exclusive interview:
Expretus - Spiegel der Seele
Expretus sind eine junge, aufstrebende deutsche Band aus den
neuen Bundesländern, die sich auf ihrem zweiten Album "Spiegelsaal" in
einer beeindruckenden Kombination aus getragener, mit Einflüßen aus
Neofolk, Klassik und Dark Wave versetzter Musik und tief empfundener Lyrik mit
dem Schicksal einer fiktiven Person auseinandersetzt. Dabei werden einzelne
Stationen seines Lebens in einer Form der autobiographischen Erzählung
nacherzählt und nachempfunden, wobei diese Lebensgeschichte sich so oder
ähnlich in den Jahren des zweiten Weltkrieges und der sich
anschließenden Nachkriegszeit bestimmt tausendfach zugetragen hat. Die
Wirren des Krieges, die erste Liebe, der Rückblich auf unerfüllt
geblieben Träume, dies alles sind Erlebnisse, die thematisiert werden und
vollkommen wertneutral durch die Dresdener Formation um André Fleck,
meinem Gesprächspartner, dargelegt werden.
Die
Mitglieder der Band scheinen, nimmt man die Bandfotos zum Maßstab, noch
relativ jung zu sein. Wie kommt man daher auf die Idee, die Lebensgeschichte
einer fiktiven Person zu erzählen und diese mit den geschichtlichen
Begebenheiten des letzten Jahrhunderts zu verknüpfen?
André : "Wir sind im Schnitt Mitte
zwanzig, aber danke für das Kompliment. Die Idee zu diesem Konzeptalbum
entstammt meiner Zivildienstzeit. Ich hatte Gelegenheit Gespräche mit
vielen älteren Menschen zu führen und einiges aus deren Leben zu
erfahren. Aus dieser Fülle geschilderter Erfahrungen ist die fiktive
Person des Albums entstanden. Die bedeutendsten geschichtlichen Begebenheiten
des letzten Jahrhunderts waren dann auch häufig die prägendsten im
Leben meiner Gesprächspartner. "
Der Bandname "Expretus" ist,
wie dem beigelegten Info zur CD zu entnehmen ist, ein Wort aus dem
altlateinischen, dessen Bedeutung im Laufe der Zeit verloren ging und dem die
Band durch ihre Musik wieder zu Geltung und einer Bedeutung verhelfen
möchte.
André : "In
erster Linie ist das Wort Expretus lediglich unser Bandname. Aber es ist ja
auch ganz angenehm, wenn dieser eine interessante Herkunft bzw. eine
verlorengegangene Bedeutung inne hat."
Die Auseinandersetzung und
die Betrachtung des eigenen Lebens scheint im Mittelpunkt der
künstlerischen Arbeit dieser noch jungen Formation zu stehen, wurde diese
Problematik doch bereits auf dem vorher veröffentlichten Album
"Gezeitenrausch" thematisiert. Die Tendenz, sein Leben dabei wenig bewußt
wahrzunehmen und sich gedankenlos dem täglichen Trott hinzugeben, scheint
in der heutigen Gesellschaft ausgesprochen ausgeprägt zu sein, wie
André mir beipflichtet.
André
: "Ich denke schon, daß viele Menschen die Augen vor ihrem
nicht gerade erfüllenden Dasein verschließen und sich in
Scheinwelten flüchten, um sich zumindest zeitweilig zu betäuben. Wenn
man sich beispielsweise fragt, warum Leute sich mit solch armseligen Sendungen
wie etwa "Big Brother" (jetzt mach ich für den Mist auch noch Werbung)
beschäftigen, ist Eskapismus für mich die einleuchtendste
Erklärung. Letztendlich kann ich aber nur für mich sprechen, ich
versuche mein Leben bewußt zu leben, die Musik spielt dabei eine sehr
wichtige Rolle. "
Die Projektion des Lebens auf vergangene Werte und
die ablehnende Haltung älterer Menschen gegenüber dem aktuellen
Zeitgeschehen sowie sozialen und kulturellen Gegebenheiten der Gegenwart ist so
alt, wie die Menschheit an sich. "Früher war alles besser" ist ein
häufig gehörter Satz in der Auseinandersetzung mit älteren
Menschen, wie auch ihre häufig ablehnende Haltung der Kunst und Kultur der
Gegenwart jüngerer Menschen, wobei die Reaktionen, die Expretus mit ihrer
Musik erfahren, erstaunlich positiv sind.
André : "Ältere Menschen stehen
unserer Musik erstaunlich offen gegenüber. Die meisten freuen sich
über die Auseinandersetzung mit Themen wie etwa der Reflektion des eigenen
Lebens und der Bewältigung von Gewissenskonflikten und Trauer. Wie schon
eingangs erwähnt, stammen die Einflüsse und Anregungen zu
"Spiegelsaal" aus Gesprächen mit älteren Menschen. Natürlich
hört man oft den Satz "Früher war alles besser", aber ich würde
mich nicht dafür verbürgen, daß das bei mir später nicht
so ist. Sicher ist es schwer als alternder Mensch mit dem sich rasant
entwickelnden Zeitgeschen mitzuhalten, besonders im Zeitalter der neuen Medien.
Man kann nur versuchen Schritt zu halten und nicht engstirnig und ignorant zu
werden. "
Welche Schlußfolgerungen ergeben sich für
Expretus aus den gemachten Erfahrungen bei der intensiven Auseinandersetzung
mit der im "Spiegelsaal" geschilderten Thematik?
André : "Durch die Erfahrungen und
Verfehlungen älterer Generationen haben sich ethische gesellschaftliche
Werte gebildet, die man genau wie die Erinnerung an die Vergangenheit verstehen
und erhalten sollte. Deshalb versuche ich Ignoranz und Ablehnung gegen neue
Einflüsse jeglicher Art aus meinem Leben
auszuklammern."
Expretus kommen aus der Elbmetropole Dresden, die
während der Bombennacht vom 13./14. Februar 1945 durch alliierte Bomber in
Schutt und Asche gelegt wurde und auch in "13.Februar" thematisiert wurde.
Interessant in diesem Zusammenhang ist jedoch vor allem die Frage nach dem
Schuldkomplex einer Generation, die ihre Jugend an den Krieg verloren hat und
bis zum heutigen Tage immer wieder mit der Frage konfrontiert wird, wie es
überhaupt soweit kommen konnte.
André : "Viele schweigen dieses Thema
tot. Die Frage nach den Schuldkomplexen wehren viele mit den Worten "das haben
wir nicht gewußt" oder "das war eben so" ab, nur wenige äußern
ihre Betroffenheit über das eigene Stück Verantwortung. Wer kann
schon von sich behaupten, er wäre nicht dabei gewesen ? Ich würde mir
das jedenfalls nicht anmaßen. Deshalb habe ich bei dem Lied "Schuldig"
ein Fragezeichen und den Zusatz "(Monolog)" angefügt. Ich hatte nicht vor,
mir ein Urteil über das Handeln meiner fiktiven Person zu erlauben,
sondern er sollte ein Zwiegespräch mit sich selbst
führen."
Die Diskussion um rechte Gewalt ist ja leider wieder
in aller Munde und nun kommen Expretus aus den neuen Bundesländern, denen
eine latent vorhandene rechte Gewaltbereitschaft sehr viel eher nachgesagt
wird, als den sogenannten alten Bundesländern. Wie sind die
persönlich gemachten Erfahrungen mit diesem Thema?
André : "Zum Glück habe ich mit
der Gewaltbereitschaft, welcher Leute auch immer, noch keine bemerkenswerten
Erfahrungen gemacht. Ich wohne in Dresden und da ist die Gewaltproblematik
derzeit eher geringer geworden. Deshalb kann ich nicht sagen, ob dieses Problem
der rechten Gewalt im Osten stärker ausgeprägt ist als im Westteil
des Landes."
Oberflächlich betrachtet könnte man den
Eindruck gewinnen, Expretus wären durch die "Neue Deutsche Todeskunst" und
ihre Vertreter inspiriert und beeinflußt worden. Ein Vergleich, der sich
bei näherer Betrachtung der Musik und der Texte jedoch als haltlos erweist
und auch sonst recht wenig mit der sonst so häufig propagierten
Todessehnsucht gemein hat, wie André mir beipflichtet.
André : "Also bisher wurde mir
gegenüber dieser "Vorwurf" noch nie geäußert. Wahrscheinlich
kommt es darauf an, mit wem wir verglichen werden, manche Vergleiche würde
ich vielleicht sogar als Kompliment empfinden. Einige Vertreter der sogenannten
"neuen deutschen Todeskunst" halte ich für sehr bemerkenswerte und
interessante Künstler, wie z.B. Goethes Erben. Trotzdem sehe ich keine
Parallelen zu uns, da unsere Musik und auch die Texte sich für meine
Begriffe deutlich unterscheiden. Einflüsse räume ich bezüglich
jedem Ton ein, den ich jemals gehört habe, von welcher Band und aus
welchem musikalischen Genre auch immer. Wenn man deutsche Texte schreibt,
werden die unglaublichsten Dinge in die Musik hineininterpretiert. Das ist
vielleicht ein Zeichen dafür, daß deutsche Texte immer noch eher
selten vorkommen. Daß die Texte eher die unerfreulichen und dunklen
Seiten des Lebens beinhalten, liegt wohl an der Neigung meine derartigen
Gedanken in den Texten zu verarbeiten."
Was sich nicht zuletzt auch
durch die Aussage Andrés aus dem Interview mit unseren Kollegen vom
"Black" belegen läßt, wo er das Interview mit den Worten "Laßt
Euch den Pessimismus nicht nehmen" beendet. Ist Pessimismus der bestimmende
Wesenszug deines Charakters bzw. deiner Persönlichkeit?
André
: "Der Pessimismus ist zumindest ein gewichtiger Teil meiner
Persönlichkeit. Ich bin kein unglücklicher Mensch und erfülle
auch nicht das Klischee des von Weltschmerz zerfressenen
selbstmordgefährdeten Gruftis. Das finde ich ziemlich albern. Ich habe die
Gestaltung meines Lebens größtenteils selbst in der Hand und
versuche es so glücklich wie möglich zu gestalten. Mein Pessimismus
begründet sich durch die gesellschaftliche Entwicklung.
Zwischenmenschliche Kommunikation, Kunst und Kultur verlieren immer mehr an
Bedeutung, dafür steigert sich die Sucht nach Verdummung und nach
Verklärung der Realität ständig. Die Ergebenheit eines
großen Teiles der Bevölkerung in die niveaulosen Medien- und
Pseudokunstprodukte ekelt mich an. Früher habe ich mir noch mehr Gedanken
gemacht, wie ich mit dieser Ignoranz der Leute leben soll, jetzt fühle ich
mich aber eher motiviert etwas gegensätzliches mit Expretus zu leisten.
Ich bin mir auch bewußt, daß wir nur einen vergleichsweise kleinen
Kreis erreichen werden, aber immerhin. "
Live könnte sich die
Thematik des "Spiegelsaals" durch kurze schauspielerische Sequenzen und
Passagen sicherlich sehr gut darstellen lassen, doch André wehrt ab.
André : "Das klingt
interessant, aber ich bin kein Freund von Rollenspielen auf Konzerten. Derzeit
sind wir vor allem auf die Ausstattung der Veranstaltungsorte angewiesen. Ich
könnte mir Projektionen und eine künstlerische Lichtshow sehr gut
vorstellen, aber dazu fehlt es derzeit noch an nötigen finanziellen
Mitteln. Gern würde ich das als Projekt mit einem oder mehreren
Künstlern verwirklichen. Also, wer Interesse an einer diesbezüglichen
Zusammenarbeit hat, möge sich bitte melden."
Die Musik und das
Konzept Expretus' sind sicher nicht unbedingt dazu angetan, bei den Konzerten
der Band Parties zu erwarten. Zuhören und sich intensiv mit dem Gebotenen
auseinanderzusetzen scheinen bei der zum Nachdenken anregenden Thematik eher
angebracht zu sein.
André
: "Sicher ist ein gesteigertes Maß an Aufmerksamkeit bei
unseren Auftritten erwünscht. Aber das sollte bei jeglichen Performances,
welcher Band auch immer, Voraussetzung sein. Auf der Bühne vermittelt man
eine ganze Menge von sich selbst, deshalb freue ich mich auch darüber,
wenn das Publikum sich mitreißen läßt und durch Aufmerksamkeit
und Applaus etwas an uns zurückgiebt. Viele Stücke unseres
Konzertprogramms sind schnell und tanzbar, wer sich dadurch in "Party"-und
Tanzlaune versetzen läßt, ist mit Sicherheit nicht fehl am
Platze."
Michael Kuhlen
(OBLVION) für GOTHICWORLD
Expretus-Homepage: www.expretus.de, Lichtbringer, P.O.Box 160
119, 01287 Dresden
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