Live-Review: CASTLE ROCK-Festival 20.07. Schloß Broich, Mühlheim a.d.
Ruhr
Das "Castle Rock" ging dieses Jahr in seine dritte Runde. Nach
dem es sich schon in den Vorjahren als kleines, aber sehr feines Fest entpuppt
hatte, das mit einer fast einzigartigen Lokation aufwarten konnte, galt es nun
diesen Anspruch zu bestätigen oder zu steigern. Ein Wort voraus: Es hat
funktioniert!
Wie gesagt das mitten in Mülheim gelegene
Schloß Broich ist ansich schon eine Reise wert. Klein, sehr
übersichtlich, aber um so schöner kann man es einerseits von einer
starkbefahrenen Kreuzung, auf der Rückseite aber auch von einem Park
betreten. Und gerade in seiner Überschaulichkeit liegt auch der Charme,
nicht nur dieses Schlosses, sondern des ganzen Festes. An nur einem Tag, mit
wenigen Ständen sehr beschaulich und übersichtlich, dafür aber
mit einem umso besseren Liveprogramm aufwartend das in dieser
Größenordnung seines Gleichen sucht.
Ab 12:30 war Einlass. Die
schmiedeeiserne Pforte öffnete sich zum Schlosshof hin und ließ die
selbst um diese Zeit schon recht zahlreichen "schwarzen Gesellen" aber auch
immer wieder schon fast erfrischend normal Gekleidete hineinfluten. Was
übrigens auch schon kein Wunder war und vor allem als Kompliment
durchgehen dürfte, war die Tatsache das diese Veranstaltung schon zwei
Wochen vorher restlos ausverkauft war und selbst wir absolut verpennten
"Pressefuzies" von der GothicWorld fast schon Schwierigkeiten hatten noch dabei
zu sein. (Ja der frühe Vogel fängt den Wurm. An dieser Stelle aber
schon mal einen! Dank an Micha vorne weg.)
Dieses garantierte aber
auch, das der Schlosshof nicht gnadenlos überfüllt sein würde,
man also von eigentlich von jedem Standpunkt die Bühne gut sehen konnte
und die im Innern befindlichen Wassertoiletten relativ sauber blieben. Die
erste halbe Stunde konnte man sich einen Überblick verschaffen, schon mal
den Getränkestand stürmen, eine Bratwurst essen, schnell ein bisschen
Räucherware, Magiebücher oder ein paar Kerzenständer erstehen,
das Übliche halt. Nur in diesem kleinen Arrangement schon wieder durchaus
reizvoll.
Ab 13:00 ging es dann los und das Programm war so geballt,
das man kaum eine Atempause hatte, um sich eventuell auf die Wiese im Park
hinter dem Schloss auszuruhen und von "Normalos" angaffen zu lassen... es sei
denn man war bereit auf die eine oder andere Band zu verzichten. (Das
Kompliment geht an die Roadies und Techniker, die so erstaunlich kurze
Umbaupausen hinlegten, das selbst ein Reifenwechsel bei der Formal-1
länger zu dauern schien!!)
Als erstes
enterten TECHNOIR die Bühne. Kaum bekannt und außerdem
mit dem Schicksal der zuerst auftretenden Band machten sie doch ihre Sache
recht gut. Flüchtig eingeordnet könnte man durchaus sagen, das ihr
Bandname Programm ist. Dunkler Techno, mit Synthie-Pop-Einflüssen, der
seinen Reiz in erster Linie durch die sehr gute Sängerin erhielt.
Aufgefallen ist vor allem die "Love Like Blood" Coverversion der Kulthelden
Killing Joke. Wie gesagt, später und mit besserer Lightshow, oder eher in
nem kleinen Club zum Abtanzen, durchaus sehr zu empfehlen. Hier aber trotz
aller Widrigkeiten noch erstaunlich gut angekommen.
Als nächstes
standen LOST BELIEF auf der Bühne, was mir persönlich nicht so
behagte. Der mit fast nacktem Oberkörper, Schwert, Ketten und Fackeln
hantierende Sänger, erinnerte mich zu sehr an zu oft Gesehenes. Vor allem
schon Besser. Das alles war zu sehr irgendwo zwischen Oomph, Rammstein oder
eher noch dem immer peinlicher werdenden Witt angesiedelt, all diese
stampfenden Rhythmen, die harten Gitarren, die Comichaften bösartigen
Attitüden, das teutonische "Rrrrr", die tiefe Stimme.... Vielleicht
lässt man sich doch mal wieder was neues einfallen.
Da waren die
kurz darauf folgenden THE DREAMSIDE schon die bessere Wahl. Mit ihrem
kunstvollen, manchmal bombastischen Gothicmetal, der sehr barock vorgetragen
wurde, durch seine perfekten Melodien/Arrangements bestach und wieder einmal
durch die Sängerin. Kaum einer der diese Band nur von der Scheibe her
kennt, hätte hinter dieser Stimme dann die kleine, zierliche Person mit
ihrer venizianischen Carnevalsmaske erwartet, welche im Endeffekt auf der
Bühne stand und nicht nur das männliche Publikum verzauberte. Wie
gesagt, die Geschichte war sehr schön dargeboten und passte optisch, wie
auch musikalisch schon weit aus besser in die ehrwürdigen Schlossmauern.
Der nächste Act dann schon hörbar
mehr umjubelt. Hatte ich ZERAPHINE ja schon auf dem Zillo bewundert, gab
sich dann hier die Möglichkeit, den Mannen um Sven Friedrich mehr
Aufmerksamkeit zu widmen. Wie gesagt man hatte die Bühne eigentlich immer
im Blick. Der Sound war gut und Sven Friedrich bewies das er einer der wenigen
Popstars der Gothicszene ist. Von verwiegend weiblichen Fans stürmisch
umjubelt, zeigte er die gesamte Bandbreite seines gesanglichen Könnens und
seiner charismatischen Bühnenpräsenz... Meine Fresse der Typ ist
wirklich schön, so das man als männlicher Besucher schon hin und
wieder ein Auge auf seine Freundin werfen musste um diese nicht zu verlieren.
Auch musikalisch bewiesen die Jungs das sich die Abkehr von einer musikalisch
übermächtigen Legende wie die Dreadful Shadows durchaus gelohnt hat,
ebenso wie die Hinwendung zur deutschen Sprache. Zeraphine das ist
melancholischer Gothcirock mit einem Schuss Härte, einer beeindruckenden
Stimme und guten Texten.
Im Anschluss
daran begann dann die Riege der Musiker die Bühne zu bevölkern, die
wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge genau in diese Location passen.
Was Anderes als all die vielen Mittelalter, oder zumindest ähnlich
gearteten Bands passt in einen Schlosshof. So das selbst ein nicht genau
erklärter Stromausfall den Leuten von SCHANDMAUL zwar einen
unvorbereiteten Akustikgig verschafften, welchen sie aber trotzdem mit einer
Bravour und Energie absolvierten, das selbst das "normale" Publikum des
Stadtparks hin und wieder Einlass begehrte und an den vorbildlichen
Sicherheitsleuten scheiterte. Die meisten blieben aber weiterhin staunend am
Eingang stehen und man sah ihnen an, das sie von diesem verrückten,
komisch aussehenden Grufties vielleicht doch etwas anderes erwartet
hätten, als das frenetische Bejubeln von Dudelsäcken, Pauken und
anderen akustischen Instrumenten.
Mit Würde und Energie ging es dann
weiter als die verrückten Geiger und Rocker von LETZTE INSTANZ
einen ebenso melodischen wie brachialen Auftritt hinlegten. Auch wenn sie ja
nun nicht unbedingt in die Mittelalterecke zu drängen sind, so passte ihre
Mischung aus wildem Gesang, harten Gitarren und klagender Violine in die alten
Mauern dieses Schlosses wie kaum eine andere Band vorher.
Höhepunkt des Abends waren dann zweifellos aber IN EXTREMO.
Mit ihrer phantastischen Pyroshow, die kein bisschen wie bei Rammstein
geklaut aussieht, dem perfekten musikalischem Zusammenspiel aus Gitarren,
Dudelsäcken, Schlagzeug, Pauken und Harfe... einem gutgelaunten
Sänger, der sprachlich, gestisch und vor allem auch von seiner
"Ruhrpott-Begrüßung" positiv an den alten Campino erinnerte... Das
Bier war zu diesem Zeitpunkt schon in Strömen geflossen, was einige, meist
dicke Männer mit freiem Oberkörper (warum eigentlich immer die
Dicken?) zum wilden Pogen und einigen Exzessen antrieb. So das sie sich
gegenseitig immer wieder über die Absperrung und in die Arme der nun
zahlreich versammelten Securityleute warfen. Ein Treiben das nicht zu Letzt mit
einer scharfen und stark Beklatschten Zurechtweisung des In Extremo
Sängers etwas gebremst wurde.
Inzwischen war es dunkel geworden, die
Bänke unter den altehrwürdigen Bäumen im Schlosshof relativ
leer, da sich das meiste Volk vor der Bühne tummelte, die alten
Schlossmauern warfen bedrohliche Schatten über die Menge, und bei In
Extremo knallte, dudelte, blitzte und schrammelte es, das es nur so ein Freude
war. Dies Band ist live ein absolutes Ereignis und für mich der Beweis das
sie eine der wenigen wirklich guten Mittelalterrocker sind, die eben
musikalische und textliche Elemente aus beiden Genres so perfekt miteinander
verbinden. Auf Grund des vom Ordnungsamt verordneten Zeitrahmens, gab es nur
eine kurze Zugabe, welche aber genialerweise mit "Spielmannsfluch" endete.
Nun ich weiß nicht, welch dunkle Riten und Zeremonien die
Veranstalter des "Castle Rock" im Vorfeld veranstaltet hatten. Nur war des
Wetter entgegen der vorhergegangenen Tage einfach nur geil. Die Sonne schien,
es wehte ein laues Lüftchen, so das es nie zu warm wurde und in eben jenem
Moment wo In Extremo "Es regnet, es regnet Blut- Es regnet, es regnet
Spielmannsfluch" beendet hatten, kam plötzlich ein mächtiger Wind
auf, der kurz darauf in einen peitschenden regen überging und den
Schlosshof leer fegte.
Ein würdiger Abschluss, auch wenn er die
Heimreise erschwerte. Aber nach so einem gelungenem, wunderschönen Tag
auch kein Grund zum Frust mehr. Insgesamt also hat sich das "Castle Rock" zu
einem kleinen aber sehr feinen Festival gemausert, dem man nur wünschen
kann, dass es im nächsten Jahr schon einen Monat vorher ausverkauft ist.
An dieser Stelle also stellvertretend für alle Beteiligten, meinen Dank an
den idealistischen und engagierten Veranstalter Michael Bohnes.
Thomas Sabottka für
GOTHICWORLD
Photos mit freundlicher Genehmigung von
www.pandaros.de
Festival-Page:
www.kulturbetrieb.de/castlerock/2002/index3.htm
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