exclusive interview:
RE-VISION: "Kleiner, musikalischer
Quantensprung"
Gothic-Metal, Gothic-Rock, ... - alles sehr
klischee-verklebt und von eingeschworenen Genregrößen fest gebucht,
so scheints. Um so mehr freut es, daß man aus Ecken, aus denen man es
gar nicht erst erwartet, mit neuen Impulsen und frischen Songideen
überrascht wird. Das jüngste Output von RE-VISION in Form eines
Killer-Albums "Longevity" ist so ein Fall. Grund genug, das mit ein paar
Fragen an die Band mal gründlich zu hinterleuchten:
GW: Also ich hab ehrlich nicht so ganz meinen
Ohren getraut, ob das auf "Longevity" wirklich die selbe Band ist, die vor
etwas mehr als einem Jahr unser GOTHICWORLD TREFFEN eröffnet hat! Zwischen
"Whore Venus" und dem neuen Album liegen doch Welten! Viagra oder was hat Euch
zu so einem Quantensprung verholfen? Re-Vision:
Als wir "Whore Venus" aufnahmen, waren die beiden Gitarristen erst
relativ kurz dabei, und vieles von dem aufgenommenen Material stammte noch von
den alten Gitarristen, als re-Vision noch mehr ein reines Metal-Ding war.
"Longevity" ist also eigentlich das erste "echte" re-Vision Album der aktuellen
Besetzung. Es gab natürlich eine starke musikalische Entwicklung seit
"Whore Venus", jeder konnte sich und seine Vorlieben viel mehr einbringen. Ich
habe auch meine alten Wave-Einflüsse mehr geltend gemacht als zuvor. Als
ich von Lane To The Grey zu re-Vision kam, habe ich mich anfangs voll auf das
Metal-Ding eingestellt, aber ich habe rausgefunden, daß es mir am besten
gefällt, wenn all diese Wave, Gothic und Metal Einflüsse
gleichberechtigt nebeneinander stehen. Dann passiert etwas besonderes ...
GW: Kann mir nun eigentlich nicht
vorstellen, daß Ihr selbst mit dem Ergebnis unzufrieden seid. Wie sehen
bisher die Reaktionen aus? Re-Vision:
Fast durchweg sehr gut. Wir haben uns musikalisch halt sehr stark
weiterentwickelt, und das kann natürlich nicht immer jedem gefallen. Aber
eigentlich fallen 99% der Reviews sehr positiv aus. Das Label ist auch sehr
zufrieden, obwohl es eigentlich ein reines Metal-Label ist. Bert (der
Labelchef) ist von "Longevity" sehr begeistert, und vielleicht hat das auch in
ihm was ausgelöst - er hat jedenfalls kürzlich mit "the experience"
die zweite Gothic Metal Band für B.Mind gesignt, hehe...
GW: Ihr habt auch ein paar illustre Gäste
mit auf dem Album. Erzählt doch mal wie es zu der Zusammenarbeit mit
Ex-IRON MAIDEN Paul Di'Anno und Kai Hoffmann und Cliff Evens kam. Re-Vision: Wir sind mit Paul und den Killers im
Winter 2000 auf kleiner Tour durch Mitteleuropa gewesen, und haben uns einfach
super verstanden. Als wir dann im Studio an den "Longevity" Sessions
saßen, hatte Paul zufällig in der Nähe einige Konzerte. Also
riefen wir an, und fragten ihn, ob er nicht Bock hätte, bei unserem Album
als Gastsänger aufzutreten - und er hatte tatsächlich Lust dazu. Also
sind Gonzo und Töffel losgefahren, um ihn ins Auto zu packen, während
ich im Studio gesessen habe, und fix die Leadstimme aufgeteilt habe. Paul
kannte den Song nicht, aber hat natürlich als alter Hase schnell
verstanden, was ich habe wollte, und es einfach gemacht. Sehr geil auch,
daß Cliff dem Song "Downfall" zum Ende noch ein "echtes" rotziges
OldSchool Solo verpaßt hat. Das ist natürlich mehr als eine
Spaßsache zu verstehen, und Cliff hat's einfach verstanden. Ich hoffe
sehr, daß sich die Gelegenheit noch mal ergibt, mit den Jungs live zu
spielen. Beim Kai war's so, wir hatten diesen Song "Blood of the Sun". Ich habe
im Proberaum an den Vocals gearbeitet, und als ich den Chorus so sang, wie ich
es mir vorstellte, sahen wir uns an und dachten im selben Moment - das klingt
ja wie die alten Secret Of Discovery-Sachen! Die Vorstellung, daß Kai
diese Linie auf dem Album singen könnte, gefiel uns so sehr, daß ich
mich einfach mal bei ihm meldete. Ich kannte ihn noch ein wenig, da wir mit
Lane To The Grey mal im Vorprogramm von Secret gespielt hatten. Er erhielt eine
Demoversion von dem Song, und hatte tatsächlich Bock auf einen
Gastauftritt.
GW: In meinen Ohren
hat "Longevity" ja einen gehörigen klassischen Metallanteil und jede Menge
deftigen Rock 'n Roll im Tank. Aber es hat auch viele melancholische Momente.
Wo sortiert sich RE-VISION selbst ein? Re-Vision:
Naja, die Fachpresse spricht derzeit meist von "Gothic Metal", wobei
allerdings jeder gleich einwirft, daß wir eigentlich gar nicht wie eine
typische Band dieses Genres klingen. Es ist schwierig. re-Vision stammen halt
ursprünglich aus traditionellen Metal-Gefilden, doch die Wave
Einflüsse von mir kommen halt immer mehr zur Geltung, zumal ich ja nicht
nur singe, sondern auch am Songwriting beteiligt bin. Außerdem ist die
Band in einer ständigen Entwicklung begriffen, die mit "Longevity" auch
nicht einfach aufhört. Es ist also durchaus zu erwarten, daß wir bei
unserem nächsten Album wieder etwas anders klingen werden. Damit machen
wir es der Presse natürlich nicht leicht, andererseits hätte aber
auch keiner von uns Bock, sich von irgendeinem Begriff einengen zu lassen. Ich
meine, wir würden nicht einen sehr guten Song wegschmeißen, nur weil
wir denken "das ist jetzt aber kein Metal mehr". Sowas ist uns eigentlich
völlig egal. Da man sich aber der Öffentlichkeit irgendwie
präsentieren muß, einigen wir uns auf den Begriff "Dark Metal". Das
ist kurz und simpel, und es stimmt einfach.
GW: "Longevity" bedeutet übersetzt so was
wie "langes Leben" oder "Langlebigkeit" Eine Botschaft an den Zuhörer oder
ein Statement der Band an ein gewonnenes Zusammengehörigkeitsgefühl?
Re-Vision: Es steckt keine bestimmte
Botschaft hinter dem Titel. Es ist einfach dieser Titelsong, der mir viel
bedeutet. Obwohl es die anderen auch tun. Bei "Longevity" hatte ich einfach das
Gefühl, hinter dieser Thematik steckt so viel, daß ich rein
artwork-technisch ein ganzes Booklet damit füllen könnte. Und in der
Tat hatte ich soviel Material, daß es locker mehrere Booklets hätten
sein dürfen... Was den textlichen Inhalt angeht, so geht es einfach um
diesen Urwunsch des Menschen, ewig zu leben. Es gibt diese Angst vor dem Tod,
die vermutlich damit zusammenhängt, daß wir ständig
eingetrichtert bekommen, daß damit alles vorbei ist. Viele mögen das
verneinen, es ist aber eine Tatsache, daß bereits das älteste
überlieferte Epos, die Geschichte von Gilgamesh, im Ende um nichts anderes
kreist, und selbst heute suchen Wissenschaftler nach Drogen oder Mitteln, das
Leben deutlich zu verlängern. Es gibt also diesen Wunsch. Es ist eine sehr
komplexe Thematik, damit könnte man ganze Bücher füllen. Ich
versuche mit dem Text von "Longevity" einfach ein Verständnis für den
zyklischen Ablauf der Dinge anzuregen. Es ist nichts vorbei, wenn man stirbt.
Ich meine, ich persönlich halte nichts von Vorstellungen von einem "Leben
nach dem Tod", ich halte das für eine schwache Trostvorstellung, ein
Mittel gegen die irrationale Angst. Aber trotzdem ist das Leben nicht zu Ende,
nur weil jemand stirbt. Geburt und Tod sind eine natürliche Sache, und nur
so kann die Welt sich entwickeln. Unsterblichkeit bedeutet auch Stillstand.
GW: Wie läuft bei RE-VISION
die Songschreiberei ab? Wer sind die schöpferischen Kräfte bei Wort
und Musik? Oder ist alles Teamwork? Re-Vision:
Wir hatten früher einmal, wie jede Band, diese Vorgehensweise,
daß einer mit irgendeinem Riff auf Gitarre oder Bass oder so ankommt, und
die anderen das dann auffangen, und ihre eigenen Sachen dazu entwickeln. Das
klingt zwar sehr schön und demokratisch, aber in der Praxis sind dann
immer ewig lange Sessions im Proberaum daraus entstanden, aber eben keine
Songs. Und wenn, dann waren die meist voll von völlig unterschiedlichen
Parts, die nix miteinander zu tun hatten. Das war ein schlechtes Konzept, und
wir haben es aufgegeben. Bei anderen Bands mag das vielleicht funktionieren.
Bei uns aber hat es sich als das Beste herausgestellt, wenn einer mit einem
quasi fertigen Song ankommt, d.h. die grundsätzlichen Parts und Stimmungen
und der ungefähre Ablauf steht bereits. Dann fängt jeder mit der
Ausarbeitung des Kleinkrams an, und ich schreibe eben die Texte (bis auf die
wenigen Ausnahmen von Gonzo). Auf diese Weise verhindert man auch, daß
man wochenlang an einem Song arbeitet, und dann auf einmal feststellt "Das ist
doch irgendwie nix". Jetzt geht alles viel schneller, man kann einen Song
direkt beurteilen und sagen "Das machen wir", oder eben nicht. Wir haben seit
den Longevity Aufnahmen schon wieder 5 Songs im Kasten, das heißt
theoretisch könnten wir bereits im Winter wieder das nächste Album
aufnehmen :-). Tatsächlich verschafft uns diese neue Geschwindigkeit aber
die Möglichkeit, beim nächsten Album viel differenzierter zu
wählen, was drauf soll, und was Outtake ist.
GW: Labeltechnisch seid Ihr
jetzt bei B-MIND. Zufrieden mit der Unterstützung da? Re-Vision: Bert ist ein verrückter Typ, der
an die Bands, die er signt, persönlich glaubt. Er läßt uns
jeden künstlerischen Freiraum, anders würde das bei uns auch nicht
funktionieren, da wir uns ständig entwickeln, und dafür Platz
brauchen. Er redet uns nicht rein, und macht seine Arbeit einfach sehr gut. Es
ist natürlich ein kleines Label, aber das bietet uns auch viele Vorteile.
Wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, und können mit ihm reden. Das ist
bei vielen Majors gar nicht möglich, da bist Du nur eine Nummer unter
beliebig vielen.
GW: Und
Konzerttechnisch? Größere Aktionen, Tour, Festivals in Planung?
Re-Vision: Es sind schon einige Gigs im
Winter angesetzt, und derzeit stehen wir in Verhandlung mit mehreren
möglichen Tourpartnern. Aber da ist noch nichts definitiv. Man kann auch
ziemlich sicher sein, daß wir auf einigen Sommerfestivals zugegen sein
werden. Die jeweils aktuellen Tourdaten sind auf unserer Homepage
(www.re-Vision.org) nachzulesen, die ständig aktualisiert wird, sobald
sich irgendwas tut.
GW: Gibt es
nach der Zusammenarbeit mit Paul, Kai und Cliff weitere Künstler, mit
denen Ihr Euch eine gemeinsame Sache vorstellen könntet oder wünscht?
Re-Vision: Hm, die Sachen mit Paul,
Cliff und Kai waren ja eigentlich recht spontan, vielleicht ergibt sich wieder
so etwas bei der nächsten Scheibe, wer weiß. Bei den Whore Venus
Aufnahmen hätten wir uns Kari Rueslatten als Gastsängerin
gewünscht, aber das hat nicht geklappt. Wir konnten keinen Kontakt
herstellen, da uns das Management nicht heranließ. Vielleicht klappt das
ja beim nächsten Mal. Es muß aber auch das Material dafür da
sein. Das steht aber alles noch in den Sternen.
GW: Die berüchtigte
Inselfrage: Stellt Euch vor Sand, Sonne, Meer und RE-VISION! Ihr dürft
aber nur drei Dinge mitnehmen! Welche? Re-Vision:
Ich würde vermutlich zwei Schuhe und 'ne Hose mitnehmen,
andernfalls käme ich mir ständig so nackt vor. Und das will bestimmt
keiner sehen, glaub mir (lach).
GW:
Na, da dank ich abschließend aber für dieses nette
Interview und laß Euch noch Raum für ein paar nette Worte an die
Fangemeinde! Re-Vision: Wir finden es
einfach super, daß die Leute unseren kleinen musikalischen Quantensprung
mitmachen. Dankeschön und schlaft gut!
Ritchie für die
GOTHICWORLD
Das Review zu "Longevity" findet Ihr
hier.
The Re-Vision im Netz:
Homepage: www.re-vision.org
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