sich
Josef und sämtliche Bands aus seinem und IDM´s Umkreis am laufenden
Band auf Ihr Recht auf Meinungsfreiheit, irgendwo ja irgendwie zu recht
,
meinst Du nicht auch dass dennoch von diesen Kreisen auch eine Gefahr aus geht?
Oder wird zu viel Wirbel darum gemacht ?
Sathonys: Ich denke, wenn man diese Thematiken
nicht immer aufbrausend und sensationsheischend angehen würde, dann
hätte die rechte Szene weitaus weniger Nährboden. Dennoch denke ich,
dass sich Menschen frei äußern dürfen sollten. Wenn jemand sagt
"Ich bin für eine neue Regelung des Einwanderungsgesetzes", dann sollte
man ihn nicht gleich als dreckigen Faschist bezeichnen, ohne seine Meinung
überhaupt erst anzuhören. Wie gesagt, Politik interessiert mich kaum,
vielleicht bin ich daher zu naiv, aber ich glaube dass es falsch ist, rechte
Gedanken mit faschistoider Methodik zu bekämpfen. Jedes Land zeigt offen
ihren Nationalstolz, nur Deutschland traut sich dies einzig und allein
während der Dauer einer Fußball-Weltmeisterschaft. Ich bin der
letzte, der sagen würde, dass er stolz darauf ist, Deutscher zu sein. Aber
ich bin für Meinungsfreiheit, denn nur so gibt es eine Balance des Ganzen.
Etwas zu verteufeln sorgt nur für zusätzlichen Anreiz, sich damit
näher zu beschäftigen. Laßt die Leute doch reden, wenn sie
Unsinn quatschen, disqualifizieren sie sich doch selbst.
GW: Was sind für Dich die Gründe des
Einsickerns von mehr oder weniger NS-Sympathisierenden Bands in die
Gothik/Black Metal Szene? Mit großer Sorge wird eine seltsame
Verbrüderung im Geiste bei Teilen der Szene beobachtet. Sathonys: Wie weiter oben angesprochen, ich
denke, in diese Szene wird man mit der richtigen Gesinnung sehr schnell
aufgenommen und dadurch auch gleich relativ schnell "bekannt". Ich finde es
pervers, Black Metal mit faschistischen Inhalten und Symbolik zu versehen.
Scheinbar war es die letzte Möglichkeit, in punkto Extremität noch
etwas draufzusetzen. Ich hoffe, diese Bands überdenken ihre Philosophie
oder wechseln zur Volksmusik, dort sind schwarzbraune Haselnüsse besser
aufgehoben.
GW: OK, vielen Dank
für Deine Antworten und Deine Offenheit!
Alexander Treder für
GOTHICWORLD
www.agathodaimon.org
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