exclusive interview:
HELIUM VOLA:
- "Umtriebiger
Minnesänger"
Keine Ahnung, ob es eine mittelalterliche Umschreibung des
Begriffes "Workaholic" gibt, aber wenn, Ernst Horn würde durch sie wohl am
Besten charkaterisiert. Nicht nur, daß er mit Alexander Veljanov in den
letzten Wochen und Monaten intensiv am Anfang des nächsten Jahres
erscheinenden neuen DEINE LAKAIEN-Album gearbeitet hat, dessen Vorabsingle
"Generators" justament erscheinen ist, nein, mit HELIUM VOLA, einem Soloprojekt
in der musikalischen Crossover-Schnittmenge aus Klassik und elektronischer
Moderne in der Tradition QNTAL's, hat er ein weiteres heißes Eisen im
Feuer. "Omnis Mundis Creatura", die erste Single aus dem Album, konnte bereits
für Aufmerksamkeit sorgen, sorgte doch vor allem die faszinierende
Kombination Ernst Horn'schen Kompositionsgenies in Verbindung mit der
großartigen Stimme Sabine Lutzenbergers für grenzenloses und
unbeschreibliches Hörvergnügen. Dieser musikalische
Höchstgenuß setzt sich nahtlos auf dem neuen Album fort, wobei die
musikalische Vielseitigkeit über die volle Länge eines Albums noch
einmal erheblich an Bedeutung gewinnt.
GW: Erlaubt sei jedoch die Frage, warum Ernst
Horn nach Qntal, mit denen er zwei sehr ähnliche und vor allem sehr
erfolgreiche Alben veröffentlicht hat, nun mit Helium Vola ein weiteres
Projekt verfolgt, das sich musikalisch nur marginal von Qntal unterscheidet?
Ernst Horn: >> Gute Frage. Weil
ich bei Qntal nicht mehr dabei bin und ich weiterhin Musik mache. <<
eröffnet Ernst unser Gespräch. >> Qntal wird es ja weiterhin
geben, wird aber auch ein bißchen anders werden. Wir haben Michael und
Sigrid als Komponisten nicht mehr dabei, die ja auch einige Stücke
geschrieben haben. Das war musikalisch schon eine andere Farbe. Auffällige
Stücke oder Sachen, die halt jetzt am Besten laufen wie "Omnis Mundi
Creaturi", sind zu den Stücken von Qntal, die ich geschrieben habe, schon
sehr ähnlich. Hinzu kommt, daß es auch andere Sänger sind und
ich jetzt auch viel mehr für Ensembles schreibe. Es sind auch
Männerstimmen und mehrstimmiger Gesang dabei. Es ist also schon eine etwas
andere Richtung und ich hoffe, daß es sich auch noch weiter entwickelt.
<<
GW:
Die musikalischen Quellen, auf die sich viele Bands berufen, die
sich mit dem Mittelalter, in welcher musikalischen Form auch immer, beziehen,
sind, wie z.B. die Carmina Burana, alt bekannt. So ergeben sich in der
textlichen Auswahl nur geringe Unterschiede zu Qntal, auch wenn Helium Vola
bestrebt sind, zusätzlich zu diesen bekannten Quellen neue Wege zu
beschreiten, indem sich sich literarischen Quellen anderer Länder
zuwenden, und auch Sabine Lutzenberger bringt neue Einflüße mit ein.
Ernst Horn: >> Sabine hat selbst
zwei Stücke mitgebracht. Ein bislang unveröffentlichtes sowie
"Begirlich in dem hertzen min". Beides sind traditionell alte Stücke und
Kompositionen. Im Prinzip ist Helium Vola ein Solo-Projekt von mir, aber
thematisch arbeiten wir nicht anders, als bei Qntal. In dieser Hinsicht war ich
aber immer eher pragmatisch als nun sonderlich tief in der Historie
rumschürfend. Ich habe mir über die Jahre so einiges an Büchern
über mittelalterliche Poesie, Lyrik und Poesie allgemein gekauft, und
klopfe diese Sachen einfach nach Themen ab, die mir gefallen und die mich
ansprechen. Auch vom sprachlichen her, denn gerade das Provenzialische liebe
ich besonders. Ich suche weiterhin auch nach Strukturen im Gedicht selber, die
mir für eine Komposition einfach entgegenkommen und aus denen man ein
gutes Lied machen kann. Ich lese die alten Gedichte und die Lyrik und habe als
Komponist dann das Bedürfnis, dieses umzusetzen. Das ist eine ganz
einfache und pragmatische Herangehensweise von mir. <<
GW: Wie muß man sich die Arbeitsweise bei
Helium Vola vorstellen? Greift man auf überlieferte Melodiefragmente
zurück in die man die alten Texte einpaßt, oder wird die Musik
kpmplett neu komponiert und arrangiert und auf den jeweiligen Text
zugeschniten? Ernst Horn: >> Bei
Helium Vola gibt es nur "Begirlich in dem hertzen min", wo wir auf eine alte
Melodie zurückgreifen. Das heißt aber nicht, daß ich das in
Zukunft nicht auch vermehrt machen sollte. Ich habe mich bislang relativ wenig
damit beschäftigt, da mein Ansatz bisher immer die Suche nach Texten war.
Mich fasziniert einfach diese Dichtung, und ich verstehe mich dann als
Komponist. Bei Qntal haben wir zum Teil ja auch so gearbeitet, wenn du dir das
"Palästinalied" anschaust". <<
GW:
Ist solch eine Arbeitsweise schwieriger umzusetzen als zum Besipiel
die Arbeit mit Deine Lakaien? Ernst Horn:
>> Eigentlich ein bißchen einfacher. Das Texten bei den
Lakaien ist für mich ganz schön viel Arbeit. Ich feile immer
unheimlich lange an diesem Zeug rum. In sofern ist es einfach wahnsinnig
schön, in eine fertige Welt einzutauchen. Diese erste Zeit, wo man
Melodien zu diesen Texten entwickelt, ist eigentlich die allerschönste
Zeit. Da rumzuschürfen und zu suchen und sich dann vorzustellen, wie das
klingen könnte. Meistens bin ich dazu auch nicht zuhause sondern im
Café oder so und mache mir dann dort Notizen. Schwierig wird es dann
erst zu entscheiden, sollen wir in die eine oder lieber doch in die andere
Richtung gehen. Dann fängt erst die eigentliche Arbeit an, und die ist
dann nicht mehr so schön (lacht). <<
GW: Betrachtet man die Leichtigkeit und die
Unbeschwertheit, die die Musik von Helium Vola vermittelt, kommt man kaum auf
den Gedanken, daß Ernst Horn die Musk und all die Arbeit, die damit
verbunden ist, als Arbeit oder "9 to 5 Job" im herkömmlichen Sinne
versteht. Ernst Horn: >> Generell
gesprochen ist es natürlich ein schöner Beruf und eine schöne
befriedigende Arbeit. Im Detail ist es dann aber Knochenarbeit, da kann man gar
nichts dagegen machen. Das sind Sachen, speziell wenn man mit Elektronik
arbeitet oder als Instrumentalist, wenn man ständig üben muß,
die schon auch Gefrickel sind. Wenn man mit Samples arbeitet, dann sammelt man
im Laufe der Jahre Hunderte oder Tausende von Samples, was im Grunde nichts
anderes als eine Buchhaltertätigkeit ist. Du mußt die Samples
einzeln arbeiten, hier eine Filtereinstellung machen und dort die Settings
belegen, was oft schon wirkliche Knochenarbeit ist. Da muß man sich dann
häufig in den Hintern treten. Das ist aber für jeden Musiker so.
Fingersätze als Pianist üben, das muß einfach sein und ist oft
ganz anstrengende Arbeit. <<
GW:
Das klingt fast so, als ob Ernst Horn so manches Mal seinen inneren
"Schweinehund" überwinden und sich zur Arbeit zwingen muß. Ernst Horn: >> Ja sicher. Ich
wüßte manchmal tausend Sachen, die ich lieber machen würde
(lacht). Andererseits weiß ich aber auch, daß ich es durchziehen
muß. Und dann ist es ja auch schön. Es gibt auch schöne
Momente, wenn man das Gefühl hat, man hat etwas in die Gänge gebracht
und jetzt geht es in die richtige Richtung. Da kann man auch richtig euphorisch
werden. <<
GW: Eine Euphorie,
die wohl erst dann richtig zur Geltung kommen wird, wenn sich Helium Vola im
nächsten Jahr auch endlich live präsentieren. Bis dahin gilt es, die
Spannung aufrecht zu erhalten, die Zeit möglichst sinnvoll zu
überbrücken und sich an der eigenen Arbeit zu erfreuen. Ernst Horn: >> Wenn die Produktionen fertig
sind, dann vergeht eine gewisse Zeit bis man auf Tour geht. Diese Zeit ist aber
meist ausgefüllt mit irgendwelchen Dingen. Die ganze Promotion geht dann
los, man muß in den Proberaum um die ganze Sache vorzubereiten und man
muß die Elektronik so einrichten, das man live spielen kann. Es gibt
immer irgendwas zu tun. Wenn es irgendwie geht, fange ich dann meist auch mit
anderen Dingen an. <<
GW: Dem
Erfolg der Single nach zu urtielen gibt es nicht wenige, die einer Tour Helium
Vola's entgegenfiebern. Ernst Horn:
>> Ja, ich hoffe es doch und das freut mich natürlich.
Bei all der Kleinarbeit, die sehr mühselig ist, und der ganzen Zeit,
während der ich daran gearbeitet habe, war ich in einer richtigen
Hochstimmung. Ich hatte das Gefühl, daß ich da meinen alten
Idealismus wiedergefunden hab. Das ist dann so ausgewachsen und so unglaublich
viel geworden, daß ich manchmal das Gefühl gehabt habe, daß es
anfängt mich zu beherrschen. Das ist richtig schlimm geworden und dann
habe ich es auch abgebrochen. Eigentlich sollten es zwei CD's werden, aber ich
bin froh, daß es jetzt nur eine ist, denn so ist es letzten Endes runder
geworden. Es hatte sich wahnsinnig viel Material angehäuft. <<
GW: Mit dessen Schreiben Ernst nach
der letzten Lakaien-Tour im Winter 1999/2000 begonnen hat. Doch damit nicht
genug. Neben Deine Lakaien und Helium Vola werkelt der umtriebige Keyboarder
bereits am nächsten Projekt, über das aber lieber noch der Mantel des
Stillschweigens gebreitet werden soll, so Ernst geheimnisvoll. Ernst Horn: >> Das kann ich noch nicht
sagen, hihi... Nee, im Ernst, das ist noch dermaßen in den Kinderschuhen,
daß ich jetzt lieber noch nichts dazu raushaue. Hinterher wird das nichts
und ich stehe blöd da (lacht). Mit Helium Vola hat sich das letztes Jahr
im Herbst so ergeben. Ich habe gemerkt, daß ich das jetzt gleich machen
muß. Das hatte sehr viel auch mit den Terminen zu tun. Ich habe die
Sabine kennengelernt und dann hat es sich halt ergeben, daß sie auch nur
zu bestimmten Zeiten verfügbar war und ich mich dementsprechend ranhalten
mußte. Spätestens im Dezember war dann für mich klar, daß
ich nur noch das Eine mache. <<
GW:
Kreativität ist, im Gegensatz zu den bereits geschilderten
handwerklchen Fähigkeiten eines Musikers nicht progammier- und schon gar
nicht auf Kommando abrufbar. Fällt es daher schwer, unter einem zeitlichen
Druck zu arbeiten oder bedarf es sogar eines gewissen Druckes, um ein
bestmögliches Resultat zu erzielen? Ernst
Horn: >> Das ist eine gute Frage. Eingentlich nicht. Ich bin
in dieser Beziehung relativ einfach. Ich kann mich wirklich hinsetzen und im
allgemeinen kommt auch was, aber auch da ist es dann oft. Das erinnert mich
aber auch an einen buddhistischen Mönch, der wochenlang um die Erleuchtung
gerungen, gebeten und gefastet hat. Dann überkam ihn irgendwann die
Erleuchtung, und zwar beim Pinkeln. Das ist wirklich wahr und häufig sehr
banal. Im Prinzip ist etwas zeitlicher Druck aber okay. In der letzten Zeit ist
es halt blöd geworden, weil ich mit zwei Projekten zeitweise zeitlich doch
überfordert war. Dazu ging dann im Privatleben leider noch einiges in die
Binsen und auch beruflich ging einiges drunter und drüber, so daß
viel Zeugs gelichzeitig auf mich eingestürzt ist. Die letzten Monate war
es dann einfach nicht mehr so schön und im Moment ist es ziemlich am
Anschlag. Das ist dann eine Art von Druck, der dann nicht mehr gut ist. Aber
ein bißchen Druck kann sonst nicht schaden, wenn man einen Termin hat,
bis wann man die Dinge abgegeben haben muß. Dann hält man sich etwas
mehr dran, außer man ist ein Mensch, der einfach jeden Tag wie ein
Automat arbeiten kann. Ich muß mich allerdings jeden Tag treten. Das war
immer schon so. Das war schon beim Klavier üben so. <<
GW: Betrachtet man die verschiedenen
Ausdrucksformen, die die Musik des Mittelalters in den letzten Jahren erfahren
hat, fällt vor allem die Vielseitigkeit auf, die Bands wie Subway to
Sally, In Extremo, Tanzwut, Estamoie oder auch Corvus Corax
repräsentieren. Gibt es für Helium Vola in der musikalischen
Auseinandersetzung zwischen Mittelalter und Moderne Grenzen, welcher Art auch
immer, die man nicht überschreiten würde? Ernst Horn: >> Hm, das ist eine
interessante Frage. Ich weiß es nicht. Ich habe jetzt so meinen Stil und
ich denke es ist für mich das Beste, wenn ich da so einfach weiter arbeite
und erweitere, anstatt jetzt so eine richtige Kehrtwendung zu vollziehen. Ich
habe im Moment auch überhaupt nicht das Bedürfnis danach. Das ist
eben mein Ding und die anderen sollen halt ihr Ding machen. Das ist ja auch
schön, sonst wären wir ja alle gleich. <<
GW: Im Gegensatz zu Deine Lakaien, wo politische
Themen weitestgehend tabu sind, fällt bei Horn's Soloprojekten immer
wieder die Auseinandersetzung mit dem politischen Weltgeschehen auf. So auch
bei Helium Vola, wo eine der Angehörigen der Opfer der Kursk-Tragödie
per eingearbeitetem Sample zu Wort kommt. Warum melden sich Ernst Horn und
Alexander Veljanov nicht bei den Lakaien mit politischen Themen auseinander?
Ernst Horn: >> Das hat
wahrscheinlich damit zu tun, daß die Texte bei den Lakaien
tatsächlich von uns sind und wir als Songwriter und Texter anders
darüber denken, als wenn ich als Produzent irgendwelche Samples von
aktuellen Ereignissen irgendwo hinein schmeisse. Das ist aber auch eine Frage,
wo Alexander und ich schon andere Ansatzpunkte haben, weil wir aus
verschiedenen Lagern kommen. Eigentlich aber nur bei dieser Frage, denn
musikalisch verstehen wir uns wirklich gut. Es gibt aber auch Texte von uns, wo
wir uns mit politischen Dingen beschäftigen. "Mirror Man" zum Beispiel,
ein uraltes Stück von uns, das wir live bei jedem Konzert immer mit viel
Genuß zelebrieren.. Ein Stück, das sich eigentlich auch sehr mit der
momentanen Lage beschäftigt. Es ging damals um einen Terrorangriff im
Libanon, als ein arabischer Fundamentalist mit einem Lastwagen voller Dynamit
in eine US-Kaserne reingerauscht ist. Dieser Wille zum Selbstmord eint diesen
Mirror Man mit dem amerikanischen Präsidenten, der durch die Geschehnisse
gezwungen wird, sich auch die Hände schmutzig zu machen und somit auch
irgendwie zum Mörder zu werden. Das war auch schon ein politisches Thema,
aber es nie politisch in dem Sinn, daß wir sagen würden, was gut und
was böse ist oder was jetzt gemacht werden müßte. Wir versuchen
eher, diese Problematiken, die dahinter stecken, aufzuzeigen. <<
GW: Dabei fällt, wie bei
leider so vielen politischen oder religiösen Themen auf, daß nicht
nur das aktuelle politische Geschehen um die Terrorakte in den USA sondern auch
der Untergang der Kursk stellvertretend für den Verlust von Menschenleben
stehen, die aufgrund des Eintretens für falsche Ideale ihr Leben lassen
mußten. Ernst Horn: >>
Übertragen auf Helium Vola bedeutet das, das man der Jugend das Leben
versaut. Darum heißt dieses Stück "Iuvenes", wo diese Soldatenmutter
sich darüber beklagt, daß die Jugend und ihre Kinder für das
Militär verbraucht werden. Im Gegensatz dazu steht dann mit "Selig" ein
Maientanzlied, was für mich so den Inbegriff der Jugend darstellt. Nach
dem harten Winter früher im Mittelalter ist man dann auf die Wiese
gesprungen, es war endlich warm und die Hormone sind hochgestiegen. Das war
halt bei Helium Vola so ein bißchen die Idee. <<
GW: Hat Ernst Horn, auch und vor allem in seiner
Rolle als Vater, Angst vor dem politischen Geschehen dieser Tage? Ernst Horn: >> Konkrete Angst habe ich
nicht. Das ist aber auch Frage des Naturells. Ich bin kein Typ der nicht auf's
Oktoberfest gehen würde, weil er Angst vor einem Anschlag hätte. Mit
Kindern kommt man dann natürlich schon wieder mehr ins Grübeln. Ich
bin, wie alle, natürlich beunruhigt, weil man natürlich sieht, wie
jetzt alle unter Druck stehen. Auch der Bush steht unter Druck. Der ist
Präsident und hat um sich rum lauter Leute, die ihm sagen, "das mußt
du jetzt so oder so machen". Da würde es ihm auch wenig nutzen, wenn er
ein Superintellektueller wäre. Da wüßte er auch nicht, was er
machen müßte. Das Volk fordert ganz massiv bestimme Dinge von ihm,
und jetzt steht er da und muß eine Sache anleihern, von der Experten
sagen, daß es wahrscheinlich mehr Schaden als Nutzen anrichten wird. Das
ist eine ganz, ganz dumme Situation und die beunruhigt einen natürlich
schon. Ich glaube nicht, daß es einen dritten Weltkrieg gibt, aber es
kann schon im großen Stil zwei Kulturen gegeneinander bringen. Mit allem,
was man macht, eint man ja wieder eine Gegenseite, die sonst zerstritten ist.
<<
GW: Das Mittelalter wird
aus heutiger Sicht gerne romantisiert und meist über alle Gebühr
romantisiert, doch wird dabei vergessen, daß das tägliche
(Über)Leben meist sehr viel härter war, als heutzutage. Gibt es
dennoch Werte, Charakterzüge oder Dinge dieser verblichenen Zeit, die wir
übernehmen und daraus sogar etwas lernen könnten? Ernst Horn: >> Dann müßte man
davon ausgehen, daß es früher so sehr viel anders war. Es gab die
Kreuzzüge, wo man ins Morgendland gezogen ist, um die angeblich
christlichen Stätten wieder zu erobern. Da ging es natürlich auch um
Gebietsinteressen und um Handelswege. Ich weiß von daher nicht, ob es
wirklich anders war. Es gibt die mittelalterliche Mystik und in vielej
Köpfen gab es vielleicht auch noch so einen Kinderglauben, der bestimme
Sachen leichter gemacht hat, weil man bestimmte Dinge einfacher gesehen hat.
Den Tod zum Beispiel. Wenn man daran geglaubt hat, daß man seine Kinder
im Himmel wiedertrifft. Das ist natürlich einfacher, als auf ewig von
jemandem Abschied nehmen zu müssen. Das ist schon war und da beneide ich
heute die Leute schon ein bißchen drum, aber ich weiß auch gar
nicht, in wieweit so etwas wirklich das einzelne Handeln der Leute damals
motiviert hat. Ich glaube nicht, daß die Leute so viel anders waren, als
heute. Es ist doch immer wieder so schäbig alles. Glaub mir's. Es war auch
gar nicht immer unbeding der Glaubensfanatismus und das ist es im Islam ganz
bestimmt auch nicht. Da stecken oft ganz banale Interessen dahinter, auch bei
Fundamentalisten. Die Taliban wollen da auch drin sitzen, die wollen auch
beherrschen, und je länger sie dort sitzen und herrschen, desto mehr
bekommt so etwas auch materielle Qualitäten. In der Inquisition hat man ja
auch Leute auf den Scheiterhaufen gesetzt, um an ihre Häuser
heranzukommen. <<
GW: War die
Stellung eines Künstlers im Mittelalter generell eine andere als
heutzutage? Ernst Horn: >>
Erstmal hatten sie als fahrendes Volk, das zur untersten Klasse gehörte,
natürlich eine schlechtere Stellung. Es gab Ausnahmen, die es sehr weit
gebracht haben, Hofsänger zum Beispiel, die einen gewissen materiellen
Besitz anhäufen konnten. Ganz berühmt ist da ja das Gedicht von
Walther von der Vogelweide "Ich han min Lehen", wo er sich darüber
begeistert, daß er jetzt auch endlich eigenes Land hat. Das war aber eher
die Ausnahme. Die Anderen waren ganz schlecht angesehen. Wenn man gesungen hat,
war das wunderbar und es gab vielleicht auch einen Lohn, aber danach war
Schluß und man wollte mit den Leuten nichts zu tun haben. <<
GW: Es hat damals also sehr viel
mehr an Idealismus gebraucht, seinen Lebensunterhalt als Künstler zu
bestreiten? Ernst Horn: >> Ja.
Ist natürlich die Frage, in wieweit sie das aus freien Stücken
geworden sind, da so etwas ja häufig in den Familien von Generation zu
Generation weitergegeben wurde. Es hat aber sicher sehr viel mehr
Opferbereitschaft erfordert als heute. <<
Bleibt nur zu
hoffen, daß die Opferbereitschaft eines Ernst Horn und sein
künstlerisches Schaffen auch weiterhin derart gewürdigt wird, wie die
Erfolge von Deine Lakaien und (hoffentlich auch) Helium Vola gezeigt
haben. Michael Kuhlen
(OBLIVION) für die
GOTHICWORLD
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