exclusive interview:
Alexander
Veljanov - Romantischer Zyniker oder zynischer
Romantiker?
Alexander Veljanov ist keines von beiden. Weder ist er der
Zyniker, der seine Worte und seine Musik hinter einer romantische Ader zu
verstecken sucht, noch ist er der Romantiker, der sein Heil in der Flucht in
zynische künstlerische Ausdrucksformen sieht. Alexander Veljanov ist
Künstler, und das mit Leib und Seele und aus vollem Herzen. Seine Musik
und seine Texte sind Ausdruck seines unbedingten Willens, sich der Welt
mitzuteilen und die Welt teilhaben zu lassen an dem Talent, was ihm in die
Wiege gelegt wurde. Sicherlich, Künstler haben einen Hang exzentrisch zu
sein, sich außerhalb dessen zu präsentieren, was durch die
Gesellschaft als Norm legitimiert wird. Auf der anderen Seite sind
Künstler jedoch Menschen, die mit ihrer Kunst unterhalten, Menschen zum
Nachdenken anregen wollen und für sich selbst nach neuen
künstlerischen Ausdrucksformen suchen.
Vor diesem Hintergrund gilt
es, "Sweet Life", das zweite Solo-Album des Deine Lakaien Frontmannes Alexander
Veljanov zu betrachten. Während er schon wieder zusammen mit Ernst Horn am
neuen Album der Lakaien arbeitet und Konzerte als Solo.Künstler
vorbereitet, gilt es das Solo-Album zu promoten, das Alexander zum ersten Mal
über einen längeren Zeitraum ins Ausland, nach London um genau zu
sein, führte, wo er zum ersten Mal mit ausländischen Musikern und
seinem Produzenten Dave Young, mit dem zusammen bereits "Secrets Of The Silver
Tongue" entstand, zusammenarbeitete.
Veljanov: "Da Dave Young in London lebt, war es
naheliegend, auch in England zu arbeiten. Das war nicht ein unbedingtes
Muß, aber es hat sich als absolut positive Entscheidung herausgestellt,
denn in London konnte ich dann auch neue Inspiration finden, habe die Stadt auf
mich wirken lassen und war sehr kreativ. Wir hatten keine Hänger und das
Album ist wirklich schon erarbeitet worden. Es ist schön entspannt, voller
Energie, und ich weiß mittlerweile durch die Interviews, daß es von
vielen auch als sehr entspannt, sehr bunt und sehr vielseitig empfunden wird. "
Im Gegensatz zum ersten Solo-Album, das
sicherlich auch unter dem Eindruck des Jugoslawien-Krieges entstand,
während man bei "Sweet Life", trotz all der Strapazen, die der Erfolg der
Lakaien mit sich brachte, eine gewisse Lockerheit zu verspüren vermag.
Veljanov: "Das erste Album
ist in Etappen enstanden, hat sich entwickelt und über drei Jahre
hingezogen. Das war anfangs auch nicht so als Album gedacht. Ich habe halt dann
irgendwann die Songs genommen und dann dieses Album geformt. Diesmal war der
Ansatz der, daß man am Stück als Team zu zweit, ein Produzent und
ein Sänger als Songwriterteam, ein Album, ein Stück ganz speziell auf
mich als Sänger hin konzipiert und umsetzt; und stilistisch noch freier
arbeitet. Das erste Album ist ja eher ein erdiges geworden, ein
gitarrenlastiges, ein harsches Album, sperrig für viele. Auch ganz
deutlich im Sound abgegrenzt zu den Lakaien, ohne Verwendung von elektronischen
Instrumenten. Das ist jetzt alles anders und sehr viel offener. Stilistisch und
auch vom Arrangement her, und was die Coverversionen betrifft, so sind ja drei
ganz alte Nummern dabei. "
Es scheint auch so,
daß Alxander mit diesem zweiten Album seine Identität als
Solo-Künstler gefunden hat und sehr genau wußte, in welche Richtung
sich das Album bewegen sollte.
Veljanov: "Ja, beim ersten war es, wie gesagt so,
daß es Spaß gemacht hat, mit den Jungs Songs zu machein, Im Team
mit den drei Muskern. Und entspannter...ja klar. Erstmal als Solist etabliert,
in der Kritk akzeptiert und respektiert, dadurch für die Lakaien wieder
neue Leute gewonnen, auch in den Medien, und der große Erfolg von
"Kasmodiah". Das hat einen natürlich auch "verfolgt". Ich fühlte mich
auch schon sehr "gesettled" als Künstler, und das sollte man ja auch sein.
"
"Sweet Life" ist in London entstanden, einer
Weltmetropole, in der die Kulturen zusammenfließen und in der es,
zumindest auf den ersten Anschein, keine Barrieren und Grenzen gibt. Im
Gegensatz zu Berlin, der Wahlheimat Alexanders, in der die physische Mauer,
welche die Stadt in zwei Teile gliederte zwar mittlerweile Geschichte ist, die
Mauer in den Köpfen der Menschen aber leider noch nicht.
Veljanov: "London hat mir im
Vergleich halt doch auch wieder gezeigt, auch wenn ich schon öfter dort
war, wenn auch nie so konzentriert und lange, daß Berlin eigentlich ein
Dorf ist und nicht die Weltmetropole. In London lebt die Welt. Dort sind die
Plattenfirmen, dort ist Kultur, alles ist selbstverständlich,
weltstädtisch eben. Die Stadt ist auch durch die Geschichte nicht so
vergewaltigt worden, obwohl die Vergewaltigung natürlich selbst
begründet wurde durch den Nationalsozialismus."
Das Ergebnis dieser Weltoffenheit läßt sich
nachhören. So überrascht Veljanov seiner Zuhörer mit
musikalischen Details, die den Romantiker in einem neuen, für viele
wahrscheinlich sehr unerwartetem Licht präsentieren, denn dezente
Reggae-Anklänge der Marke UB 40 wie in "Longer Longer" hätte wohl
niemand erwartet.
Veljanov:
"Aha (grübelt)...das ist erstaundlich, und du hast recht. Du bist der
erste, dem das aufgefallen ist. Dieser Song hätte auch von UB 40 als
Reggae-Song konzipiert werden können. Meine Idee war allerdings eher so in
Richtung Dusty Springfield oder Northern Soul., dieser swingende Beat."
Nicht ganz so überraschend mag da "In My
Room" erscheinen, das über einen Walzertakt verfügt.
Veljanov: "Das ist ein
dreiviertel Takt. Ja, sehr gut. Noch ein Punkt für dich. Du bist nicht
zufällig Musiker?"
äußert ein
sichtlich verblüffter Alexander, den ich jedoch beruhigen kann, denn neben
der Schreiberei habe ich halt beruflich sehr viel mit Musik zu tun.
Veljanov: "Das heißt ja
nichts. Es gibt genug Volltrottel im Musikjournalismus, die überhaupt
keine Ahnung haben. Nee, das stimmt aber. Das ist ein Walzer, aber eine
Coverversion und in sofern nicht auf meinem Mist gewachsen."
Das erklärt auch diese varietémäßige
Flair, das sich als stilprägendes Merkmal durch das ganze Lied zieht.
Veljanov: "Er besitzt sehr
viel Pathos, ist ein Chanson und im Original ein spanisches Lied, das dort "El
Amor" heißt. Bekannt ist es eigentlich hauptsächlich, und so habe
ich es als Kind auch kennen und lieben gelernt und versucht es umzusetzen, von
den Walker Brothers, Ende der Sechziger. Scott Walker und seine damalige Band.
Das ist so ein großer Orchester-Pop gewesen und "The sun ain't gonna
shine anymore" war ihr größer Nummer Eins-Hit. Scott Walker wird ja
heute als einer der größten Sänger der Pop-Geschichte gesehen.
"
Weiter geht es mit "Chains of Steel", wo es
Alexander zusammen mit seinem Songwriting-Partner Dave Young gelungen ist ein
Flair und eine musikalische Stimmung zu erzeugen, die sehr an die
legendäre Alexandra ("Mein Freund der Baum") erinnert.
Veljanov: "Das war eher der
Versuch einen zeitlosen Popsong in drei Minuten zu schreiben, der sich
allerdings schon deutlich an die sechziger Jahre und diese musikalische Sparte
anlehnt. Phil Spector, Roy Orbison und solche Sachen. Die Meinungen in Bezug
auf diesen Song gehen sehr auseinander. Einige Journalisten finden, das ist der
beste Song auf dem Album, und andere sagen, daß dies der einzige ist, der
ihnen nicht gefällt. "Chains of Steel" polarisiert sehr. Ich bin froh,
daß ich damit auch etwas Diskussionsstoff liefere und nicht nur gefallen
will. "
Was manchen beim Hören des Albums
wahrscheinlich gar nicht auffallen wird, ist die Tatsache, daß das
Titelstück "Sweet Life" gleich in zwei Versionen vertreten ist. Einmal in
der englischen Version und dann, als abschließendes Lied des Albums, in
mazedonsicher Sprache ("Blag Zhivot"). Außerdem verfügt "Sweet Life"
über einen Cha Cha-Rhythmus, was Alexander mit einem herzlichem
Gelächter quittiert.
Veljanov: "Oh, das ist jetzt aber gemein (lacht).
Also eigentlich nicht, aber vielleicht kann man ja einen Cha Cha drauf tanzen.
Das war eigentlich so als hypnotischer Ritual-Tanz für die Szene gedacht.
Ich finde, das ist ein sehr szenekompatibler Song, verschwörerisch,
hypnotisch, mit ein wenig Reminiszenzen an die Doors. Ich wollte den Song auch
in mazedonischer Sprache machen, denn ich finde, das paßt sehr gut. Die
Übersetzung ist eine sinngemäße Übersetzung des englischen
Textes, der die Basis war. "
Das klingt fast so,
als ob du dir beim Komponieren schon Gedanken gemacht hast, einen Song
maßgerecht und vor allem bewußt auf die Tanztempel unserer Nation
zuzuschneidern.
Veljanov:
"Ach nein. Das wäre schon komisch, wenn man jetzt sagen würde "das
mache ich für den oder für den". Die Songs stehen und fallen in der
Entwicklung mit dem eigenen Gefühl, ob man das gut findet, ob man das als
Herausforderung empfindet, als schön...was auch immer. Während der
Arbeit merkt man dann, vor allem wenn es Richtung Endarrangement geht, "ja, da
möchte ich mehr eine Tanzbarkeit betonen oder da möchte ich mehr eine
Gesangslinie betonen", welche Version man dann nimmt. Das ist ein
fließender Prozeß und man arbeitet einige Wochem am Stück an
der Endproduktion und dem Mix, und am Ende glaubt man zu wissen, daß
dieses oder jenes Stück eine gute Single sein oder etwas für einen
Dark Wave- oder Alternative-Club sein könnte. Solche Gedanken kommen, sind
aber im Entstehungsprozeß nicht maßgeblich. "
Pathetische Worte finden sich im mitgelieferten Info zum neuen
Album wieder. Dort heißt: "Ein Album voller Lust, Liebe und Leidenschaft"
voller "...verloren geglaubter Träume". Diese Zutandsbeschreibung
läßt eigentlich nur den Schluß zu, daß du, vielleicht in
dir selbst oder in deinem Tun als Künstler, Dinge und Emotionen
wiederentdeckt hast, die in diesem Maße vorher nicht oder nicht mehr
vorhanden waren.
Veljanov:
"Ja, aber das ist immer so. Man braucht ja immer wieder diesen Prozeß der
Erneuerung, der Re-Creation nach einer sehr antrengenden Phase im Beruf als
Musiker. "Kasmodiah" so erfolgreich und so schön es auch war, am
Schluß war es ein absoluter Schlauch und als Ende Dezember das letzte
Konzert endlich vorüber war, habe ich mich für eine Phase vollkommen
zurückgezogen, bis dann der Frühling kam und David mich quasi nach
London geprügelt hat (lacht). Gefunden habe ich dann auch wieder diese
ursprüngliche Intention, die Leidenschaft am Gesang zum Beruf zu
erklären, die Leidenschaft an der Musik, der eigenen, und dies den Leuten
auch weitergeben zu wollen. Die Eitelkeit, denn es ist ja auch immer ein
Stück Eitelkeit, wenn man sich in der Öffentlichkeit mit seiner
Stimme positioniert. Mir macht es Spaß, dies mit anderen Menschen zu
teilen, meine Gefühle auf diese Art auszudrücken und es gibt viele
Menschen, die das als schön und für sich wertvoll empfinden. Dieser
Wunsch war wieder da, Musik abzuliefern, und zwar nicht aufgrund der
Vertragserfüllung, sondern in meiner Aufgabe als Künstler, um es
etwas geschwollen auszudrücken. Ich verstehe mich schon als jemand, dem
dieses Talent gegeben ist und das er dieses Talent auf diese Art und Weise mit
anderen teilen sollte. "
Dabei ist der Grat, was
die Intensität und die Güte eines Konzertes und die direkte
Konfrontation mit dem Publikum ausmacht, ein sehr schmaler. Die Empfindung und
die Befriedigung, die man bei einem Konzert als Künstler erfährt, mag
in dem eigenen Anspruch an sich und dem Gebotenem liegen. Andererseits mag die
Begeisterung des Publikums über das Gebotene euphorische Formen annehmen,
während man als Künstler mit sich und der Präsentation als
solcher unzufrieden und im Unreinen ist. Was also macht ein gutes Konzert
für dich persönlich aus?
Veljanov: "Ich denke, daß das
Glücksgefühl nach oder während eines Konzertes stellt sich dann
ein, wenn man das Gefühl hat, gut zu sein und man den Eindruck gewinnt,
daß das Publikum dies merkt, honoriert und auch wieder zurück gibt.
Wenn sich also dieser Kreis des Nehmens und Gebens wieder schließt. Ich,
oder wir, geben "oben", es kommt "unten" an und wird auch dankbar aufgenommen
und mit viel Gefühl wieder zurückgegeben. Das ist der schönste
Moment bei einem Konzert. Das kann aber auch anders sein, wenn der Funke
einfach nicht überspringt."
Das vielleicht
beeindruckendste Lied des Albums ist "Das Lied vom einsamen Mädchen",
einer Adaption eines Titels, das bereits Weltstars wie Hildegard Knef, Marlene
Dietrich und auch Nico gesungen haben. Die Idee, dieses Lied aufzunehmen, kam
von Dave Young, der dieses Stück seinerzeit mit Nico und John Cale
produziert hat und das trotz aller Zweifel wie geschaffen zu sein scheint
für die Stimme Veljanovs.
Veljanov: "Das war auch das Stück, bei dem
ich am längsten unsicher war. Ganz am Schluß, als es dann schon
aufgenommen und fertig war, habe ich immer noch nicht genau gewußt, und
da habe ich mich dann auf David und die Leute, die die Produktion begleitet
haben, verlassen, ob ich das Stück veröffentlichen soll. Jetzt werde
ich in jedem Interview auf das Lied angesprochen und es scheint, als war dies
die richtige Entscheidung. Aber es ist natürlich verdammt heikel, sich an
so etwas zu wagen. "
Neben "Lass mich" ist dies
das zweite, in deutscher Sprache veröffentlichte Stück, sowohl von
dir als Solokünstler als auch in der Zusammenarbeit mit Ernst Horn bei
Deine Lakaien. Während "Lass mich" vom Text her eher sehr fragmentarisch
daher kommt und "Das Lied vom einsamen Mädchen" kein eigener Text ist,
erscheint die Frage nach dem Verfassen und dem Vertoneneines deutschen Textes
beinahe zwangsläufig.
Veljanov: "Das habe ich auch schon gemacht, aber
nicht veröffentlicht. Ich denke, die deutsche Sprache eignet sich nur
für bestimmte Musikstile. Da meine Stimme kein mitteleuropäisches,
sondern so ein slavisches Timbre hat, ist es sowieso ein bißchen
schwieriger. Als Chanson könnte es ja funktionieren, bei Element of Crime
funktionert es auch, aber das ist eine andere Form des Gesangs, Blixa Bargeld
funktioniert auf deutsch auch gut, wenn man das mag, aber das ist ja eine ganz
andere Art von Sängern, so eher die Schauspieler- oder Theatersänger.
Ich bin ein Sängersänger. Ich male viel mit der Farbe der Stimme. Auf
dem Album sind sehr viele mehrstimmige Backing Vocals, die ich alle selbst
eingesungen habe. Deutsch funktioniert bei Brecht, bei Weil, in den Zwanzigern
und Dreißigern und bei so einem Lied, das Anfang der Vierziger
geschrieben wurde, im deutschen Hip Hop, oder was auch immer, aber ich denke,
die Musik der Lakaien könnte ich mir höchstens als Balladen in
deutscher Sprache vorstellen. Es muß aber auch wirklich zum Song passen.
Vielleicht kommt es aber auch daher, daß, als wir 1985 anfingen, die "eue
Deutsche Welle" am Erdboden lag und die deutsche Sprache zum Teil arg verhunzt
war. Vielleicht kommt das auch daher, weil ich diese Zeit sehr aktiv erlebt
habe. Am Anfang gab es "Eisbär" und Grauzone und da gab es wunderbare
Sachen, aber am Schluß gab es irgendwelche Fräulein Menkes. "
Lautmalerei, so könnte man Alexander's Gesang
und seine Vorstellung vom Singen bezeichnen, und so sieht er seinen
künstlerischen Beitrag auch, wie das Zitat aus dem Info belegt: "Ich denke
Musik in Bildern". Wäre es da nicht auch interessant zu erfahren, ob man
auch Bilder in Musik transferieren kann, also Musik zu einem Film schreiben
kann? Veljanov: "Das könnte
ich mir durchaus vorstellen und wäre vielleicht später mal ein Ziel.
Wir haben auch schon Angebote bekommen, aber es war nichts dabei, was uns
wirklich überzeugt hätte. "
Michael Kuhlen (OBLVION) für
GOTHICWORLD
Das CD-Review zu "The Sweet Life" gibts
hier !
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